Mut hilft weiter

Politisch und zukunftsgewandt: Die Preise der 68. Berlinale sind vergeben.

 

Eines muss man dieser 68. Berlinale-Jury lassen: Fad kann man ihre Entscheidungen wohl nicht nennen. Denn allein den begehrten Goldenen Bären für den besten Film ausgerechnet an Touch Me Not von der rumänischen Künstlerin Adina Pintilie zu vergeben, war eine Überraschung, mit der keiner gerechnet hatte, schon gar nicht Pintilie selbst. Aber auch die große Empörung blieb aus, schließlich handelt es sich bei dem Film um ein engagiertes Werk, das bestenfalls zum Reflektieren anregt und im schlimmsten Fall Ratlosigkeit hervorruft. „Wir haben herausgefunden, dass wir nicht nur das würdigen wollen, was Kino kann, sondern auch das, wo es noch hingehen kann“, begründete Tykwer die Wahl im Anschluss an die Preisverleihung, sichtlich zugfrieden mit dem bewusst kontroversen Ergebnis, zu dem das sechsköpfige Gremium heuer unter seinem Vorsitz gekommen war. Vor allem Fragen sollte diese 68. Juryentscheidung aufwerfen. Und, boy, hat sie ihr Versprechen gehalten. Aber wo die einen in erster Linie darauf aus waren, Diskussionen à la „Wo geht es hin mit dem Kino?“ anzustiften, schütteln die anderen nun verblüfft den Kopf und fragen sich: Wieso? Weshalb? Warum? Und vor allem: Nach welchen Kriterien wurde hier selektiert, um den diesjährigen Berlinale-Gewinner festzulegen?

Mut? Nun gut, wenn es darum geht, Courage zu beweisen, kann man Pintilie und ihrem Team sicher nichts vorwerfen. Und auch in puncto Originalität scheint zumindest die Idee, ihre über weite Strecken steril wirkenden Bilder im Film mit der Musik der Einstürzenden Neubauten zu kombinieren, ein cleverer Einfall. Davon abgesehen, entpuppt sich der semidokumentarische Ansatz jedoch recht schnell als weniger radikal und vielmehr distanzierend und unnahbar. Und das in einem Film, der nach Aussage der 38-jährigen Regisseurin das Wesen der menschlichen Intimität zu erforschen sucht. Konkret geht es um eine Frau um die Fünfzig, die ihre Berührungsangst damit zu überwinden versucht, dass sie einem Callboy beim Masturbieren zuschaut, mit einem anderen nur sitzt und redet, oder etwa einer Selbsterfahrungsgruppe mit zu Teil schwer behinderten Menschen bei diversen Körperkontaktübungen mit Partnern und Pflegern beobachtet. Womit wir bei der dritten Kategorie wären: Kunstfertigkeit. Denn genau die vermisst man in Pintilies Film, der nahezu ausschließlich auf statische Einstellungen, Close-ups und Totalen setzt. Zwar kann eine reduzierte Form wie diese durchaus ihren Reiz haben, und auch Touch Me Not enthält starke Momente und eindrückliche Bilder, die hervortreten. Und doch: Ein mutiges Thema und furchtlose Protagonisten allein machen längst noch keinen preisverdächtigen Film, und es ist schade, dass andere Wettbewerbsbeiträge mit einem höheren und nicht weniger zukunftweisenden filmischen Anspruch zugunsten einer politisch korrekten Juryentscheidung, wie man sie in Berlin liebt, erneut leer ausgingen.

Versöhnlicher, aber damit auch ein Stück weit unspannender fielen die Silbernen Bären aus. In dem soliden Schriftstellerporträt Dovlatov erzählt der russische Regisseur Alexey German jr. von Stagnation und Unterdrückung in der Breschnew-Ära. Dafür bedient er sich starker, verwaschener Bilder und einem zarten Hauch scharfer Ironie, die nicht nur dem Film, sondern auch seiner Titelfigur Sergei Dovlatov selbst ein Stück weit über die Runden hilft, in seinem beschwerlichen Alltag als Künstler in Leningrad, der nicht publiziert, gelesen oder gehört werden darf. Noch bissiger fiel die polnische Gesellschaftsparabel Mug (Twarz) der Berlinale-erprobten Regisseurin Malgorzata Szumowska aus, die in diesem Jahr den Großen Preis der Jury erhielt. Im Mittelpunkt ihrer Geschichte steht der unfromme Metallica-Fan Jacek, der nach einer entstellenden Gesichtstransplantation versucht, sich in seiner neuen Identität irgendwie zurechtzufinden, während Freunde, Kirche und Familie ihm alles andere als hilfreich gegenüberstehen. Es ist ein bewegender und zutiefst menschlicher Film, der etwa im Gegensatz zum Bärengewinner, buchstäblich unter die Haut geht.

Während der Drehbuchpreis an Alonso Ruizpalacios und Manuel Alcalá für den mexikanischen Beitrag Museum (Museo), ebenfalls gerechtfertigt schien, zeigte man sich beim Preis für die beste Regie mit der Vergabe des Bären an Wes Anderson dann fast schon wieder verblüffend konventionell. Der 48-jährige Meister des Absurden hatte mit seinem zweiten Animationsfilm Isle of Dogs vor zehn Tagen das Festival eröffnet und war inzwischen längst abgereist. Stattdessen nahm Bill Murray, der in der amüsanten Hundeparabel über Populismus einem bärbeißigen Schnauzer namens Boss seine Stimme leiht, die Auszeichnung entgegen. Warum die Jury nun ausgerechnet in dieser Kategorie auf Nummer sicher setzte? Vielleicht konnte man sich einfach nicht entscheiden. Verdient hätten den Preis gewiss noch ganz andere, beispielsweise Christian Petzold für seine äußerst gelungene, elegante Anna-Seghers-Verfilmung Transit oder die italienische Regisseurin Laura Bispuri, die sich in Figlia mia (Daughter of Mine) erneut mit der stets hervorragenden Schauspielerin Alba Rohrwacher zusammentat, um auf eindringliche Weise weibliche Lebenswelten zu erkunden.

Bei allem politische Engagement ist sich die Berlinale in noch einer Sache treu geblieben: Die Preise für die besten Darstelungen gehen in diesem Jahr erneut an hierzulande weitgehend unbekannte Schauspieler, wobei einige ganz sicher Marie Bäumer für ihre Glanzleistung als Romy Schneider in Emily Atefs 3 Tage in Quiberon einen Silbernen Bären gegönnt hätten. Geehrt wurde indessen die 68-jährige Ana Brun für ihre Rolle in dem paraguayischen Wettbewerbsbeitrag Las herederas (The Heiresses) von Marcelo Martinessi. Eine ältere lesbische Frau hinterfragt darin ihr Leben und entdeckt, wieviel es noch bieten kann. Das safte, tragikomische Drama durfte obendrein den Alfred-Bauer-Preis entgegennehmen, der für Filme bestimmt ist, die neue Perspektiven eröffnen.

Der Silberne Bär für den besten Schauspieler ging an den jungen Franzosen Anthony Bajon. Er spielt in La prière (The Prayer) von Cédric Kahn einen kleinkriminellen Drogensüchtigen, der in einem französischen Bergort mit Hilfe des katholischen Glauben zu sich finden soll. Als heißer Favorit galt allerdings lange – und zurecht – Franz Rogowski, der sowohl in Petzolds Film wie auch in Thomas Stubers poetischer Vor-Wende-Romanze In den Gängen exzellente Arbeit leistet. Nicht umsonst zählt der 32-jährige Berliner in diesem Jahr zu den Shootingstars des deutschen Films. Man darf gespannt sein, wo ihn seine bemerkenswerte Leinwandpräsenz noch hinführen wird.

Bleibt zu klären, warum in einem Jahrgang mit einem deutschen Regisseur als Jury-Präsidenten, keiner der immerhin vier deutschen Wettbewerbsbeiträge trotz hervorragender Kritiken einen Preis einfahren durfte? Festivaldirektor Dieter Kosslick erklärte es damit, dass die deutschen Filme ihre Siege stattdessen ganz sicher an den Kinokassen feiern würden, während Filme etwa aus Paraguay weniger Chancen auf ein Leben nach dem Festival-Hype hätten. Aber reicht das wirklich, um die künstlerische Anstrengungen im deutschen Kino im Rahmen der Berlinale komplett zu ignorieren? Immerhin war etwa Phillip Grönigs Mein Burder Heißt Robert und ist ein Idiot genau die Art wilder und sperriger Film, wie ihn sich Tykwer zu Beginn des Festivals für diesen Wettbewerb gewünscht hatte. Und auch seine Kollegen Petzold und Struber sowie die in Berlin lebende deutsch-französisch-iranische Emily Atef gingen durchaus mit kühnen, klugen, eindringlichen und ästhetisch anspruchsvollen  Filmen ins Rennen.

Am Ende kann aber bekanntlich immer nur eine/r den Golden Bären gewinnen. Und vielleicht ist Mut genau das, was diese Berlinale jetzt mehr braucht als alles andere – für die Zukunft, für das Kino, und vor allem für ein Festival nach Kosslick, der 2019 in Rente geht.

 



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