Hoch hinaus

Mit „First Man“ beschert Damien Chazelle Venedig erneut einen geglückten Eröffnungsfilm.

 

Neil Armstrong war kein Mann der großen Worte, nicht vor der Mondlandung und auch nicht danach. Vom Heldendasein hielt er nichts, sondern konzentrierte sich lieber auf die Technik und darauf, was es brauchte, um den Weltraum zu erkunden: Wissen, Verstand und verdammt gute Nerven. Und auch als Privatmann war er kein Draufgänger, sondern mied Gefahren, wo er nur konnte. Vielleicht wirkt Damien Chazelles First Man, mit dem die Internationalen Filmfestspiele von Venedig eröffnet wurden, genau deshalb auch so trefflich und überzeugend, weil der Film, so wie sein Protagonist, sozusagen von Natur aus auf Effekthascherei und Aufgeblasenheit verzichtet und lieber, soweit es geht, auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Für Chazelle, der vor zwei Jahren mit La La Land im Grunde genau das Gegenteil von „gesetzt“ auf die Leinwand zauberte, mag das bei der Verwirklichung des Projekts mitunter die größte Herausforderung gewesen sein, und es gibt Stimmen, die ihm im Nachhinein jetzt genau das fehlende Spektakel vorwerfen wollen. Doch sein beflügelndes und zugleich solide inszeniertes Biopic über den ersten Mann auf dem Mond, der von Ryan Gosling mit Bravour verkörpert wird, ist nicht nur ein gelungener Opener für das Festival, sondern auch ein Glücksfall fürs Kino.

Hoch hinaus wollte sicher auch Rick Alverson in The Mountain, nur leider ist der für seine ersten beiden Filme The Entertainment und The Comedy in Sundance gefeierte US-amerikanische Indie-Regisseur mit seinem Wettbewerbsbeitrag in Venedig auf Sand gelaufen. Dabei standen die Chancen mit einer Besetzung, zu der Jeff Goldblum, Tye Sheridan, Denis Lavant und Udo Kier gehören, durchaus nicht schlecht. Dennoch gelingt es Alverson nicht, seinem steril anmutenden Drama genügend Leben einzuhauchen, als dass man sich auch nur annähernd um seine derangierten Protagonisten scheren würde. Wir befinden uns im Amerika der fünfziger Jahre, wo der mehr als introvertierte Andy nach dem Tod seines strengen Vaters von einem Doktor namens Wallace Fiennes angeheuert wird, der einst die verstörte Seele seiner Mutter zu heilen versuchte. Wallace, der sich auf Lobotomien und Schocktherapie spezialisiert hat, engagiert den Jungen als Fotograf, der mit ihm von einer Psycho-Klinik zur anderen durch die Lande ziehen und ihm dabei helfen soll, seine unkonventionellen Behandlungsmethoden Publik zu machen. Angelehnt an die Praktiken des amerikanischen Neuropathologen Walter Freeman, gibt Goldblum zwar eine recht überzeugend exzentrische und gewohnt nonchalante Show, dennoch erscheint alles in Alversons Film derart gewollt inszeniert und überzogen, dass man sich recht bald nur noch nach dem Ende sehnt. Bis es soweit ist, muss man allerdings noch eine ganze Menge von Denis Lavants typischer körpergesteuerter Mimik und Gestik ertragen, die selbst Kameramann Lorenzo Hagerman mit seinen statischen Einstellungen und einer Farbpalette aus verblassten Blau-, Grau- und Braun-Tönen nicht zu dämpfen versteht.

 



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