Berlinale BLOG 3

Minuten, Stunden, Tage

72 Minuten lang hat ein Rechtsextremist im Jahr 2011 auf der Insel Utøya vor Oslo um sich geschossen, bis die Polizei ihn festnahm. 72 Minuten, in denen 77 Jugendliche in einem Camp der Sozialistischen Arbeiterjugend starben, 99 schwer verletzt und 300 stark traumatisiert wurden. Das aber erzählt erst der Nachspann dieses mitreißenden Films. Die 72 Minuten zwischen erstem Schuss und Festnahme des Täters lagen, zeichnet eine unruhige Handkamera in einer einzigen Einstellung auf, die das Mädchen Kaja begleitet – es ist eine Flucht- und Suchbewegung: Nachdem die ersten Schüsse gefallen sind, versucht Kaja sich selbst in Sicherheit zu bringen und gleichzeitig ihre jüngere Schwester zu finden. Sie verharrt mit einer anderen in einer Senke im Wald, rennt ins Camp zurück, als die Schüsse näher kommen, versucht einen kleinen Jungen zu retten; leistet einem schwer verletzten Mädchen Beistand, flieht ins Wasser, kauert unter einem Felsvorsprung, ohne ihrer Schwester zu begegnen. Die fehlende Übersicht und das Chaos, das der Täter anrichtete, die Panik, in der sich die Opfer befanden, all das inszeniert Regisseur Erik Poppe in seinem Film  Utøya 22. Juli meisterlich nach, auch Momente der Ruhe, in denen die Jugendlichen erzählen, singen, einander gegenseitig trösten.

Es ist ein schwer zu ertragender Film, und man kann sich fragen, warum der Horror knapp sieben Jahre nach dem Anschlag noch einmal erlebt werden muss. Man versteht, dass nicht nur die Opfer, sondern ein ganzes friedliches demokratisches Musterland traumatisiert wurde – Utøya mag das 9/11 Norwegens sein, und so ist Poppes Film als Teil einer Erinnerungskultur zu verstehen, die niemals aufhört. Ein großartiger, ästhetisch wie inhaltlich anspruchsvoller Film, der in einer von Tom Tykwer geleiteten Jury sicher nicht leer ausgehen wird bei der Bärenvergabe.

Bei zwei Filmen, deren Titel aus Zeitangaben bestehen, ist man froh, dass man die darin benannten Fristen nicht absitzen muss: In 3 Tage in Quiberon stellt Marie Bäumer Posen nach, die Romy Schneider für den Fotografen Robert Lebeck einnahm, als der sie zusammen mit dem Boulevard-Journalisten Michael Jürgs 1981 in der Bretagne besuchte. Schneider war, ein halbes Jahr vor ihrem Tod, in schlechter Verfassung, alkohol- und tablettenabhängig und hatte sich zur Kur nach Quiberon begeben. Lebeck und Jürgs versorgten sie mit Alkohol; und das Interview, das von beiden ausgeschlachtet wurde und von Jürgs immer noch wird – bereits im Vorfeld der Berlinale war er in sämtlichen deutschen Medien präsent – ging um die Welt. Damit nicht genug: Jetzt hat sich nicht nur die mehrfache Romy-Darstellerin Marie Bäumer zu einer ihr unwürdigen Darstellung, nein: Nachstellung, hinreißen lassen, sondern auch die österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr ist mit von der Partie – als nahezu sprachlose, ewig besorgte Freundin, die Schneider vor der Presse und sich selbst retten will und doch nicht kann. Es wird viel geraucht, geseufzt und getrunken, falsch gelacht und cool geredet in diesem unwürdigen, komischerweise von Männern dominierten Film, mit dem sich auch die Regisseurin Emily Atef keinen Gefallen getan hat.

Schließlich rekonstruiert auch 7 Days in Entebbe ein historisches Ereignis: eine von deutschen und palästinensischen Terroristen geplante und durchgeführte Flugzeugentführung im Jahr 1976, um in Israel einsitzende palästinensische Häftlinge freizupressen. Trotz der etwas krawalligen, actionreichen Inszenierung des Regisseurs José Padilha, der mit seinem Militärfilm Tropa de Elite 2008 den Goldenen Bären gewann, versteht man, worum es damals ging. Die entführte Maschine der Air France, die von Tel Aviv nach Paris flog, hatte eine große Anzahl israelischer Passagiere an Bord, die von den Terroristen nach der Landung in Entebbe, Uganda, festgehalten, während die Franzosen freigelassen wurden. Die israelische Regierung unter Premier Jitzchak Rabin hatte die Maxime, niemals mit Terroristen zu verhandeln, stand aber unter starkem Druck der Öffentlichkeit, insbesondere der Verwandten der über hundert entführten Israelis. Während der Premierminister dafür plädiert, dieses Mal eine Ausnahme zu machen – für seine Verhandlungsbereitschaft mit den Palästinensern wurde er knapp 20 Jahre später von einem rechtsextremen, religiösen Fundamentalisten ermordet – setzt das Militär auf einen Überraschungseinmarsch in Uganda. Da der Coup gelang – alle israelischen Passagiere kamen frei, die Geiselnehmer wurden erschossen – vergaß man den Vergeltungsschlag des ugandischen Diktators Idi Amin, der Hunderte von in Uganda lebenden Kenianern umbringen ließ, weil Kenia Israel unterstützt hatte.

Padilha erzählt die Ereignisse chronologisch, springt zwischen den Schauplätzen Entebbe und Tel Aviv hin und her, fügt ein paar Rückblenden ein, die die Motive der Geiselnehmer erklären. Daniel Brühl spielt Wilfried Böse, Rosamund Pike Brigitte Kuhlmann, zwei Begründer der Revolutionären Zellen, mit denen der Film ein wenig sympathisiert. Brühl stellt den von den Ereignissen überrollten Böse als nachdenklichen, zurückhaltenden, freundlichen Menschen dar, der für eine bessere, gerechtere Welt kämpft, während Pike als Hardlinerin auftritt. Das ist, gerade angesichts der aktuellen internationalen Terrorismusangst, eine ungewöhnliche Sichtweise. Im besten Fall ist das aber genau das, was das Kino kann: Neue Perspektiven eröffnen und dabei auf hohem Niveau unterhalten, gerade wenn es um ernste, wichtige Themen geht.

 



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