Gut und Böse

Mit „The Favourite“ hat Venedig einen weiteren der diesjährigen Favoriten gefunden

 

Es konnte so strahlend ja nicht weitergehen. Und deshalb wurden mit den sich zunehmend verdichtenden Gewitterwolken am Wochenende auch die Filme am Lido durchwachsener. Vielleicht lag es aber auch einfach nur daran, dass man die ganz großen Favoriten und Stars in Venedig immer zum Auftakt auf den roten Teppich bringen muss, bevor sich ein Großteil vor allem der US-amerikanischen Filmschaffenden und Kritiker nach Toronto aufmachen. Was auch immer der Grund sein mag, die Stimmung trübt es in diesem Jahr dennoch nicht. Denn selbst Mittelmaß scheint in diesem 75. Wettbewerb einer anderen, strengeren Definition zu unterliegen, sodass das Publikum bisher von den ganz großen Enttäuschungen verschont blieb.

David Oelhoffens Close Enemies beispielsweise, in dem Reda Kateb einen engagierten Drogen-Cop spielt, der im Sozialbau-Milieu seiner eigenen Kindheit ermittelt und dabei den alten Freundeskreis aufmischt, fällt zwar zu kurz, wenn es um Figurenentwicklung und Dichte geht. Dennoch holt Oelhoffen mit seiner gezielten Besetzung letztendlich genug heraus, um die Spannung bei aller Vorhersehbarkeit des Plots trotzdem nie allzu sehr schleifen zu lassen. Neben Kateb imponiert Matthias Schoenaerts einmal mehr als hart gesottener Kleingangster mit Verstand und dem Herz am rechten Fleck. Doch am Ende bietet das Drehbuch leider keinem von beiden Schauspielern genügend Raum, um der vermeintlich komplexen Beziehung zwischen den Kindheitsfreunden das nötige Gewicht zu verleihen.

Erfolgreicher zeigte sich da schon sein Landsmann Olivier Assayas, der mit seinem neuen, dialoggetriebenen Drama Doubles Vies am Puls der Zeit zu operieren weiß. Geredet wird in dem von Intellektuellen bevölkerten Film vor allem über den unaufhaltsamen Aufstieg des Digitalen in Zeiten des Buchsterbens, über Politik und Polemik, Twitter und eBooks, Dichtung und Wahrheit, und was es sonst noch zu bereden gibt, wenn Männer auf Frauen und Schriftsteller auf Verleger treffen. Zwar ist auch bei Assayas wenig neu und vieles überspitzt, bis hin zum noch so altbackenen Klischee. Und trotzdem sorgen seine trefflichen, mitunter selbstironischen und stets erfrischenden Dialoge für derart gute Laune, dass man ihm beinahe den Preis für das Beste Drehbuch gönnen würde.

Die größeren Chancen auf einen Preis – egal ob Drehbuch, Regie, Darsteller oder Bester Film – kann sich allerdings der Grieche Yorgos Lanthimos  ausrechnen. Sein bitterböses, in Witz, Scharfsinn und Intrige gehülltes Kostümdrama The Favourite steht nach der Halbzeit eindeutig mit am höchsten in der Gunst der Kritiker vor Ort. Eine stets umwerfende Olivia Colman gibt in dem Film die Anfang des 18. Jahrhunderts über das britische Reich waltende Queen Anne als infantile, wehleidige und ahnungslose Königin, die sich weniger um ihr Volk als um ihre mehr als ein Dutzend Zuchthasen kümmert. Den königlichen Hof und die lästigen Regierungsgeschäfte leitet derweil Lady Sarah, Gattin des ersten Duke of Marlborough, mit der Anne eine mehr als innige Freundschaft verbindet. Diese wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, als Lady Sarah den fatalen Fehler begeht, ihrer vom Wohlstand verlassenen Cousine Abigail (Emma Stone) eine Anstellung am Hof der Königin zu gewähren. Denn kaum hat sich Abigail eingelebt, prescht sie mit ihrer eigenen Absichten und Intentionen vor, und ein groteskes, durch und durch intrigantes Spiel um Macht, Stolz und Lüste nimmt seinen unheilvollen Lauf. Lanthimos inszeniert den höfischen Kleinkrieg souverän und mit üppigem Dekor, während die Dialoge abwechselnd zwischen hinterlistig, verführerisch und böse changieren. Dass hinter der prächtig ausstaffierten Fassade weniger Tiefsinn und entrückte Logik liegen, mögen Verfechter von Lanthimos‘ früheren Filmen bedauern. Dem unabstreitbaren Unterhaltungswert des Films tut das kleinen Abbruch und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn Jury-Präsident Guillermo del Toro nicht ebenfalls Gefallen an dem absurden Spektakel finden sollte.

 

 



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