Wahre Liebe in Zeiten des Krieges

Michail Kalatosows Klassiker „Wenn die Kraniche ziehen“ in einer mustergültig restaurierten Fassung

 

Auch wenn die 68. Berlinale viele neue gute Filme (man denke nur an Wes Andersons mit dem Regiepreis ausgezeichneten Opener Isle of Dogs) bot, überstrahlte doch einer sie alle: Letjat schurawli (Wenn die Kraniche ziehen, UdSSR 1957). Das Meisterwerk des georgischen Regisseurs Michail Kalatosow (1903–1973) war nach Friedrich Ermlers Die große Wende (1946) erst der zweite sowjetische Film, der die Goldene Palme von Cannes gewann. Zudem erhielt der Liebling der internationalen Kritik den Grand Prix Technique für die herausragende Kameraarbeit von Sergei Urussewski (1908–1974) sowie eine lobende Erwähnung der Jury für die Hauptdarstellerin Tatjana Samoilowa (1934–2014), die als „russische Audrey Hepburn“ gefeiert wurde!

Nun wurde das zur Zeit des Großen Vaterländischen Krieges spielende Melodram, das auf dem bereits 1943 entstandenen Drama „Die ewig Liebenden“ von Wiktor Rosow basiert, von Mosfilm unter Studioleiter Karen Schachnasarow in 2K digital restauriert und der Weltöffentlichkeit bei der Berlinale präsentiert. Im ehemaligen DDR-Vorzeige-Lichtspielhaus International war das Publikum sichtlich ergriffen. So bezeichnete der mit 99 Jahren immer noch ungemein rüstige legendäre deutsche Produzent Artur Brauner die zum Großteil mit Handkamera gedrehte Produktion als den „menschlich ergreifendsten Film, den ich kenne“.

Wenn es jemals ein Kinowerk gegeben hat, das die sogenannte „russische Seele“ auf Zelluloid eingefangen hat, dann ist es Letjat schurawli. In der Liberalisierungsphase nach Stalins Tod entstanden, erzählt der atemberaubende und zugleich poetische Schwarzweißfilm in expressionistischen Bildern vom tragischen Schicksal des Liebespaars Boris (Alexei Batalow) und Weronika (Tatjana Samoilowa). Während der junge Idealist sich freiwillig meldet, um gegen die Nazis zu kämpfen, verliert das von ihrem Freund zärtlich nur „Eichhörnchen“ genannte Mädchen bei einem Bombenangriff ihre Eltern und wird von Boris´ Familie aufgenommen. Sein Bruder, der Pianist Mark (Alexander Schworin), begehrt Weronika und vergewaltigt sie eines Nachts. Aus Angst, ansonsten „entehrt“ zu sein, willigt sie schließlich ein, ihn zu heiraten. Unterdessen fällt Boris an der Front, nachdem er einem Kameraden das Leben gerettet hat. Weronika erfährt aber nichts von seinem Tod und hält ihn weiter für vermisst.

Chefrestaurator Igor Bogdasarow hat anhand des 35-mm-Originalnegativs ganze Arbeit geleistet: Das immer noch erschütternde Zeugnis von wahrer Liebe in Zeiten des Krieges aus selbstkritisch-patriotischer Sicht lässt die „emotionale Kameraarbeit“ von Sergei Urussewski für den Kinobesucher zu einer besonderen sinnlichen Erfahrung werden, wobei man ein „satteres“ Schwarzweiß selten gesehen hat. Noch „entfesselter“ war die Filmfotografie nur noch sieben Jahre später bei einer weiteren Kooperation von Kalatosow und Urussewski: der grandiosen Fake-Doku Soy Cuba (Ich bin Kuba).

 



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Letjat schurawliWenn die Kraniche ziehen, UdSSR 1957


Regie Michail Kalatosow,
Drehbuch Wiktor Rosow
Kamera
Sergei Urussewski
Musik Mossei Wainberg
Schnitt Marija Timofejewa
Mit Tatjana Samoilowa, Alexei Batalow, Alexander Schworin, Wassili Merkurjew, Swetlana Charitonowa, Konstantin Nikitin

 



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