Die Schattenseite des Kinos

Ob Horror, Mystery oder Popdrama: Die Welt ist düster in den Filmen am Lido.

 

Wie lassen sich die Wettbewerbsfilme der vergangenen Tage am ehesten auf einen gemeinsamen Nenner bringen? Lang sind sie zumeist: Mike Leigh lässt in seinem wortgewaltigen Geschichtsdrama Peterloo bei einer Laufzeit von 154 Minuten durchaus auch Langeweile aufkommen; László Nemes‘ Sunset nimmt sich 142 Minuten Zeit, um seine verschachtelte Geschichte über eine junge Frau in Budapest am Vorabend des ersten Weltkriegs zu erzählen; und auch Luca Guadagnino dehnt sein Suspiria-Remake auf 152 Minuten aus, während das Original mit knapp hundert ausgekommen ist. Ausdauer allein macht, wie sich am Beispiel dieser Werke erneut bestätigt, längst noch keinen gelungenen Film. Da gelten andere Kategorien. Doch ob lang oder kurz, gefeiert oder kritisiert, was die meisten Beiträge zur Halbzeit des Festivals dennoch zu verbinden scheint, ist das düstere Blut, das in ihren Adern fließt.

Natürlich, in Guadagninos Suspiria, dem ersten italienischen Wettbewerbsfilm heuer, war der Horror schon programmiert. Vom Regisseur selbst als „Cover-Version“ des Dario-Argento-Klassikers aus den siebziger Jahren umworben, ließ seine ambitionierte Neuauflage des ausufernden Hexenspektakels jedoch zu wünschen übrig. Eingebettet in eine neue Rahmenhandlung, die in einer Tanzschule im West-Berlin des Jahres 1977 spielt, sucht Guadagnino in seiner Version bisweilen krampfhaft nach Parallelen zwischen Deutschem Herbst und Nazivergangenheit, während sich Dakota Johnson als „Auserwählte“ im wahrsten Sinn des Wortes die Seele aus dem Leib springt, dreht und windet, ohne dass sich beim Betrachtenden jemals ein wahres Gefühl von Wahn und Magie einstellen würde. Wie immer überzeugt Tilda Swinton – hier in der Rolle einer strengen Tanzlehrerin à la Pina Bausch –, doch auch sie vermag in der fast durchweg weiblichen Besetzung nicht den nötigen Schauder aufkommen zu lassen, um eine Neuauflage des famosen Horror-Thrillers tatsächlich zu rechtfertigen. Erwartungsgemäß teilten sich die Reaktionen nach der Pressevorführung trotzdem zu ungefähr gleichen Teilen in Buh-Rufe und beschwichtigenden Beifall, denn eines muss man Guadagnino lassen: Mut hat er, Talent auch und ein bemerkenswertes Auge sowieso. Aber vielleicht wäre es nach zwei Remakes (sein voriger Film A Bigger Splash basierte auf Jacques Derays La Piscine) an der Zeit für Guadagnino, sein Können wieder einmal auf eigene Stoffe anzuwenden statt nur auf die Wirkkraft alter Meister zu vertrauen.

Mangelnde Originalität ist dagegen kein Vorwurf, den man dem ungarischen Regisseur László Nemes machen könnte. Sein heftig umstrittenes, oscarprämiertes Spielfilmdebüt Son of Saul kam einer filmischen Urerfahrung gleich, wie man sie im gegenwärtigen Kino nur noch äußerst selten erlebt. Und auch Nemes‘ neues Werk Sunset erweckt im Zusehenden ein Gefühl der willkommenen Unruhe, das vielen anderen Filmen abgeht. Die Geschichte dreht sich um eine eigenständige junge Frau namens Írisz (Juli Jakab). Sie trifft in Budapest ein, um sich im besten Hutgeschäft der Stadt um eine Stelle zu bewerben, die ihr eigentlich sicher sein müsste. Denn Írisz ist nicht nur gebildet und begabt, sondern obendrein die Tochter der ehemaligen Besitzers des Huthauses Leitner, das mittlerweile von einem Herrn namens Brill (Vlad Ivanov) geführt wird. Warum und wieso bleibt ungewiss, wie auch vieles andere in Nemes‘ mysteriöser Erzählung, die bis zum Schluss faszinierendes Fragment bleibt, anstatt in einer ausformulierten Handlung aufzugehen. Denn Írisz ist auf der Suche, erst nach Arbeit, dann nach ihrem Bruder und schließlich nach der Wahrheit – ohne jemals ans Ziel zu gelangen. Manch Zuseher mag sich von den narrativen Bruchstellen inSunset vor den Kopf gestoßen fühlen. Doch die von Nemes kreierten Bilder, Stimmungen und Eindrücke, welche jene unheilvolle, einnehmende Atmosphäre schaffen, in der sich die rätselhafte Heldin bewegt, zeugen erneut von einem bemerkenswerten Instinkt und Gespür für eine andere Art des Sehens. Nicht umsonst gilt Nemes als einer der vielversprechendsten Auteurs des Gegenwartskinos.

Julian Schnabel indes hat den Auteur-Titel längst sicher; auch er setzt in seinem ehrfürchtigen Künstlerporträt At Eternity's Gate auf zum Teil farbintensivierte Stimmungsbilder und geht mit seinem getriebenen Protagonisten auf Tuchfühlung. Willem Dafoe gibt den an sich und der Welt letztlich zerbrechenden Vincent van Gogh, der seine innersten Dämonen genauso fürchtet wie ein Leben ohne die Malerei. Wie Van Gogh sich durch den Film bewegt, mit absoluter Hingabe, Überzeugung und Leidenschaft, ist vor allem Dafoes bemerkenswertem Spiel zu verdanken (und jenem des mit Rupert Friend, Oscar Isaac und Mads Mikkelsen bis in die Nebenrollen hervorragend besetzten Ensembles). Das Schauspiel ist es auch, das Schnabels Inszenierung davor bewahrt, am streckenweise allzu aufdringlichen Stilwillen des Regisseurs zu zerbrechen.

Florian Henckel von Donnersmarcks, der mit seinem Werk ohne Autor ebenfalls das Porträt eines Malers und damit zugleich den einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag beisteuerte, hat diesbezüglich weniger Glück. Zwar gibt auch Tom Schilling sein Bestes, um den von ihm verkörperten, an den Lebensweg Gerhard Richters angelehnten Künstler so überzeugend wie möglich darzustellen, doch gestattet ihm das Drehbuch trotz 188 Minuten Laufzeit nicht genügend Möglichkeiten, seiner Figur Profil und Schärfe zu verleihen.

Unter den Frauen hinterließ derweil Natalie Portman in Brady Corbets düsterem Terror-Popstar-Drama Vox Lux einen bleibenden Eindruck. Erzählt wird darin die Geschichte vom Auf- und Abstieg der Sängerin Celeste, die als Teenager bei einem High-School-Massaker schwer verwundet und anschließend von ihrem Schicksal überrollt wird. Wie bereits bei seinem provozierenden Regiedebüt The Childhood of a Leader unterteilt Corbet seinen Film  in mehrere Akte. Man verfolgt, wie sich Celeste über die Jahre vom scheuen Liedermädchen zur Junkie-Popdiva mausert und welche Kollateralschäden eine derartige Persönlichkeitsentwicklung nach sich zieht. Pointiert, kompromisslos und bisweilen seiner Zeit voraus, hat der gerade mal dreißigjährige ehemalige Schauspieler damit vielleicht einen der gescheitesten und eigenartigsten Filme dieses Jahrgangs gedreht, wobei die Betonung hier eindeutig nicht auf artig liegt.

Am Ende konnte nur einer das eingesessene Publikum in Venedig noch mehr überraschen: Jacques Audiard. Als sein erstes englischsprachiges Werk wählte der Franzose einen mürrischen Western, in dem er Joaquin Phoenix und John C. Reilley als ungleiches Brüderpaar mit Killerinstinkt durch das Oregon des 19. Jahrhunderts schickt. The Sisters Brothers fängt harmlos an, was sich jedoch alsbald vor dem Auge des Zusehers entwickelt, ist ein sorgfältig beobachteter, feinsinniger und wandlungsreicher Film – es ist eine wahre Freude, Audiard mit kühnem Blick und Nonchalance in so fremden wie wilden Gefilden jagen zu sehen. Ob der Perspektivwechsel des französischen Auteurs dem Jury-Chef Guillermo del Toro einen Löwen wert ist, wird sich zeigen.

 



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