Die Diktatur der Angepassten

Warum sich gegen männliche Klischees wehren, wenn es so einfach ist, sie zu leben? Eine kritische Betrachtung der Serie„Sex and the City“.

 

Männer, Sex und Schuhe, der neueste Lipgloss, die letzte Vogue, die angesagteste Bar und noch mal Männer. Über diese Themen sprechen Frauen beim Mittagessen, während sie dem Kellner heiße Blicke zuwerfen, hysterische Kicheranfälle anstimmen und ihre Affäre zwischendurch auf dem Damenklo vernaschen. Zumindest, wenn es nach der HBO-Serie Sex and the City geht, deren Leinwandfortsetzung zahlreiche Frauen, welche die Serie fast schon religiös verehren, seit Monaten entgegen fiebern. Selbst Männer, die ansonsten gerne das Weite suchen, wenn die Frau an ihrer Seite ihre Lieblingsserie schaut, fühlen sich von SATC, wie es die Insider nennen, angesprochen, weil sie meinen, nun endlich die Frauen und ihre vermaledeiten Neurosen zu verstehen. Was alles andere als ein Kompliment an das weibliche Geschlecht ist, denn das Frauenbild, das in SATC gezeichnet wird, ist nicht besonders schmeichelhaft und nur vordergründig emanzipiert. Vielmehr werden dort jene Vorurteile bestätigt, die Männer oftmals gegen Frauen hegen. Wie zum Beispiel, dass sie mit ihren Freundinnen über nichts anderes als Männer reden und süchtig sind nach Schuhen, die aussehen, als habe Michel Gondry sie für ein paar Aliens entworfen. Selbst wenn sie so erfolgreiche Frauen wie Carrie (Sarah Jessica Parker), Samantha (Kim Cattrall), Miranda (Cynthia Nixon) und Charlotte (Kristin Davies) sind, die sich im harten PR- und Kunstgeschäft ebenso behaupten wie im Journalismus und im männerdominierten Rechtswesen und über weitaus spannendere Themen als die Penisgröße ihres letzten Lovers Bescheid wissen. Doch welcher Mann will schon eine Frau, die über Börsenkurse philosophiert? Frauen, die sich zu gut mit Autos, Fußball und Immobilien auskennen, fehlt, so will es das männliche Klischee, die gewisse Weiblichkeit. Und da „der weibliche Charakter und das Ideal der Weiblichkeit, nach dem er modelliert ist (...) Produkte der männlichen Gesellschaft“ sind, wie Adorno es so schön formuliert, und Frauen gerne ihrem Ideal entsprechen, fügen sie sich lieber in das männliche Klischee, statt zu missfallen. Unterstützt werden sie dabei von zahlreichen Frauenzeitschriften und Boulevardmedien, die den SATC-Stil zum Nachahmen für die kleine Börse anpreisen und ihre Leserinnen mit schlauen Tipps malträtieren, wie man Kind und Karriere unter einen Hut bringen kann und trotzdem noch für den Gatten daheim sexy ausschaut. Diese Tyrannei der Äußerlichkeiten, welche durch Serien wie SATC gefördert wird, sollte eigentlich für jede Frau ein rotes Tuch sein. Doch mitnichten: Auch Frauen, die sich von einem klischeehaften Ideal eigentlich distanzieren, fühlen sich durch SATC angesprochen, insbesondere durch das Sexualverhalten und die zynische Haltung, die Carrie und ihre Freundinnen gegenüber Männern einnehmen. Dabei ist diese Haltung, die insbesondere Miranda und Samantha pflegen, kein Ausdruck von Emanzipation in Bezug auf ihr Sexualverhalten, sondern der Versuch, sich vor ihrer Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit zu schützen, um nicht verletzt zu werden. Dies wird schon in der ersten Folge von SATC deutlich, in der Samantha, Chefin einer eigenen PR-Firma, die These gegenüber ihren Freundinnen vertritt, dass es als Frau in New York nur zwei Möglichkeiten gibt: „Entweder du rennst mit dem Kopf gegen die Wand auf der Suche nach einer Beziehung oder du sagst dir: Scheiß drauf!, und hast Sex wie ein Mann.“ Eine Aussage, die beweist, dass ihre Vorliebe für One-Night-Stands und heiße Affären mehr von Pragmatismus denn von sexueller Lust gekennzeichnet ist und sie im Grunde ihres Herzens doch nur auf der Suche nach dem Mann fürs Leben ist – so wie jede Frau. Folglich wird sie auch erst am Ende der Serie wirklich glücklich, als sie sich dafür entscheidet, nur mit einem Mann ins Bett zu steigen: ihrem neuen Freund Smith (Jason Lewis).

Wellness-Feminismus

„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“, schreibt Simone de Beauvoir. Dieser Aspekt, die Zuschreibung bestimmter Eigenschaften der Gesellschaft an Frauen, wird von den vier Freundinnen in SATC leider nur selten reflektiert.  Vielmehr nehmen die Protagonistinnen die Eigenschaften, die ihnen von der männlich dominierten Gesellschaft vorgeschrieben werden, mit einem Lächeln auf den Lippen an und reduzieren ihre Emanzipation auf einen „Wellness-Feminismus“ (Alice Schwarzer), indem sie auf die so genannten Mittel der Frauen zurückgreifen, um an ihr Ziel zu kommen, weil sie es als sinnlos erachten, sich gegen die männlichen Klischees von Weiblichkeit zu wehren. Wer sich wie Miranda weigert, bei diesem Spiel mitzuspielen, ist zum Scheitern verurteilt und wird sowohl im Privaten als auch im Beruf auf unüberwindbare Grenzen stoßen, die einen dazu verdammen unglücklich zu sein, so will es das SATC-Gesetz. Erst als sie am Ende der sechsten Staffel, ähnlich wie Samantha, ihren Kampf gegen die üblichen Lebenskonzepte aufgibt und sich in ihre Rolle als Mutter und emotionales Oberhaupt der Familie fügt, kommt sie zur Ruhe. Und als die Nanny ihres Sohnes Brady, die Miranda immer wegen ihrer Gefühllosigkeit und ihres mangelnden Familiensinns kritisiert, ihr einen Kuss auf die Stirn haucht, weil sie sich um die demente Mutter ihres Freundes kümmert, ist Miranda im Klischee der idealen Frau – erfolgreich, fürsorglich und fleißig – unfreiwillig angekommen. Die Kolumnistin Carrie und ihre Freundin Charlotte hingegen entsprechen von Beginn an den männlichen Frauen-klischees. Sie sind, obwohl erfolgreich im Beruf, eigentlich nur auf der Suche nach Mr. Right. Carrie auf die moderne Großstadtvariante und Charlotte auf die klassische Art, mit Hochzeit, Kind und schickem Ferienhaus. Auch dem Klischee, dass der Frau ihre Lust auf böse Jungs im Weg steht, wird Carrie durch ihre Tête-à-Têtes mit Mr. Big gerecht. Statt den romantisch-treuen Aidan (John Corbett) zu heiraten, der alles für sie tun würde, bändelt sie immer wieder mit ihrem Mr. Big an, egal, wie oft er ihre Gefühle verletzt und sie im Stich lässt.

Stutenbissigkeit und Neid statt Solidarität

Man könnte die Liste der Vorurteile und Klischees, die in SATC aufgegriffen werden, endlos erweitern, doch das alles scheint die Horde von weiblichen Fans der Serie nicht abzuschrecken. Sicher macht es Spaß, der spießigen reichen Freundin aus den Hamptons dabei zuzuschauen, wie sie vor Eifersucht rast, weil ihr Mann sich vor Carrie entblößt, und natürlich freut man sich, wenn in SATC Models als essgestört und dumm charakterisiert werden, denn wer will schon wahr haben, dass es schöne Frauen gibt, die zugleich intelligent sind? Doch ist es nicht gerade diese Stutenbissigkeit und Eifersucht unter Frauen, auf die der Humor der Serie abzielt, die Frauen davon abhält, sich zusammenzuschließen und gegen die immer noch männerdominierte Welt aufzubegehren? Statt sich gegenseitig zu helfen, setzen Frauen sich gegenseitig unter Druck, um einem Ideal, das Serien wie SATC kreieren, zu entsprechen, bekämpfen ihre Konkurrentin, sei es im Schönheitssalon oder im Job, derweil sich die Männer in aller Ruhe ihren Platz in der Gesellschaft sichern können. Doch wenn es nach Sex and the City geht,
ist dieser Kampf sowieso sinnlos, denn bei allem Zynismus und aller Übertreibung vermittelt die Serie unterschwellig vor allem eins: dass Frauen eh nur einen Mann an ihrer Seite brauchen, um glücklich sein. Für eine Serie, die einmal als Signal für eine neue Weiblichkeit gefeiert wurde, ein ziemlich trauriges Fazit über Frauen.



Kein Kommentar vorhanden.



Sex and the city


Komödie, USA 2008
Regie, Drehbuch Michael Patrick King
Kamera John Thomas
Schnitt Michael Berenbaum
Musik Aaron Zigman
Production Design Jeremy Conway
Kostüm Patricia Field
Mit Sarah Jessica Parker, Kim Cattrall, Cynthia Nixon,
Kristin Davis, Chris Noth 
Verleih Warner Bros., 148 Minuten


 



Tags


Social Bookmarks