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A Day in the Life

Hu Bos „An Elephant Sitting Still” im Berlinale-Forum

 

Und hätte es nur diesen einen Film gegeben – die Reisenach Berlin hätte sich gelohnt. Während die Kolleginnen und Kollegen des Tagesjournalismus wie gewohnt über den Wettbewerb jammern, kann die Flaneurin oder der Flaneur sich an den sogenannten „Nebenreihen“ erfreuen. Das Langfilmdebüt des 29-jährigen Chinesen Hu Bo etwa läuft im Forum des jungen Films und ist ein Film, so radikal und frisch, wie er natürlich eigentlich im Wettbewerb den Ton angeben sollte. Aber wer will schon vier Stunden scheinbar nüchterner chinesischer Alltagsbeobachtung in einem Wettbewerb sehen, wo das gediegene Mittelmaß regiert und man noch immer einem altbackenen Star-Kult huldigt, als wären es die fünfziger Jahre.

Wie auch immer: Hu Bo, Romanautor und Filmemacher, der sich im Oktober 2017 das Leben nahm, hat hier sein beeindruckendes Debüt und tragischerweise zugleich sein Vermächtnis hinterlassen: An Elephant Sitting Still erinnert in seiner lapidaren Schilderung einer nicht sehr schönen Welt ein wenig an das Auftauchen des nunmehrigen Arthouse-Lieblings Jia Zhangke vor 20 Jahren, ebenfalls bei der Berlinale. Der zunächst rätselhafte Titel verweist auf eine Art „urban legend“, wonach es im Zoo der nordchinesischen Stadt Manzhouli einen Elefanten gebe, der den ganzen Tag stillsitze, eine Attraktion, die mehrere der Protagonisten von Hus Film beschäftigt. Dieser spielt in einer tristen, nebelig verhangenen (oder ist es der Smog?), namenlosen Stadt. Es gibt vier Hauptfiguren, deren Leben im Laufe des Films immer enger miteinander verknüpft werden: den Teenager Wei Bu, der den Schul-Kraftmeier Yu Shuai versehentlich die Stiegen hinunterstößt, weil dieser ihn des Handy-Diebstahls bezichtigt; Shuais Bruder, den Kleingangster Yu Cheng, der mitansehen muss, wie sich sein bester Freund seinetwegen das Leben nimmt; Wei Bus Mitschülerin Huang Ling, die eine fragwürdige Beziehung zum Vizerektor der Schule unterhält, und schließlich den Pensionisten Wang, den seine Familie nur allzu gern ins Pflegeheim abschieben würde, um an seine Wohnung zu kommen.

Das ganze Geschehen begibt sich an einem einzigen Tag, ist virtuos gefilmt und großartig szenisch aufgelöst. Allein, wie Figuren aus dem Bild gehen, um anderswo wieder einzutreten, das ergibt einen ganz eigenen Weg, um Perspektivwechsel zu erzeugen. Der Film ist hervorragend montiert und sparsam mit Musik akzentuiert (immer dann, wenn eine „Episode“ abgeschlossen ist). Das größte Plus sind aber die hervorragenden Dialoge, die der junge Autor scheinbar mühelos aus dem Ärmel schüttelte, und die so „nahe am Leben“ sind, wie man es schon lange nicht gesehen und gehört hat: Nichts ist übertrieben, nichts ist aufgesetzt, aber auch nichts banal oder abgedroschen. Die wunderbaren Darstellerinnen (vor allem Wang Yuwen als Ling) und Darsteller tun ein Übriges, um einen diesen Film nicht so leicht vergessen zu lassen. An Elephant Sitting Still ist ein Film, der scheinbar nur „Privates“ verhandelt und doch ungemein viel über die Gesellschaft aussagt, in der er entstanden ist.

 



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