Kunst und Vorurteil

Also doch: Der Goldene Löwe geht an Alfonso Cuaróns „Roma“.

 

Es gibt sie also doch, die Gerechtigkeit, auch im Kino. Alle hatten es gehofft, doch nur wenige tatsächlich daran geglaubt, dass Alfonso Cuarón den Goldenen Löwen erhalten würde. Roma, in dem der Regisseur in bestechenden Schwarzweißbildern aus dem Leben einer Hausangestellten in einer oberen Mittelklassefamilie in Mexiko-Stadt zu Beginn der siebziger Jahre erzählt, galt bei den Kritikern bereits nach ein paar Festivaltagen als haushoher Favorit. Doch die enge Freundschaft zwischen Cuarón und Landsmann Guillermo del Toro, der heuer den Juryvorsitz übernommen hatte, ließ bei vielen die Hoffnung auf den Hauptpreis verblassen.

Umso erfreulicher, dass auch im Zeitalter von politischer und sonstiger Korrektheit noch Entscheidungen fallen, die sich in erster Linie am Sehen wie an der Kunst der Bilder orientieren. Denn die beherrscht Cuarón in seinem nach Gravity durchaus bescheiden wirkenden, aber dafür umso präziser beobachteten Drama wie kein zweiter – und das, ohne dabei etwa die politische und sozialkritische Dimension seiner Geschichte jemals aus den Augen zu verlieren. Will man, um der leisen Wucht von Roma auf die Schliche zu kommen, in der Kinogeschichte nach Vergleichen suchen, kommen einem am ehesten die neorealistischen Filme Rossellinis in den Sinn und dessen Versuch, die Wahrheit so kunstvoll und unplakativ auf die Leinwand zu projizieren, dass sich beim Zuschauer am Ende ganz unverhofft ein sensibleres moralisches Bewusstsein einstellt. Doch Cuarón knüpft mit seinem Film nicht einfach an diese Tradition an, sondern entwickelt daraus seine ganz eigene, zutiefst persönliche Methode: Der Film ist seinem früheren Kindermädchen gewidmet und es ist genau diese Intimität des Regisseurs zu seinen Figuren, allen voran dem indigenen Hausmädchen Cleo (Yalitza Aparicio), die seinen Film so besonders macht.

Im Grunde hätte man Yalitza Aparicio für ihre bewundernswert dezente Darstellung obendrein den Preis für die beste Schauspielerin gewünscht, doch der ging in diesem Jahr nicht weniger verdient an Olivia Colman für ihre Rolle als Königin Anne in der extrem unterhaltsamen, aber überraschend zweidimensionalen Kostüm-Farce The Favourite von Yorgos Lanthimos. Colman brilliert darin erneut mit jenem von ihr perfektionierten Spiel aus Anziehung und Distanz, Ernst und Komik, Authentizität und Instinkt, das selbst ihre beiden nicht weniger hervorragenden Kolleginnen Emma Stone und Rachel Weisz, die im Film in ihrem gnadenlosen Werben um die Gunst der Queen ebenfalls alles geben, hinter ihren weißgepuderten Gesichtern verblassen.

Und auch auf männlicher Seite war die Entscheidung in diesem Jahr so gerecht wie überfällig: Als besten Schauspieler ehrte die Jury Willem Dafoe für seine Glanzleistung als Vincent van Gogh in Julian Schnabels ansonsten durchwachsenem Künstlerporträt At Eternity's Gate. Dafoe belebt und trägt den Film mit all seiner darstellerischen Kraft und Aura, dass man dem Regisseur selbst noch die gröbsten Schnitzer und sogar seinen bisweilen übersteigerten Kunstwillen verzeiht.

Alles richtig gemacht hat dagegen der Franzose Jacques Audiard in seinem ersten englischsprachigen Film The Sisters Brothers, wofür er schließlich mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Der Film stellt zugleich Audiards ersten Ausflug ins Western-Metier dar, und es ist eine wahre Freude zu sehen, wie leicht ihm der Genrewechsel von der Hand geht. Die Coen-Brüder durften sich über den Preis für das beste Drehbuch freuen. Ihre Western-Anthologie The Ballad of Buster Scruggs war zunächst als Serienformat für Netflix geplant, und im Vergleich zu manch anderen narrativ und visuell beeindruckenden Werken in diesem Jahr verblasst die Wirkung ihrer Erzählungen im Nachhinein vielleicht mehr, als man das von den früheren Arbeiten der Genre-Experten gewohnt ist. Dennoch ist die Qualität bei allem, was die Brüder produzieren, noch immer um einiges höher als der Durchschnitt, und so lässt sich am Ende auch mit dieser Juryentscheidung gut leben.

Wenn es einen wirklichen Kritikpunkt gibt, dann ist es das Versäumnis der Jury, Jennifer Kent, die einzige Frau in diesem 75. Wettbewerb, für ihren wütenden und wichtigen Film The Nightingale mit einem der Hauptpreise zu versehen. Zwar wurde ihr der Spezialpreis der Jury zugesprochen und Hauptdarsteller Baykali Ganambarr zudem mit dem  Marcello-Mastroianni-Preis für den besten Jungdarsteller geehrt. Doch hätte Kent genauso gut den zweitwichtigsten Preis des Festivals, den Großen Preis der Jury, verdient, der stattdessen an The Favourite ging.

Florian Henckel von Donnersmarck, der mit seinem Werk ohne Autor an den Start gegangen war, konnte bei derart starker Konkurrenz erwartungsgemäß nicht mithalten. Und auch László Nemes, Damien Chazelle, Paul Greengrass und Luca Guadagnino, die allesamt im Vorfeld als Löwen-Kandidaten gehandelt wurden, gingen am Ende leer aus. Wenn es einen Namen gab, der gestern vielleicht noch hätte fallen sollen, dann der von Brady Corbet. Mit seinem so unbequemen wie beachtlichen Regiedebüt The Childhood of a Leader hatte sich der gerade mal 30-jährige Schauspieler 2015 ins öffentliche Gedächtnis eingebrannt, und sein Nachfolgefilm Vox Lux steht dem Erstling an Originalität, Scharfsinn und Kompromisslosigkeit um nichts nach. Dass es diesmal nicht für eine Auszeichnung gereicht hat, ist bedauerlich – wenn auch nicht so fatal wie die verbissene Sturheit von Festival-Chef Alberto Barbera, seinen Wettbewerb nicht für mehr Filmemacherinnen zu öffnen. Zum Glück ist die Debatte über die fortdauernde Unterrepräsentation von Frauen im Festivalbetrieb (sowie auf allen anderen Ebenen) längst nicht beendet, und es wird interessant sein zu sehen, mit wie viel Regisseurinnen im Programm der scheidende Berlinale-Chef Dieter Kosslick sein Festival im Februar 2019 zum letzten Mal ausrichtet.

 



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