Finden, um zu erfinden

Mit „Der Schneeflockenforscher“ legt Regisseur und Schriftsteller Fritz Lehner nach „R“ und der Trilogie „Hotel Metropol“ einen weiteren historischen Roman vor.

 

Fritz Lehner, geboren 1948 in Freistadt, errang mit Filmen wie Schöne Tage (1981, nach Franz Innerhofer) oder Mit meinen heißen Tränen (1986, über Franz Schubert) zahlreiche Preise und künstlerische Anerkennung. Seit dem Skandal um Jedermanns Fest (2002) hat Lehner jedoch keinen Film mehr realisiert, wurde zur filmischen Persona non grata erklärt. (Zur Erinnerung: Die Dreharbeiten wurden aus Geldmangel für zweieinhalb Jahre unterbrochen, Lehner lieferte sich einen jahrelangen Rechtsstreit mit Produzent Veit Heiduschka, und die Kritik hatte nichts als Häme für das vollendete Werk übrig.) Statt aufzugeben, widmete sich Lehner der Schriftstellerei – mit Erfolg. Die Romane „R“ (2003) und „Hotel Metropol“ (2005) stießen auf Anklang bei Kritikern und Lesern. In „Der Schneeflockenforscher“ unternimmt Lehner einen Ausflug in die Vergangenheit seiner Geburtsstadt. Während im 17. Jahrhundert der Dreißigjährige Krieg wütet, Protestanten und Katholiken aufeinander losgehen, Bauernaufstände toben und die Frage, ob die Erde sich um die Sonne dreht, einen das Leben kosten kann, blickt der Türmer Jakob Kreutzer nicht nur in die Ferne. Er entdeckt die Welt der Schneesterne und unternimmt auf seiner Suche nach dem einen, perfekten Stern allerhand, um dem Geheimnis der winzigen Kristalle auf die Spur zu kommen – mit Hilfe von Flaschenböden, Tieraugen oder herausgeschlagenen Kirchenfenstern, die zur Vergrößerung dienen. Der Solipsist ist jedoch nicht nur im positiven Sinn ein Mann des Bildes – seine ausgeprägte Eifersucht, die er sich in immer wüsteren Trugbildern ausmalt, treibt ihn beinahe zum Mord an der Liebe seines Lebens. Der mehrere Jahrzehnte umfassende Roman, in dem die Zeit eine der Hauptrollen spielt, ist eine betörende Mischung aus epischem Gestus und Kammerspiel.


Wie kommt man auf die Idee, über einen Schneeflockenforscher im Freistadt des siebzehnten Jahrhunderts zu schreiben?
Zunächst fand ich die Tatsache sehr faszinierend, dass jeder Schneestern sechs Strahlen hat und kein Schneestern einem anderen gleicht. Darauf bin ich schon vor 20 Jahren gestoßen, als ich ein Treatment für einen Film über die Payer-Weyprecht-Expedition schrieb. Viele Dinge in der Natur werden kaum wahrgenommen.  Weiters interessierte mich die Schwierigkeit, wie man ohne Mikroskop etwas kaum Wahrnehmbares sichtbar machen kann. Der Türmer ist da sehr einfallsreich. Auch unsere gegenwärtige Technik konnte vieles im Kleinen noch nicht erkennen, denken sie an die Nanotechnik. Außerdem komme ich aus einer Kleinstadt, die vom Mittelalter bis zum Barock ihre Blütezeit hatte. Ich bin am Hauptplatz in Freistadt aufgewachsen und hatte da täglich, ohne es zu wissen, Kino in Cinemascope vor mir. Am Anfang hatte ich noch keinen Ort, dachte an den Kilimandscharo, oder, schon näher, den Semmering. Die Verlagsleiterin, Dr. Maria Seifert, ermutigte mich schließlich dazu, über etwas zu schreiben, wo ich meinen „Heimvorteil“ als Freistädter nutzen kann – ein guter Rat. Dann habe ich mir noch die passende Zeit ausgesucht, den Dreißigjährigen Krieg mit seinen Bauernaufständen, den heftigen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken, aber auch einem großen Interesse der Menschen an wissenschaftlichen Möglichkeiten. Durch die Wahl von Zeit, Ort und Handlung war es mir möglich, einen erzählerischen Teppich zu weben.

Freistadt war 1976 auch Gegenstand eines gleichnamigen dokumentarischen Feuilletons. Bereits damals stellten sich Kontroversen ein, durchaus kein Einzelfall in ihrer Karriere.
Ja, der Film wurde seinerzeit heftig bekämpft, vor allem von den Freistädtern. Dabei war der Film eigentlich als Liebeserklärung an Freistadt gedacht. Der Film wurde damals missverstanden, weil ich die Altstadt gezeigt habe und nicht die Neubauten und das geplante Hallenbad. Ich habe damals darum gebeten, alle Autos vom Hauptplatz fernzuhalten. Die Freistädter dachten, dass ich hätte zeigen wollte, dass sie sich keine Autos leisten können. Meine Eltern wurden ebenfalls heftig bekämpft. Damals war es tägliches Brot, in Dokumentarfilmen Politiker zu zeigen, auch das habe ich vermieden. Die Kamerafahrten waren irritierend, weil viele ihre Stadt noch nie so gesehen hatten, es gab auch schon Unterschriftenaktionen, die ich später noch des Öfteren erlebt habe. Damals war Freistadt eine wirtschaftlich schwache Region, durch den Hinweis auf diese Probleme galt ich als Nestbeschmutzer. Auch auf die Problematik von einklassigen Volksschulen habe ich hingewiesen, dass die Schule zusperren muss, wenn die Menschen in die Städte ziehen. Eine Prognose, die sich übrigens bewahrheitet hat. Erst später verstand ich, warum man dort Probleme mit dem Film hatte. Inzwischen wollen aber alle Freistädter, dass der Film im Fernsehen läuft, die dortige Lokalbühne hat ihn schon des Öfteren gezeigt. Demnächst habe ich Romanpräsentation in Freistadt, da wird der Film auch wieder gespielt.

Zurück zum Roman: der Türmer Jakob Kreutzer ist nicht nur Forscher, sondern auch ein überaus visueller Mensch. Er zeichnet die Schneesterne, entwickelt Techniken, sie besser zu sehen. Von seinem Turm aus überblickt er alle Schicksale, in die er manchmal auch eingreift. Eine Metapher auf den Regisseur?
Der Türmer hat durchaus ein paar meiner Eigenschaften, ist aber keinesfalls ein Porträt des Regisseurs Fritz Lehner. Jakob nimmt die Dinge sehr bildhaft wahr, formt die Realität nach seinen Vorstellungen, die, in Verbindung mit der Eifersucht auf seine große Liebe Marie, seinem Wahn gehorchen. Er nimmt die Welt mit den Augen und der Phantasie wahr, in gewisser Weise ist er ein Künstler, kein Schriftführer, kein Dokumentarist. Er will es sein, kann seine Leidenschaften aber nicht draußen halten. Heute wird ein CERN benötigt, um ein paar Atome zu bewegen, er muss zusehen, dass sein Atem die Schneesterne nicht zum Vergehen bringt, bevor er sie genau betrachten kann. Er muss das Frieren auf sich nehmen, beinahe wie ein Arktisforscher. Er kann über die Welt viel erzählen, hat Ansätze im Bereich der bildlichen Darstellung, denkt daran, die Schneesterne bildhaft zugänglich zu machen –  und erfindet im Geist einen Vorläufer der Laterna Magica.

Sie lassen ihn immer wieder Prognosen über die Zukunft abgeben, was den Leser des 21. Jahrhunderts natürlich des Öfteren zum Schmunzeln bringt.
Ja, er denkt zum Beispiel – und irrt natürlich – dass es keine Kriege mehr geben wird. Ich wollte ihn nicht mit dem Wissen des Autors ausstatten. Aber manches hat im Kopf von Menschen des 17. Jahrhunderts sicher schon stattgefunden.

Sie sind für ihre umfangreiche Recherche bekannt. Wie sah die beim „Schneeflockenforscher“ aus, auf welche überraschenden Fakten stießen Sie?
Ich hatte etwa 1.200 Karteikarten, bei meiner Trilogie Hotel Metropol waren es übrigens 8.000. Ich recherchiere mit einer großen Unersättlichkeit. Ich möchte finden und dadurch erfinden, Passendes zusammenfügen. Ich stieß, durch Überlegungen und Recherche, auch immer wieder auf interessante, spannende Details. Etwa, dass der mit Wasser gefüllte Stadtgraben im Winter, wenn das Eis zugefroren ist, sinnlos ist, da die Feinde auf dem Eis bis zur Mauer gelangen können. Freistadt ist sehr katholisch und es ist beinahe unvorstellbar, dass es früher einmal von Protestanten dominiert wurde. Auch die Gefährdung von Auge und Lunge in einer Zeit, in der es noch keine Autos gab, ist interessant. Die eisenbereiften Holzräder von Fuhrwerken auf dem Pflaster zermahlten das Granit zu feinsten Teilchen. Das war kein erdiger Staub, das war feinstes Schleifmittel für Auge und Lunge. Oder die Arbeit von Jakob, um an seine Vergrößerungen heranzukommen, nämlich Tieraugen als Linsen zu verwenden. Im 19. Jahrhundert etwa konstruierte man zur Demonstration mit Linsen aus Tieraugen ein Mikroskop mit vierhundertfacher Vergrößerung.

Eine naheliegende Frage könnten Sie sich vorstellen, ihren eigenen Roman zu verfilmen?
Ja. Aber ich glaube nicht, dass zwangsläufig aus jedem Roman ein Film werden soll. Was der Film beim Schneeflockenforscher wohl nicht schaffen würde, wäre es, das feine Webmuster und die lange Zeit darzustellen. Wenn man für den Film vieles vereinfachen müsste, ginge vieles von dem verloren, was ich schätze.

Bei einer Fernsehserie wäre die Zeit kein Problem mehr.
Das wäre eine Möglichkeit. Nachdem alle Jahreszeiten einmal vorkommen, könnte man die Serie übers Jahr verteilen. Man würde als Zuseher mit den Menschen des Romans über einen längeren Zeitraum leben.

Film oder Serie wären jedenfalls nicht billig. Man bräuchte Komparsen, müsste unter anderem eine authentische Stadt des 17. Jahrhunderts und Bauernaufstände zeigen.
Das wäre ohne Zweifel teuer. In den klassischen Filmländern, Italien oder Frankreich, ist man stolz auf seine großen Produktionen, hier muss man sich für einen teuren Film schämen, sich beinahe entschuldigen, so, als ob man etwas Unanständiges getan hätte. Film kostet nun mal etwas, dafür ist er auch über Jahrzehnte hinweg spielbar. Natürlich gibt es auch großartige Filme, die wenig Geld gekostet haben. Warum aber sollte sich der Zuseher für etwas Billiges entscheiden, wenn er über Satellit fürs gleiche Geld auch bessere Qualität haben kann? Für Oper und Theater wird ja auch viel Geld ausgegeben. Aber ein Umdenken in diesem Land wird nicht stattfinden.

Würden Sie CGI in der Verfilmung einsetzen?
Wenn, dann nur beschränkt. Für Bauernkriege müssten nicht mehr 500 Bauern aufmarschieren und sich massakrieren lassen. Ich schrieb beispielsweise ein Drehbuch über Friedrich den Großen mit enormen Schlachtenszenen. Da wäre es etwas anderes, denn ohne Schlachten wäre das kein Film. Aber ansonsten gibt es in Freistadt noch vieles, was sich authentisch wie im 17. Jahrhundert zeigen lässt. Im Schneeflockenforscher läge der Schwerpunkt aber ohnehin auf der Kraft des Kammerspiels.

Hätten Sie keine Angst, dass der Schriftsteller Fritz Lehner den Regisseur Fritz Lehner behindern würde?
Nein, wir vertragen uns gut. Die Prämisse wäre natürlich ein entsprechender Umfang des Projekts. Neunzig oder auch hundertzwanzig Minuten Film wären für dieses Projekt, das mehrere Jahrzehnte umspannt, ein völliger Unsinn.

Der Großteil ihres filmischen und literarischen Werks spielt nicht in der Gegenwart. Was fasziniert Sie so an vergangenen Epochen?
In der Schule war ich an Geschichte desinteressiert, trotz eines guten Lehrers. Jahreszahlen waren mir zu abstrakt und nichtssagend. Dann entdeckte ich die Möglichkeit, Geschichte in Geschichten zu denken. Ein weiterer Vorteil, sich in der Vergangenheit zu bewegen ist der, dass ich einen größeren Spielraum für die Phantasie habe, weg von der nüchternen Gegenwart. Historische Stoffe sind zeitlos. Einem Trend nachzueifern ist für mich unvorstellbar. Ich bin leidenschaftlich sesshaft, jede Reise ist für mich eine Bedrohung. Aber ich liebe es, von einem Ort aus in alle Himmelsrichtungen und Zeitepochen zu denken. Im Kopf reist man schneller. Ich glaube, Leser oder Seher unternehmen gern Reisen in die Vergangenheit, ohne in Gegenwartsserien nur Lügen und Schwachsinn nach Konzept vorgesetzt zu bekommen.

Andererseits gelten gerade US-Serien wie „Lost“ oder „The Wire“  als überaus kreativ und wagemutig.
Ich rede von deutschen Serien, Landarzt, Bergdoktor, die mit ihren knallharten Rezepten die Zuseher so dumm halten wollen, wie seinerzeit unter Metternich. Damals gab es Würstel, Kraut und Tanz, heute gibt es den Musikantenstadl. Der ORF hat heute überwiegend die Form einer Abspielstätte. Ohne Fremdfilme wäre von diesem Sender nichts mehr vorhanden. Und Fernsehserien an sich gibt es sehr gute, Fassbinder machte es vor, oder denken Sie an die tschechische Serie Das Krankenhaus am Rande der Stadt. Ich liebe auch den Humor englischer Fernsehserien. Es ist leicht, den deutschen Humor zu überflügeln, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass nach jeder Pointe extra darauf hingewiesen wird, was gerade so lustig gewesen sein soll.

Wie steht es um das von Ihnen erwähnte Friedrich-Projekt?
So wie vor noch zwei Jahrzehnten: in Finanzierung. Groß ist die Chance nicht. Ein US-Produzent bot mir Drehbuch und Regie nach meinem Schubert-Film an. Wir sind uns einig, dass wir lieber keinen Film machen als einen, der das Drehbuch verstümmelt.

Cocteau meinte, dass Film erst dann Kunst sein wird, wenn er so billig ist wie Papier und Bleistift. Was meint ein Regisseur und Schriftsteller wie Sie dazu?
Daran glaube ich nicht, im Gegenteil. Natürlich gibt es Beispiele für großartige Low-Budget-Filme. Das Material ist eine Sache, aber nicht alles. Filme sind nicht besser geworden, seit es die digitale Technik gibt. Man muss als Filmemacher alles unternehmen, um dem Zuschauer vom Stoff, von der Geschichte möglichst viel sichtbar und erlebbar zu machen. Ich mag es nicht, wenn Filmemacher ihr Publikum mit dem nötigsten abspeisen und es sich auf Kosten des Publikums bequem machen. Ich liebe das Entweder Oder.

Ihre Kompromisslosigkeit hat Ihnen das Leben jedenfalls nicht immer leicht gemacht. Es gab wohl keine andere österreichische Produktion, die derart angefeindet wurde, wie Jedermanns Fest. Die Dreharbeiten wurden für zweieinhalb Jahre unterbrochen, Franz Morak reichte zwei parlamentarische Anfragen wegen der Kosten ein, die FPÖ meinte, diese Verschwendung von Steuergeldern müsse ein Ende haben. Der Film startete in nur vier Kinos und sie lieferten sich mit dem Produzenten einen mehrjährigen Rechtsstreit. Was ist da passiert?
Wieviel Platz haben Sie noch im Heft? (lacht) Es gab ein Drehbuch, von dem vor Drehbeginn bekannt war, dass es 173 Minuten lang ist. Wenn man mir den Auftrag gibt, einen Film zu machen, mache ich ihn auch. Das war die Grundvoraussetzung für die Konflikte. Es gab eine herrliche erste Drehperiode, in der wir es nicht schafften, in der geplanten Drehzeit fertig zu werden. Dann wurde uns vom Produzenten die Weiterführung zugesichert. Aber plötzlich hieß es, dass es doch kein Geld mehr gäbe. Es folgte ein zweieinhalbjähriger Kampf. Ich wollte dem Publikum keinen Torso zumuten, dessen wichtigste Szenen fehlten, sogar der gesamte Schluss. Es kam auch nicht in Frage, das bereits gedrehte Material in einer Schublade vermodern zu lassen. Was wäre aus den Leuten vom ORF, aus dem Produzenten geworden, wäre der Film nicht fertiggestellt worden? Wie viele parlamentarische Anfragen hätte es dann gegeben? Ich kämpfte ohne Rücksicht auf eigene Vorteile oder die anderer. Ich möchte niemandem Unrecht tun, aber der gewaltigen Macht, die auf mich losbrach, auch nichts zugestehen. Die mit der Kritik verbundene Häme sehe ich äußerst negativ. Jemand sagte einmal, dass man die Premiere nicht abwarten musste, die negativen Kritiken lagen schon in den Schubladen bereit. Auch im ray gab es seinerzeit eine hämische Kritik. Aber dies soll keine Sache von Gekränktheit und Schuldzuweisung sein, es hat mich weniger tangiert, als manche hofften.

Hat Jedermanns Fest Ihnen das filmische Schaffen erschwert?
Natürlich. Durch die unermüdliche Tätigkeit des Produzenten gegen mich etwa. Viele Regiekollegen waren froh, dass ich aus dem Rennen bin, eine Konkurrenz weniger. Mitbewerber im kleinen österreichischen Filmgeschäft sind dann mutig an mich herangelaufen, um mir ans Bein zu pinkeln. Aber wie durch eine Fügung, durch die Lenkung des Lebensweges hat mich diese Situation überhaupt nicht tangiert, weil ich Gelegenheit bekam, durch den rührigen und mutigen Seifert-Verlag unmittelbar danach ohne Unterbrechung zu schreiben und zu arbeiten und drei Romane zustande zu bringen. Ich konnte täglich in einem meiner ureigensten Bereiche arbeiten. Schreiben gehört seit 40 Jahren zu meiner Tätigkeit und ich war nicht darauf angewiesen, bei Leuten, die mich nicht wollen und die ich verachte, um Geld für meine Filme zu betteln. Nach Jedermanns Fest konnte ich uneingeschränkt in meinem Bereich tätig sein. Es hat sich nicht negativ auf mich ausgewirkt. Wäre ich auf Filme angewiesen, würde ich das Schicksal so manches Kollegen aus der Filmbranche teilen.

Sind die Feindschaften aus der Zeit von Jedermanns Fest beigelegt?
Ich komme nicht zu den Leuten, weiß also nicht, wie es aussieht mit den Feindschaften. Ich gebe den Leuten keine Möglichkeit, Feindschaften im persönlichen Kontakt mit mir auszuleben. Ich empfinde durch das Schreiben auch so viel Glück, dass ich den Leuten nicht besonders böse bin. Die bittere Wahrheit aber ist, dass mich dieses Land viel zu wenig ausgenützt hat. Warum hat man mir nicht die Bürde auferlegt, einen Film über Bruckner zu machen? Ich hätte etwas davon, das Land hätte etwas davon und Bruckner hätte auch etwas davon. Der Film würde ganz anders als der Schubert-Film. Es ist erschütternd, wie Bruckner von Feinden, aber auch von Gönnern, dazu gebracht wurde, seine großartigen Werke, die damals nicht verstanden wurden, umzuschreiben. So hätte er nicht Jahre seines Lebens sinnlos vergeudet. Bruckner wird in Los Angeles und Tokyo aufgeführt, aber es gibt keinen einzigen österreichischen Spielfilm über Bruckner, an Spielfilmen über ihn gibt es überhaupt nur einen Film von Ken Russell.

Wie literarisch ist Drehbuchschreiben? Kann man diese Tätigkeiten vergleichen?
Absolut vergleichbar. Ich habe immer wieder versucht, Drehbücher nicht nur auf Dialoge hin zu schreiben, sondern wie Romane. Einerseits wollte ich damit die Produzenten mit einem gut lesbaren Stoff reizen und zur Finanzierung verführen, andererseits sollte jeder Mitarbeiter eine plastische Vorstellung vom Film bekommen. Jeder sollte sich gut in den Film hineinversetzen können, angeregt werden, viel von sich beizutragen.

Im „Schneeflockenforscher“ kommt auf über 600 Seiten keine direkte Rede vor, auch in ihren Filmen gibt es lange Passagen ohne ein gesprochenes Wort.
Film ist das Medium der Bilder, Geräusche, Töne, nicht der Dialoge. Dialoge können gut sein, wenn sie pointiert sind, aber furchtbar, wenn es geschwätzig wird, wenn man dem Zuschauer mitteilt, welche gewichtigen Probleme man gerade behandelt. Ähnlich ist es mit Musik im Film. Durch Musik lernte ich übrigens mehr über Film als durch Malerei. Spannung, Entspannung, Rhythmus, das sind die wichtigsten Vor-aussetzungen. Im Film setze ich Musik sparsam ein. Es ist furchtbar, wenn Musik nicht vorhandene Spannung entstehen lassen soll.

Ihr Roman „R“ über die Payer-Weyprecht-Expedition ins Franz-Joseph-Land war, wie eingangs von Ihnen erwähnt, ursprünglich als Filmprojekt konzipiert.
Ja, ich habe für Bernd Eichinger 1987 ein Treatment geschrieben, es mir dann aber nicht bezahlen lassen, um die Rechte behalten zu können. Es wurde nichts daraus, weil ich es aufgrund der Arbeit an Friedrich nicht mehr weiterverfolgt habe. Erst Jahre später meinte Dr. Seifert, dass sich das sehr gut als Roman eignen würde. Den Film hätte ich im Studio gedreht, mit dem Effekt, Natur zu transponieren.

Menschen in Extremsituationen scheinen Sie besonders zu interessieren.
Es wäre eine Geschichte geworden über Leute, die scheitern, Versager der Donaumonarchie, die so weit gekommen sind, dass sie in ihrer Situation der Verlorenheit einen eigenen Himmel im Eis sehen. Diese Geschichte der Überhöhung hätte mich sehr gereizt. An Extremsituationen kann man die wahre Größe oder Kleinheit von Menschen erkennen. Die größten Extremsituationen finden sich wohl in Hotel Metropol, meinem Roman über die Folterkammern der Gestapo am Morzinplatz.

Sie haben sowohl Romane anderer Autoren verfilmt – darunter Innerhofers „Schöne Tage“ oder Gerhard Roths „Der Große Horizont“ – als auch Filme nach eigenen Ideen gedreht. Was ist leichter?
Sicher ein Film nach eigenen Ideen. Man ist autark, kann sich ohne Rückfragen oder Verletzungen mit dem Stoff auseinandersetzen. Ich hatte aber das Glück, dass die Autoren immer mit den Filmen einverstanden waren, dass es nie Kriege gab.

Haben Sie als junger Mann auch schon Romane geschrieben?
Ja, mit 15, 16 phantasierte ich mir, auf der Mauer im Garten sitzend, eine eigene Welt zusammen. Der Held hatte viel mit mir gemeinsam, nur hatte ich nicht seine Größe, seinen Mut und nicht diese Fülle an Abenteuern.

Viele Ihrer Filme sind auf DVD erhältlich, freut Sie das?
Ja, denn es ist eine Aktivität des Zusehers, dass er sich von sich aus die Filme besorgt.

Haben Sie unter ihren Filmen einen Favoriten und sehen Sie sich hin und wieder ihre eigenen Filme an?
Jedermanns Fest ist mir als Problemkind besonders ans Herz gewachsen. Ich sehe mir Filme dann an, wenn es notwendig ist, etwa im Zuge von Festivals. Ich sehe mir die Filme aber nicht unter dem Gesichtspunkt an, was ich heute anders machen würde. Ich kann gelungene sehr wohl von weniger gelungenen unterscheiden. Die Filme sind in einer Zeit entstanden, in der ich versucht habe, dem Film alles zu geben.

Planen Sie einen neuen Film?
Darüber mache ich mir momentan keine Gedanken, weil ich bereits an das nächste Buch denke. Es ist sehr angenehm, eine Geschichte erzählen zu können, ohne sich Sorgen über Filmförderungen machen zu müssen.

Sergio Leone wurde gefragt, wie er es schaffte, in Spiel mir das Lied vom Tod eine Fliege immer wieder über das Gesicht eines Banditen kriechen zu lassen. Wie brachten Sie die Fliegen in Mit meinen heißen Tränen dazu, langsam über Udo Samels Hand und das Notenpapier zu kriechen, auf dem er schreibt?
Der Innenrequisiteur hat sie im Kühlschrank aufgehoben, dadurch waren sie langsam vom Übergang aus der Kälte in die Wärme der Scheinwerfer.

Und wie war das mit der Katze, die zu Schuberts Füßen einfach tot umfällt?
Da hat mich seinerzeit Frau Edith Klinger in ihrer Kolumne in der Kronen Zeitung heftig attackiert. Ich war damals gerade auf Festivals und habe noch nie dazu Stellung genommen. Das ist also meine erste Antwort an Frau Klinger: Es war Valium. Die Katze hat 15 Minuten lang geschlafen und war danach wieder putzmunter.

Andrej Tarkowskij sagte, es gäbe keine Symbole in seinen Filmen. Verwenden Sie Symbole?
Ich mag Symbole nicht, aber ich mag es, wenn der Zuschauer meine Bilder zu Symbolen aus seinem Leben macht. Ich mag Elemente mit symbolhaftem Charakter. Ich mag Wasser, wenn es in der Gegend wirklich Wasser gibt. Natürlich hat es eine Bedeutung, wenn in einer emotionalen Situation ein Sturm aufkommt, ein ganz alter Theatertrick. Aber der Sturm soll nicht aus dem Nichts kommen, ich lasse ihn allmählich entstehen. Ich schaffe die Möglichkeit für den Zuseher oder Leser, solche Dinge für sich zu entdecken. Je symbolhafter etwas ist, desto mehr Realitätsbezug versuche ich herzustellen. Symbole und Provokation sind bequeme Dinge.

Dennoch hat Ihr Werk stets provoziert, polarisiert, für Diskussionen gesorgt. Unabsichtlich?
Ja. Provokation kommt in meinem Denken nicht vor. Es ist unglaublich leicht, zu provozieren.



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Text + Interview ~ Oliver Stangl


Fritz Lehner
Der Schneeflockenforscher


Seifert Verlag,
Wien 2009
624 S., € 26,90

 



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