Große Erwartungen am Lido

Vielversprechend wie selten zuvor: der Wettbewerb der 75. Filmfestspiele von Venedig. Eine Vorschau.

 

Da sage noch einer, sei 2018 kein gutes Filmjahr. Zugegeben, in Berlin und Cannes blieben die ganz großen Offenbarungen aus, obwohl es auch dort äußerst sehenswerte Filme zu entdecken gab, wie beispielsweise den diesjährigen Palme d’Or-Gewinner Shoplifters des Japaners Kore-eda Hirokazu, Pawel Pawlikowskis elegische Nachkriegsliebesgeschichte Cold War, Gus Van Sants derzeit im Kino laufender Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot oder Alice Rohrwachers wundersame Fabel Happy As Lazzaro. Aber das alles ist nichts gegen das Aufgebot, das einen in diesem Jahr in Venedig erwartet. Zum 75. hat man am Lido ein Programm aufgestellt, das – zumindest auf dem Papier – nicht nur das Herz eines jeden Cineasten höher schlagen lässt, sondern auch maßgeblich tonangebend für die bevorstehende Oscar-Saison sein dürfte.

Feierlich eröffnet wird das Festival am morgigen Abend mit Damien Chazelles mit Spannung erwartetem Neil-Armstrong-Biopic First Man, in dem Ryan Gosling die Hauptrolle spielt. Dass der Regisseur und sein Frontmann ein erfolgreiches Paar bilden, hat bereits der sechsfache Oscar-Sieg von Chazelles La La Land vor zwei Jahren bewiesen, und so verwundert es kaum, dass Festival-Leiter Alberto Barbera mit Chazelles Weltraumabenteuer gleich zum Auftakt erneut mit guter Unterhaltung punkten will. Wie erfolgreich sich der Film jedoch im Internationalen Wettbewerb halten kann, ist fraglich, denn da ist die Konkurrenz diesmal so stark wie selten zuvor. Ein Grund dafür ist, dass in Venedig unter anderem die Filme laufen, die aufgrund des Netflix-Verbots in Cannes vom Wettbewerb ausgeschlossen waren, darunter Ethan und Joel Coens Western-Anthologie The Ballad of Buster Scruggs und Alfonso Cuaróns Roma, sein erster Film seit Gravity, der 2013 das Festival eröffnet hatte und anschließend zum Award-Liebling avanciert war. Diesmal erzählt der Mexikaner ein in Schwarzweiß gehaltenes, zum großen Teil autobiografisch angelegtes Familiendrama in den siebziger Jahren, doch Cuaróns elegantes Gespür für visuelle Kompositionen lässt vermuten, dass auch sein neuer Film an Virtuosität in nichts nachsteht.

Ein weiterer Netflix-Kandidat ist der Brite Paul Greengrass mit 22 July, dessen Titel an den Berlinale-Beitrag Utøya 22. juli erinnert, und wie besagter Film des Norwegers Erik Poppe ebenfalls von der terroristischen Attacke in Norwegen 2011 handelt. Darüber hinaus meldet sich auch Mike Leigh, der 2004 den Goldenen Löwen für Vera Drake entgegen nehmen durfte, in diesem Jahr am Lido zurück, um seinen neuen Film Peterloo über das Massaker auf dem St. Peter’s Field bei Manchester am 16. August 1819 zu präsentieren. Und während Yorgos Lanthimos für The Favourite, sein historisches Beziehungsdrama über drei Frauen Anfang des 18. Jahrhunderts in England, mit Emma Stone, Olivia Colman und Rachel Weisz drei der spannendsten Schauspielerinnen unserer Tage gewinnen konnte, hält Julian Schnabel auf männlicher Seite mit seinem Van-Gogh-Biopic At Eternity‘s Gate dagegen. Der Film, in dem Willem Dafoe, Rupert Friend, Oscar Isaac, Mads Mikkelsen und Mathieu Amalric mitwirken, zählt ebenfalls zu den Hot Tickets des heurigen Jahrgangs.

Für Überraschung sorgten die beiden französischen Beiträge im Wettbewerb, zumal sowohl Olivier Assayas als auch Jacques Audiard bisher zur Riege der treuen Cannes-Kandidaten gehörten. Am Lido präsentiert Assayas nun Double Vies, eine in der Pariser Verlagsszene angesiedelte Komödie, für die er sich erneut mit Juliette Binoche zusammengetan hat, während Audiard mit seinem ersten Film in englischer Sprache aufwartet. The Sister Brothers wird als düstere Western-Komödie gehandelt und verspricht mit Jake Gyllenhaal und Joaquin Phoenix in den Hauptrollen ebenfalls einen ernstzunehmender Löwen-Anwärter.

Im vergangenen Jahr war Guillermo del Toro in Venedig für seine hinreißendes Kinomärchen Shape of Water mit dem Preis für den besten Film ausgezeichnet worden. Heuer darf er dafür den Juryvorsitz übernehmen. Für den filmvernarrten Mexikaner dürfte dies ein großes Fest werden, und man darf gespannt sein, wie mutig, politisch korrekt oder künstlerisch motiviert die Entscheidung unter seiner Führung ausfallen wird. Namhafte Unterstützung erhält der Mexikaner unter anderem von Christoph Waltz und Naomi Watts sowie dem neuseeländischen Regisseur Taika Waititi, der zuletzt bei Thor: Ragnarok Regie führte.

Neben weiteren vielversprechenden Produktionen wie Nuestro Tiempo von Carlos Reygadas, László Nemes‘ Son of Saul-Nachfolger Sunset und dem Suspiria-Remake von Luca Guadagnino, ist auch der deutsche Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck mit seinem neuen Film Werk ohne Autor am Lido vertreten, für den er Tom Schilling, Paula Beer und Sebastian Koch gewinnen konnte. Und das ist noch nicht einmal der komplette Wettbewerb. Insgesamt 21 Filme sind es, die in den kommenden zehn Tagen um die Gunst der Kritiker und Jurymitglieder buhlen werden.

Außer Konkurrenz darf man auf Bradley Coopers Regiedebüt A Star is Born mit Lady Gaga gespannt sein, während S. Craig Zahler nach Brawl in Cell Block 99 mit seinem neuesten Vince-Vaugh-Vehikel aufwartet. Für Dragged Across Concrete hat der australische Regisseur diesmal obendrein Mel Gibson verpflichtet, und der Titel deutet darauf hin, dass es auch hier wieder hart zur Sache gehen wird. Als krönenden Abschluss dieses erstaunlichen 75. Jahrgangs hat Alberto Barbera schließlich Nick Hamms Thriller Driven ausgewählt, der Anfang der achtziger Jahre in Kalifornien spielt und die Geschichte von John DeLorean und dessen ikonischer DeLorean Motor Company erzählt.

Soweit, so vielversprechend. Ob das Programm jedoch auch auf der Leinwand hergibt, was die Namen erhoffen lassen, wird sich zeigen. Ein bisschen schade ist, dass bei dem diesjährigen Staraufgebot am Lido die Nebenreihen im Trubel unterzugehen drohen. Nicht unerwähnt soll an dieser Stelle deshalb Sudabeh Mortezais neuer Film Joy bleiben, der in der Sektion Venice Days (Giornate degli Autori) im Rahmen des Festivals seine Weltpremiere feiert.

 



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