Berlinale BLOG 4

Jetzt Aber!

Mit der Zeit kommt Schwung in diesen 68. Berlinale-Wettbewerb. Waren die ersten Tage vornehmlich von missglückten (Damsel, Eva), elegant inszenierten (3 Tage in Quiberon, Transit) und dramatisch prekären (Utøya 22. juli) Filmen bestimmt,  setzte man bei der Programmkoordination scheinbar darauf, die wilderen, mutigeren und lebendigeren Titel in die zweite Hälfte des diesjährigen Rennens um den Golden Bären zu verlegen. Den Auftakt gab der iranische Regisseur Mani Haghighi mit seiner kompromisslosen Satire Pig (Khook) über einen wehleidigen Filmemacher, der sich darüber entrüstet, dass im Iran ein Serienmörder umgeht, der es auf berühmte Regisseure abgesehen hat – nur er wartet vergeblich darauf, kaltgemacht zu werden. Haghighi, der zuletzt 2016 mit der wunderbar surrealen Parabel A Dragon Arrives! im Wettbewerb vertreten war, inszeniert seine Groteske in der üblich absurden Manier, die weder den Wahnsinn und die Paranoia verharmlost noch das Regime, das sie verursacht.

Paranoia ist ebenfalls das Stichwort, wenn es um Steven Soderberghs neuestes Kunststück geht, auch wenn Unsane in diesem Wettbewerb leider „außer Konkurrenz“ läuft. Was im Grunde allein deshalb schade ist, weil man Claire Foy für ihre Tour-de-Force-Darstellung einer dem deutschen Titel entsprechend „ausgelieferten“ Frau, die von einem Stalker verfolgt und gleichzeitig Opfer eines üblen Versicherungsbetrugs wird, durchaus einen Preis gegönnt hätte. Als junge, aufgeweckte Bankerin rückt sie gleich zu Beginn ins wackelige Bild, denn immerhin ist Unsane Soderberghs erster Handy-Film, gedreht an nur zehn Tagen und zwischen zwei PR-Touren für Logan Lucky. Der Effekt ist entsprechend gewöhnungsbedürftig. Und doch: Sobald der Horrorplot zum Überlebenskampf wird, scheint auch der Regisseur sich mit seinem neuen Equipment angefreundet zu haben, so dass die Einstellungen im Laufe der Handlung fließender, weniger abrupt und in ihrem Wesen filmischer werden – wenn auch zugleich immer verstörender.  Foy bleibt dabei stets konsequent überzeugend als die zwischen Angst und Wahn changierende Gefangene in einer psychiatrischen Einrichtung, die sich zu wehren weiß, wenn es darum geht, den eigenen Verstand und letztlich sich selbst zu retten.

Alonso Ruizpalacios rasantes und willkommen vielschichtiges Roadmovie Museum (Museo) dagegen besticht vor allem mit einer gehörigen Portion Charme und wartet zudem mit einer abenteuerlichen Geschichte auf, die lediglich einer „Nachbildung des Originals“ entspricht, wie dem Zuschauer gleich zu Beginn des Films zu verstehen gegeben wird. Genauer gesagt, geht es um den spektakulären Diebstahl der über 1.400 Jahre alten Totenmaske von König Pakal und anderer mesoamerikanischer Heiligtümer am Heiligen Abend des Jahres 1985. Doch das eigentlich spannende an Ruizpalacios offenherziger Umsetzung ist, dass sich der mexikanische Regisseur weniger für die Hintergründe des berühmten Coups interessiert, als vielmehr für die beiden ungewöhnlichen Initiatoren: Juan (Gael García Bernal) und Wilson (Leonardo Ortizgris), zwei ewige Studenten, die darauf harren, auszubrechen aus einer Welt, in der sie ihren Freigeist gefangen sehen. Ihnen folgt die Kamera auf ihrem bizarren Weg als Kunstdiebe auf der Flucht, ohne auch nur für einen Moment von ihrer Seite zu weichen. Untersucht werden dabei die familiären Beziehungen, in denen sie agieren, ebenso wie das Verhältnis einer Freundschaft, die sich gegen die Sinnlosigkeit der Wirklichkeit behauptet. Am Ende ist Museum schließlich auch ein Film über das Neuauslegen der Wahrheit, die im Kino wie davor stets relativ ist. Aber genau das macht das Erfrischende an diesem Film aus, der sich ungeniert und humorvoll damit beschäftigt, wie das Leben wirklich ist, und wie es sein kann, wenn man einmal alles auf eine Karte setzt – mit Schwung eben, und ohne Rücksicht auf Verluste.

 



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