Ich bin gern ein Sexsymbol

Bai Ling im Gespräch

 

Im Film Dumplings spielen Sie eine Art Küchenhexe, die säuft, flucht, in der Nase bohrt. War diese Darstellungsweise im Skript vorgegeben?
Bai Ling: Dem Skript nach konnte sie alles mögliche sein, es war schwer, ihren Charakter zu verstehen. Man weiß nicht, auf welchem Standpunkt sie steht, was für eine Persönlichkeit sie hat. Deshalb war es sehr schwierig, sie darzustellen. Ich habe lange gerungen mit der Frage: Wie kann ich sie spielen? Und dann, während ich mich mit dieser Frage beschäftigte, überkam es mich plötzlich, so als wenn diese Frau mir heimlich zuflüstern würde, mich herausfordern würde. Es wurde eine Art Liebesaffäre, wir tanzten miteinander, forderten uns gegenseitig heraus, es war auch wie ein Verführungsspiel. Am Ende hatte ich es geschafft, ich hatte ihre Persönlichkeit begriffen.

Sie haben den Charakter also selber entwickelt?
Ja, es kam alles aus meinem Gefühl heraus. Wenn ich mir den Film anschaue, liebe ich diese Figur. Sie ist so frei, so offen, so provokant ...  aber auch arglos.

Wenn man den Film sieht, spürte man förmlich, wie wohl Sie sich in der Rolle fühlen.
Das tue ich auch. Sie hat mir tatsächlich Vergnügen bereitet. Alles, was ich tue im Film – es ist halt das Leben, und ich genieße es. Es gibt nichts, wovor man Angst haben muss, nichts ist wirklich wichtig, es ist nur Spaß für sie, eine Reise – ich liebe ihre Geisteshaltung wirklich sehr!

War es auch Ihre Idee, zu singen, nachdem Sie die Teigtaschen serviert haben?
Nichts war vorgeschrieben, alles, was die Frau im Film macht, kam von mir. Fruit Chan hat anfangs kaum zu mir gesprochen. Er sagte nur: „Solange du glaubwürdig wirkst, kannst Du alles machen, was du willst.“ So habe ich alle Einzelheiten improvisiert: die Sonnenblumenkerne kauen oder den Fächer benutzen – alles meine Ideen. Im Grunde kamen sie von der Person, die ich spielte, sie sagte mir: „Ich will dies tun, ich will das tun.“ Ich weiß nicht wie, aber jeden Tag kam sie einfach über mich. Voller Überraschungen, voller Spaß. Ich wusste nicht wirklich, was ich spielen werde, nichts war geplant, keiner sagte mir was. Ich ließ mich einfach gehen – mit ihr. Ich liebe meine Rolle.

Wie traten die Produzenten an Sie heran?
Peter Chan rief mich an und sagte: „Bist du frei? Ich möchte dich in diesem Hongkong-Film haben.“ Ich sagte zu, weil ich seinen Film Comrades, Almost a Love Story sehr mochte. Er erzählte mir dann die Story am Telefon. Ich sagte: „Wann soll ich kommen?“ Er sagte: „Nächste Woche.“ Also flog ich dahin. Ich habe ihm einfach vertraut.

Das war ihre erste Hongkong-Produktion – sicher eine ganz andere Erfahrung als die Arbeit in Hollywood?
Die arbeiten echt hart in Hongkong! Ich schätze mich glücklich, dass ich Erfahrungen bei allen möglichen Arten des Filmemachens sammeln kann – Independent-Produktionen ebenso wie Großproduktionen mit Riesenbudgets. Das ist wie mein Leben. Ich gehe überall hin: Orte, wo Armut herrscht oder schicke Orte; ich wohne ich schicken Hotels und auch in kleinen Hotels. Ich drehe Komödien, Dramen, Science-Fiction – alles sehr abwechslungsreich. Und bevor ich als Jurymitglied zur Berlinale kam, hatte ich gerade Fotos für das Playboy-Magazin gemacht. Zwei Sachen wie diese kommen normalerweise nicht bei ein und derselben Person vor. Wenn man für Playboy fotografiert wird, erwartet man nicht, dass so eine Darstellerin, so ein Sexsymbol, auch Mitglied einer Festival-Jury ist. Von einer guten Schauspielerin wie Meryl Streep erwartet man, dass sie ein Jury-Mitglied ist. Aber vom Playboy-Magazin wird sie wohl kaum eingeladen, um nackt zu posieren...

Ein Sexsymbol sind Sie also auch gerne?
Bin ich! Ich liebe es, Erfahrungen in allen möglichen Welten zu machen.

Haben Sie vorher geprobt, wie Sie Tony Leung Kar-fai am Küchentisch verführen?
Nein. Ich kannte Tony noch nicht. Das geschah alles beim Dreh des Films, während unserer Arbeit. Anfangs wusste ich nicht, was ich tun sollte. Es geschah aus dem Gefühl heraus, ganz natürlich.

Wie viele Takes gab es von der Szene?
Viele. Acht oder zehn, würde ich sagen. Ich finde, es wirkt sehr primitiv, sehr provokativ.

Halten Sie sich für ehrgeizig?
Ich lebe einfach mein Leben. Ich habe keine Wunschträume, Pläne oder so ...

Außer eines Tages den Oscar zu bekommen?
Ich denke, das wird eines Tages von selbst passieren, aber es ist nichts, was ich unbedingt anstrebe. Ich will gar nichts. Wenn es passiert, werde ich Glück empfinden. Wenn nicht, werde ich auch glücklich sein. Ich denke positiv, und ich möchte mit ebenso denkenden Menschen zu tun haben. Und ich bin als chinesische Schauspielerin in der glücklichen Lage, etwas für meine eigene Kultur zu tun, und für die Kunst allgemein.

In Dumplings geht es um Schönheitswahn. Was bedeutet Schönheit für Sie?
Natur, eine Blume, ein bestimmter Moment – da spielt es keine Rolle, wie alt man ist. Im Grunde wirft der Film die Frage auf: Worum geht es in der heutigen Zeit, was beschäftigt die Frauen? Sie denken, wenn sie altern, werden die Männer sie verlassen. In Wirklichkeit ist das nicht so. Männer verlassen sie möglicherweise sogar, wenn sie noch recht jung aussehen. Es kommt auf die innere Schönheit an, und auf das eigene Selbstvertrauen. Ich glaube nicht daran, dass man im Leben nur einen Geliebten hat. So sind Menschen nicht beschaffen. Sie haben viele Liebhaber – so wie ich, ich habe fünfzig Liebhaber gehabt. Es ist ganz natürlich, dass sich Menschen auseinanderleben. Das Beste ist, wenn man den Wandel der Natur akzeptiert – dann bleibt man selber schön. Akzeptiert man sich selbst, wird man sich sehr viel wohler fühlen in seiner Haut.

Sie haben keine Probleme damit, alt zu werden?
Ich denke nicht daran. Ich denke, das ist etwas Natürliches, und wenn man altert, tragen auch Falten zur Schönheit bei. Es kommt auf deine Anschauung an. Gerade in der Welt des Films ist es ganz schlimm, wie die Leute darüber denken und reden. Altern ist ein natürlicher Prozess, die ganze Welt wird alt, und die Leute müssen sich selber bejahen, sich akzeptieren, wie sie sind, anstatt sich zu verstellen und gegen das Alter anzukämpfen. Mir tun Leute leid, die von Natur aus schön sind, aber sich dennoch Schönheitsoperationen unterziehen und dann viel hässlicher aussehen. Doch wenn sie das machen, ist das ihre Entscheidung, ihre freie Wahl. Was mich angeht, so fühle ich wie die Persönlichkeit, die ich hier darstelle – ganz egal, wie alt sie sein mag, ihr Mut und Elan halten sie jung.

Machen Sie sich Gedanken über den Tod?
Ich glaube nicht an den Tod. Ich sage: Es gibt keinen Tod, man wird nicht sterben. Der Körper wird alt, weil man ihn viele, viele Jahre benutzt. Ich sage: Man wird den Körper austauschen, so wie man die Kleidung wechselt. Es gibt keinen Tod, die Seele ist unsterblich.

Sie glauben also an Reinkarnation?
So will ich das nicht ausdrücken. Ich fühle einfach, dass da kein Tod ist. Es gibt Geister, sie sind lebendig, irgendwie geheimnisvoll, und sie ändern ihre Formen und ihr Wesen. Aber die Seele ist immer da.

In Dumplings halten Sie einen Vortrag über Kannibalismus, doch während der Kulturrevolution kam so etwas in China ja vor. Wussten Sie davon, bevor Sie Fruit Chans Drehbuch lasen?
Ja, vom Hörensagen, auch aus Büchern und von meinen
Eltern.

Ihre Eltern wurden von den Kommunisten in China verfolgt?
Ja, während der Kulturrevolution. Sie sind beide Professoren: mein Vater Professor für Komposition, Musik, meine Mutter für Vergleichende Literaturwissenschaften. Und auf Grund der Kulturrevolution war ich konfus, und meine Eltern mussten oft fort, in Lager aufs Land. Ich hatte das Glück, bei meinen Großeltern aufzuwachsen. Es gab immer eine Kluft zwischen meinen Eltern und mir, und ich fühle mich meinen Großeltern wesentlich näher. Ich wuchs an verschiedenen Orten auf, reiste mit dem Zug nach Beijing, Shanghai, überall hin. Ich war schon immer ein Traveller, jetzt reise ich in der ganzen Welt herum, und ich muss sagen, es macht mir großen Spaß.

Warum sind Sie als Teenager in die Armee eingetreten?
Ich habe die Uniform geliebt. Ich fühlte mich hingezogen zu Frauen in Uniform mit dem roten Stern. Ich dachte: Wie faszinierend! Als ich dann in Tibet diente, war das Lebensgefühl dort wunderschön, schöne Lieder, die Einfachheit des Lebens dort. Und es ist tatsächlich ein Ort der Geister, aber ich meine das im positiven Sinne, man ist da überall von Geistern umgeben. Man sieht sie nicht, aber sie sind dort überall. Es ist voller Leben, voller Schönheit dort. Manche Dinge dort sind viel reiner, magischer, und übersteigen unsere Verstandeskraft.

Nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung in Beijing gingen sie nach Amerika. Waren sie vorher politisch engagiert?
Ich mag Politik nicht, ein niederträchtiges Geschäft, und viel zu verwickelt. Ich meine, Politik sollte den Interessen des Volkes dienen und nicht denen der Machthaber. Alle Grenzen sollten verschwinden, die Gewalt, die Kriege. Es gäbe viel mehr Freude und Liebe.



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Interview ~ Ralph Umard


Bai Ling

Geboren 1970 in Chengdu in der Provinz Sichuan. Als 14-Jährige kam sie zur Volksbefreiungsarmee – als Mitglied einer Theatertruppe unterhielt sie Soldaten, die in Tibet ihren Dienst versahen. Nach der Niederschlagung der Studentenproteste in Beijing 1989 emigrierte sie in die USA und nahm Schauspielunterricht. Ihre erste Hollywood-Filmrolle spielte sie in The Crow (1994) neben Brandon Lee. In Jon Avnets antichinesischem Thriller Red Corner (1997) hatte sie die weibliche Hauptrolle neben Richard Gere inne, es folgte u. a. Anna and the King (1999) neben Chow Yun-fat und Jodie Foster. Seit 2000 ist sie verstärkt im Filmeinsatz, zuletzt in Stuart Gordons Edmond nach dem Theaterstück von David Mamet. 2005 war sie Jurorin bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin.



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