Vitamin C

Cuarón, Cooper und die Coen Brothers, dazu Lady Gaga – Venedig ist in vollem Schwung

 

Es passiert nicht alle Tage, dass sich bei der Festivalberichterstattung bereits nach kaum 48 Stunden erste Ermüdungserscheinungen einstellen. Für gewöhnlich schlägt man sich ganz gut bis zum Wochenende durch und merkt erst am Montag, wie sich die Dauerkinostarre langsam aber sicher in den Knochen festsetzt. Doch wenn in den ersten drei Tagen bereits so viele Must-See-Filme laufen, dass man sich, kaum ist die eine Vorstellung zu Ende, sofort in der Schlange für die nächste Pressevorführung wiedersieht, kann auch das noch so strapazierfähige Sitzfleisch einer Filmkritikerin aus dem Gleichgewicht geraten. Einziger Trost: Der Einsatz hat sich bisher größtenteils gelohnt, und die von Festival-Leiter Alberto Barbera klug programmierte Dosis Vitamin „C“– mit Cuarón, Cooper und den Coen Borthers – zum Einstieg macht gute Laune und lässt vermuten, dass es am Lido auch in den kommenden Tagen auf ähnlich hohem Niveau und mit Tempo weitergeht.

Ein paar Gänge zurückgeschaltet hat Alfonso Cuarón dagegen auf der Leinwand. Sein neuer Film Roma gehört zu den drei Netflix-Produktionen, die angesichts der verschärften Wettbewerbsbedingungen im Mai nicht in Cannes laufen durfte. Da man in Venedig dem wachsenden Einfluss der Streamingdienste im Kinogeschäft jedoch weniger aggressiv gegenübersteht, durfte der Mexikaner seine in Schwarzweiß gefilmte Geschichte über eine Mittelklassenfamilie in der Hauptstadt seiner Heimat Anfang der siebziger Jahren nun am Lido präsentieren. Und obwohl Roma, anders als Cuaróns 3-D-Spektakel Gravity, ein überaus behutsamer beobachtender, feinsinniger und leise bewegender Film ist, sollte man sich in jedem Fall die Mühe machen, ihn im Kino zu sehen. Denn neben der sich langsam vorwärts schiebenden Handlung, die sich im Wesentlichen um das indigene Hausmädchen Cleo (Yalitza Aparicio) dreht, die sich um die Kinder eines auseinandergelebten Akademikerpaares kümmert, besticht der Film vor allem durch seine endlose Liebe fürs Detail und eine Kameraführung, die einen bereits nach wenigen Minuten in ihren Bann zieht und so schnell nicht mehr loslässt.

Etwas rasanter ging es da schon bei Joel und Ethan Coen zu. Die Brüder beschäftigen sich in ihrer ursprünglich als Mehrteiler für Netflix konzipierten Western-Anthologie The Ballad Of Buster Scruggs mit alten und neuen Themen ihres sich ewig erweiternden Ideenkosmos und halten trotzdem alles so frisch und voller Elan beisammen, dass man nur beglückt zuschauen und immer wieder staunen kann. Bei allem Gespür für treffsichere Pointen, bizarre Charaktere und absurde Gewalt überrascht diesmal jedoch vor allem der melancholische Unterton, den die einzelnen Episoden bisweilen aufweisen. Während ein fröhlich vor sich hin trällernder Tim Blake Nelson als Buster Scruggs noch bis zum plötzlichen Ende seiner Tage fest an die eigene verschrobene Brillanz glaubt und auch James Francos verfehlter Bankräuber aus jeder noch so grotesken Situation einen im wahrsten Sinne des Wortes gewaltigen Haken schlägt, wird es danach merklich ruhiger und schwermütiger im wilden Amerika der Genre-Routiniers: Sei es Liam Neeson als wandernder Schausteller auf der Suche nach einer neuen Attraktion für sein Unterhaltungsgeschäft, Tom Waits in der Rolle eines Goldschürfers, der sein Finderglück herausfordert, oder Zoe Kazan als unverhofft auf sich allein gestellte Siedlerin auf dem Weg nach Oregon, was die Figuren in The Ballad Of Buster Scruggs verbindet, ist weniger ein gemeinsames Schicksal als die verzweifelte Zuversicht auf ein besseres Leben im falschen.

Was die Figuren der Coen-Brüder sehnsüchtig erhoffen, erfüllt sich schließlich in Bradley Coopers A Star is Born, in dem der Schauspieler nicht nur seinen Einstand als Regisseur, sondern zudem auch als Rockstar gibt. Wer jedoch zumindest eine der mittlerweile vier existierenden Variationen des romantischen Musical-Dramas gesehen hat, weiß, dass ihm selbst lediglich die Rolle des gebrochenen Liedermachers zugeschrieben ist, der seiner großen Liebe über die neu gefundene Zweisamkeit hinaus zum großen Erfolg verhilft. Verkörpert wird besagte Angebetete, die in Coopers Adaption Ally heißt, von einer bewusst bodenständig auftretenden Lady Gaga, die sowohl musikalisch als auch darstellerisch alles aus ihrer Figur herausholt und damit den Film über weite Strecken trägt. Und auch bei der Premiere am Freitagabend hatte die Künstlerin mit italienisch-amerikanische Wurzeln Presse und Publikum am Lido fest im Griff. Mit rosafarbenen Federboa-Robe verstand sie es wie keine Zweite, trotz strömenden Regens im Rampenlicht zu strahlen und Venedig damit einen weiteren großen Starauftritt zu bescheren.

 



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