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Körper, Töchter, Romy Schneider

Wenn in Berlin Plakate mit einem Eisbären in der U-Bahn oder an der Dönerbude oder gar neben der Quadriga auf dem Brandenburger Tor auftauchen, dann weiß man: Jetzt wird es unglaublich lustig. Die Berlinale steht vor der Tür, und trotz des traditionell gnadenlos schlechten Wetters im Februar werden zwar keine Eisbären, aber doch, so wird jedenfalls behauptet, internationale Stars erwartet, um ihre Filme in der Hipster-Hauptstadt zu präsentieren. Sie werden super gut gelaunt sein, wie hinterher an den vielen Fotos von Menschen in Buddy-Umarmungen, Best-Friends-Forever-Posen, mit ausgestreckten Zeigefingern und offenen Mündern zu sehen sein wird – allen voran Festivaldirektor Dieter Kosslick, dessen vorletztes Festival gerade beginnt. Der notorisch muntere Veteran ist erst der vierte Festivalchef seit Beginn der Berlinale 1951: Auch zwei seiner Vorgänger wollten einfach nicht aufhören.

Die Prestige-Sektion Wettbewerb umfasst 19 Filme, die von einer sechsköpfigen Jury unter Leitung von Tom Tykwer beurteilt werden, und die, so scheint es, in der Mehrzahl ganz und gar nicht lustig sind. Drei Filme widmen sich den siebziger Jahren: da erzählt der philippinische Regisseur Lav Diaz in seiner Rockoper Season of the Devil von der Marcos-Diktatur; Alexey German Jr. porträtiert in Dovlatov den russisch-jüdischen Schriftsteller Sergei Dovlatov, der in der Breschnew-Zeit nicht publizieren durfte, und der amerikanisch-britische Beitrag 7 Days in Entebbe rekonstruiert eine Flugzeugentführung, mit Hilfe derer in Israel inhaftierte palästinensische Aktivisten freigepresst werden sollten.

In den achtziger Jahren spielt ein mexikanisches Road Movie, das ebenfalls auf wahre Ereignisse zurückgeht: In Museo entwenden zwei Studenten Inka-Reliquien aus dem anthropologischen Museum in Mexiko-Stadt und sehen sich plötzlich als Staatsfeinde verfolgt. Kaum relevant dagegen scheint 3 Tage in Quiberon, der einen fotografisch und journalistisch ausführlich dokumentierten Kurzurlaub der Schauspielerin Romy Schneider in der Bretagne nachstellt, aber warum? Gibt es nichts Wichtigeres zu erzählen? Liebesgeschichten vielleicht – wie In den Gängen, ein deutscher Film über Angestellte im Supermarkt, oder Philip Grönings Coming-of-Age-Drama Mein Brunder heißt Robert und ist ein Idiot oder auch Las Herederas, ein paraguayisches Gesellschaftsstück um ein lesbisches Paar, das sich neu orientieren muss.

Zu den immer wieder in Berlinale-Wettbewerbe eingeladenen Regisseuren gehört Christian Petzold, der dieses Jahr mit der Anna-Seghers-Adaption Transit dabei ist; Gus van Sant mit Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot, einem Biopic über einen querschnittsgelähmten Cartoonisten, und Steven Soderbergh mit dem Psychiatrie-Drama Unsane. Benoît Jacquot und Cédric Kahn liefern sehr wahrscheinlich bewährtes Qualitätskino, der obligatorische italienische Beitrag Figlia mia mag ein bisschen besser oder schlechter sein als die der letzten Jahre, und die Western-Komödie Damsel ist wahrscheinlich wegen ihres Stars Robert Pattinson präsent. Schließlich hat der Iraner Mani Haghighi mit Khook eine politisch wohl unverdächtige Künstlerkomödie inszeniert.

Ästhetisch und inhaltlich spannend dürfte Utøya werden: In einer einzigen, 72 Minuten langen Einstellung zeichnet der norwegische Film den Massenmord auf der titelgebenden Ferieninsel im Jahr 2011 nach. Dort schoss der Rechtsextremist Anders Breivik, nachdem er in Oslo einen Bombenanschlag verübt hatte, gezielt auf Teilnehmer eines sozialdemokratischen Jugend-Sommercamps. Der Regisseur und ehemalige Kameramann Erik Poppe war vor zwei Jahren mit dem schönen Geschichtsfilm Kongens nei im Panorama vertreten, der durch sorgfältige Farb- und Lichtregie die düstere Stimmung in Norwegen zur Zeit der deutschen Besatzung visualisierte.

Dann ist da noch Twarz, der Beitrag der außergewöhnlich begabten polnischen Regisseurin Małgorzata Szumowska, die 2015 mit ihrem Film Body Furore machte, in dem sie Dick- und Dünnleibigkeit, Leichen und Astralkörper, Leben ohne Sex thematisierte. In Twarz geht es wieder um Körper und deren Versehrtheit, aber auch um Religion und Politik im gegenwärtigen Polen. Schließlich berichtet die halb-dokumentarische Euro-Produktion Touch Me Not über Menschen mit Körperproblemen aller Art. Die rumänische Künstlerin Adina Pintilie legt damit ihr Langfilm-Debüt vor. Sie ist eine von vier Regisseurinnen im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale: Für Körper, Töchter und Romy Schneider sind die Frauen zuständig.

 

 



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