You Go, Girl!

Die einzige Regisseurin im Wettbewerb macht ihren Kollegen Konkurrenz.

 

Gegen Ende jedes Festivals stellt sich Panik ein. So viele verpasste Filme, die jeder für sich eine kleine, neue Entdeckung darstellen könnten. Doch bei einem Wettbewerb mit insgesamt 21 Beiträgen, von denen theoretisch tatsächlich fast jeder ein potenzieller Löwen-Kandidat hätte sein können, kamen vor allem die Nebenreihen in diesem Jahr eindeutig zu kurz. Dafür liefen auch hier die neuesten Arbeiten durchaus beachtlicher und namhafter Regisseure – und Regisseurinnen! Umso mehr verwundert es, dass Festival-Chef Alberto Barbera sich so verbohrt zeigte, als es im Vorfeld einmal mehr um die Frage ging, warum es Venedig auch im Jubiläumsjahr erneut verfehlte, mehr Filmemacherinnen in den Offiziellen Wettbewerb einzuladen. Sein trockener Kommentar dazu: “Putting another film in the main competition just because it’s made by a woman would be really offensive for the director … I would prefer to change my job if I would be forced to select a film only because it’s made by a woman and not on the basis of the quality of the film.”

Aber genau hier liegt der Hase im Pfeffer, denn an der Qualität der Filme, hinter der sich Barbera zu verstecken versucht, mangelt es eben gerade nicht. Während es Cannes im Mai mit Alice Rohrwacher, Nadine Labaki und Eva Husson zumindest auf drei Regisseurinnen im Wettbewerb brachte, laufen in Toronto derzeit die neuen Filme von Claire Denis, Nicole Holofcener, Elizabeth Chomko, Patricia Rozema und Mia Hansen-Løve. Will Barbera da wirklich behaupten, keine dieser Arbeiten würde den zweifelsohne hohen Maßstäben seines Auswahlverfahrens entsprechen? Und mehr noch: Ein kurzer Blick in die Nebenreihen genügt, um seine seltsame Theorie zu widerlegen. Denn sowohl Charlie Says von Mary Harron, der in der Reihe Orizzonti lief, als auch Sudabehs Mortezais Joy, für den die Regisseurin im Rahmen der Giornate degli Autori gestern vom Europa Cinemas Label als Bester Europäischer Film sowie mit dem Hearst Film Award für die beste weibliche Regie ausgezeichnet wurde, beweisen, dass es durchaus noch andere geeignete Frauenstimmen gegeben hätte, um dem Herrenverein im heurigen Rennen um den Golden Löwen Paroli zu bieten. Vor allem Mortezai überzeugt in ihrem zweiten Spielfilm mit einer faszinierenden Bildsprache. Ihr bemerkenswertes Gespür dafür, sich in Menschen und ihre Schicksale einzufühlen, das sie bereits bei ihrem Erstling Macondo zum Einsatz brachte, bekommt in ihrer Geschichte über drei Frauen aus Nigeria, die sich jeweils an verschiedenen Enden des Frauenhandels und der Prostitution in Europa befinden, noch einmal um einiges bestürzender zum Ausdruck.

Aber auch die einsame Löwen-Kandidatin Jennifer Kent, die ebenfalls ihren zweiten Film präsentierte, hat durchaus Chancen, am heutigen Abend mit einem Preis nach Hause zu gehen. Denn The Nightingale hat im Grunde alles, was ein guter Film braucht: Eine wichtige Geschichte, die es verdient, erzählt zu werden, eine Hauptdarstellerin, die es versteht, die Last der ganzen Welt auf ihren schmalen Schultern zu tragen, sowie eine Wut im Bauch, die sich angesichts von Kents kluger Regie so langsam, aber sicher auf die Leinwand überträgt, dass es im Moment der großen Entladung während der Pressevorführung zu (bisweilen kontroversem) Szenenapplaus kam. Denn nach ihrem beeindruckenden und allseits gefeierten Horrordebüt mit The Babadook hat sich die Australierin diesmal für ein düsteres Rape-Revenge-Drama entschieden, dass im australischen Outback während der Kolonialzeit spielt. Ihre Protagonistin ist eine junge Irin (Aisling Franciosi), die sich mit Hilfe eines indigenen Guides (Baykali Ganambarr) durch die Wildnis schlägt, um den Soldaten zu finden, der sie vergewaltigt und ihren Mann und ihr Baby getötet hat. Aus dem ungleichen Paar, das sich auf der Reise behutsam anfreundet, entwickelt der Film eine ganz eigene, innige Dynamik, mit der es Kent gelingt, die immer wieder unverhofft und brachial einbrechende Gewalt auszuloten, die The Nightingale durchzieht. Ob das reicht, um auch die Jury davon zu überzeugen, dass so viel gescheit inszenierte Frauen-Power durchaus mehr als eine lobende Erwähnung wert ist, wird sich zeigen. Aber mit Genre-Fan Guillermo del Toro an der Spitze, stehen ihre Chancen vielleicht besser als in anderen Jahren.

Den männlichen Kollegen schien gegen Ende des Wettbewerbs dagegen ein wenig die Luft auszugehen. Zwar versuchte Paul Greengrass in 22 July mit seiner Sicht auf den Täter und Opfer der Terroranschläge in Oslo und auf Utøya von 2011 nahtlos an seine spannendsten Würfe wie Bloody Sunday oder Captain Phillips anzuschließen, doch die Netflix-Produktion bleibt in ihrer Wirkung überraschend beschränkt. Liegt es am gefühlten Fernsehformat? Oder einfach nur daran, dass, nachdem Anfang des Jahres bereits der Norweger Erik Poppe in Utøya 22. Juli den Amoklauf von Anders Breivik nachzeichnete, der nötige Abstand zum Thema wie zu den Bildern fehlt? Wie dem auch sei, für einen Löwen dürfte es in diesem Fall nicht reichen – weder für Greengrass noch für Kult-Regisseur Tsukamoto Shinya, dessen so blutiges wie konfuses Samurai-Drama Killing ebenfalls enttäuschte.

Allein Carlos Reygadas verstand es, mit seinem ersten Film in sechs Jahren auf der Zielgraden noch einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Und das nicht nur, weil Regadas darin sich selbst, seine Frau Natalia Lopez sowie ihre gemeinsamen Kinder in Szene setzt. Sein ungewöhnliches Ehedrama Our Time ist mit 173 Minuten zwar streckenweise zu zäh und langatmig, vor allem, wenn es um die Auseinandersetzungen, Abhängigkeiten und Grenzverschiebungen der offen Beziehung geht, die das Paar auf der Leinwand zunehmend krampfhaft zu führen versucht. Dennoch besticht Reygadas‘ Film auf seine gewohnt seltsame, meditative und zugleich sinnliche Art, die ihn zu einem der nachdrücklichsten Arbeiten dieses Wettbewerbs macht. Für mehr wird es jedoch vermutlich nicht reichen.

Aber natürlich bleibt bis zur Jury-Entscheidung jede Vermutung reine Spekulation. Denn wer weiß schon, was tatsächlich in deren Köpfen vorgeht? Zudem geschieht es immer seltener, dass der Film, der bei den Kritikern am besten ankam, am Ende auch den Hauptpreis gewinnt. Trotz der allgemeinen Lobeshymnen auf Cuaróns Roma machte sich zudem bereits früh die Theorie breit, dass del Toro schwerlich seinen Freund und Landsmann auszeichnen würde beziehungsweise dürfe. Aber warum eigentlich nicht, wenn der nun einmal den besten Film vorgelegt hat? Warten wir’s also ab und hoffen auf kluge Entscheidungen – Überraschungen nicht ausgeschlossen.

 



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