Vier Minuten für die Ewigkeit

Von der Lektüre eines verlorenen Films: The Case of Lena Smith rekonstruiert Josef von Sternbergs letzten Stummfilm.

 

Wenn sich auf dem Cover eines Bandes, das sich mit einem verschollenen cineastischen Meisterwerk beschäftigt, der Satz „Statt des verlorenen Films: ein Buch“ findet, könnte man zur Ansicht neigen, dass  hier der Größenwahn im Spiel war. Das Gegenteil ist der Fall: The Case of Lena Smith ist ein großartiger, sorgfältiger und umfassender Rekonstruktionsversuch eines der berühmtesten verlorenen Werke der Filmgeschichte. Nach über 300 Seiten mit aufschlussreichen Essays, illustriert von vielen Originalfotos, Set-Zeichnungen sowie zahlreichen Drehbuch- und Produktionsdokumenten meint man beinahe, das Werk gesehen zu haben.

In Josef von Sternbergs letztem Stummfilm (1929), der wohl über weite Strecken auch als Hommage an das Wien seiner Jugendjahre konzipiert war, steht das ungarische Bauernmädchen Lena im Mittelpunkt, das 19 Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs ihr Heimatdorf verlässt, um in der österreichischen Hauptstadt ihr Glück zu suchen. Berauscht von einer sommerlichen Praternacht lässt sich Lena von einem Leutnant verführen. Sie landet auf der Straße; das Kind, für das sie finanziell nicht sorgen kann, wird ihr genommen. Durchzogen mit der Kritik an einer verlogenen Gesellschaft widmet sich der Film Lenas Versuchen, wieder „ehrbar“ zu werden.

Die Textbeiträge sind durchwegs exzellent: Gero Gandert widmet sich der Rezeption des Films in der Weimarer Republik und zeigt auf, dass die konservative Kritik vor allem über die messerscharfe Gesellschaftskritik erzürnt war. Alexander Horwath stellt Überlegungen zum (film)historischen Umfeld des Films an, Franz Grafl widmet sich der französischen Kritik zum Film, und Michael Omasta zieht literarische Parallelen. Janet Bergstrom untersucht anhand des „Sternberg-Paradoxons“, wie es von Sternberg mit Entscheidungen, die eigentlich das Gegenteil hätten bewirken müssen, gelang, Karriere zu machen. Für das Vorwort konnte Sternbergs Frau Meri gewonnen werden, die von einem Wien-Besuch – bei dem Sternberg wahrscheinlich auch bewusst die Schauplätze seiner Filme beging – in den späten 50er Jahren berichtet. Zu den Highlights gehört überdies die Auflistung der Veränderungen, die Drehbuchautor Samuel Ornitz auf Druck von Paramount hin vornehmen musste – so war Lena ursprünglich Prostituierte.

The Case of Lena Smith hatte es schwer, sich gegen den gerade aufkommenden Tonfilm durchzusetzen und verschwand, trotz euphorischer Besprechungen wie etwa jener des US-Kritikers Dwight Macdonald, der vom „most completely satisfying American film I have seen“ schrieb, schon bald wieder aus den Kinos. Zu den Höhepunkten der Sternberg-Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums im April diese Jahres zählte das Screening eines Fragments mit Praterszenen, das sich bei einem Altwarenhändler aus der Mandschurei gefunden hatte. Wer diese vier Minuten gesehen hat, die, virtuos doppelbödig, den verführerischen Illusionscharakter des Vergnügungsparks deutlich machen, wird Lust auf mehr bekommen haben. Der vorliegende Band ist nicht nur hiefür unverzichtbar.



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