Ein langer Albtraum

Hubert Saupers Darwin’s Nightmare“ sorgte nicht nur für eine weltweite Erfolgsgeschichte an den Kinokassen, sondern auch für einen in der Film- und Rechtsgeschichte einmaligen Fall, der nun nach drei Jahren und drei Prozessen ein gutes Ende fand. Die Chronologie eines langen Nachspiels.

 

Im September 2004 erschien Darwin’s Nightmare erstmals auf der Kinoleinwand. Das Festival von Venedig bot die Bühne für die Weltpremiere eines der erfolgreichsten Dokumentarfilme der letzten Jahre. Hubert Sauper erzählt darin vordergründig von der intensiven Fischindustrie am Ufer des Viktoria-Sees (und dem fatalen Raubzug, den der Nilbarsch seit wenigen Jahrzehnten im Ökosystem des zweitgrößten Sees der Welt führt), um nach und nach das kulinarische Exportgut als eines der vielen Glieder in einer Kette komplexer und destruktiver kapitalistischer Verstrickungen zwischen Nord und Süd zu entflechten. Darwin’s Nightmare, eine österreichisch-französisch-belgische Koproduktion, holte in Venedig den ersten von später insgesamt 35 Filmpreisen. Saupers bis dahin längstes Kinoabenteuer, dessen Dreharbeiten sich über mehr als drei Jahre unter oft abenteuerlichen Bedingungen erstreckt hatten, schien zu einem gelungenen Abschluss und an einen viel versprechenden Start in die Verwertung gelangt zu sein. Über ein Jahr lang segelte der Film auf Erfolgskurs: Festivaleinladungen am laufenden Band, über eine Million Kinobesucher weltweit, über 400.000 allein in Frankreich, wo er auch den César für den besten ersten Langfilm erhielt.

Im Herbst 2005 jedoch, über ein Jahr nach der internationalen Premiere, beginnt ein Sturm aufzuziehen. François Garçon, Filmhistoriker und vor allem langjähriger Finanzberater im französischen Film- und Fernsehbusiness, veröffentlicht in der renommierten Zeitschrift Les Temps Modernes einen Artikel, in dem er Sauper unredliche Recherche vorwirft und der Lüge und Irreführung bezichtigt. Im Winter 2006 kommt im Zuge der Oscar-Nominierung von Darwin’s Nightmare in der Kategorie Bester Dokumentarfilm eine Polemik in Gang, die sich über drei Jahre hinziehen wird. Der Film und sein Regisseur gelangen in die Schlagzeilen ostafrikanischer Medien und auf die Agenda führender Politiker. Hubert Sauper wird von der tansanischen Regierung zum Staatsfeind erklärt, Mitwirkende im Film geraten so sehr unter Druck, dass sie ihre Aussagen widerrufen und gegen den Regisseur Stellung beziehen. Zur selben Zeit arbeitet François Garçon an einem Buch Enquête sur le cauchemar de Darwin (Untersuchungen zu Darwin’s Nightmare), das im November 2006 erscheint, mit dem Ziel, Aussagen des Films zu widerlegen und nachzuweisen, dass der Regisseur die Kinder im Film gegen Bezahlung vor der Kamera habe agieren lassen. Nach Rundfunkauftritten Garçons, wo er den Film u.a. als „Betrug“ und „Unsinn für leichtgläubige Idioten“ abtut, entschließt sich Hubert Sauper zu juristischen Schritten. Ehe er aber seinen Prozess wegen öffentlicher Verleumdung gegen François Garçon führt, muss er zunächst eine Sammelklage von vierzig Personen abwehren, die sich nach der Lektüre von Garçons Buch als um die Wahrheit betrogene Kinobesucher von Darwin’s Nightmare erklären und eine öffentliche Entschuldigung des Regisseurs einfordern. Der Klage wird nicht stattgegeben. Eine Recherche stellte in der Folge klar, dass die 40 Kläger auf Garçons Initiative angetreten sind, sieben von ihnen zu seinen Studenten gehören.

Gegen seine erste Verurteilung im Jänner 2008 legt François Garçon Berufung ein. Es dauert ein weiteres Jahr, bis ihn das Pariser Berufungsgericht wegen seiner Behauptung, Sauper hätte die Kinder in seinem Film gegen Bezahlung Szenen simulieren lassen, am 11. März 2009 wegen öffentlicher Verleumdung rechtskräftig verurteilt.

 

„Jeder Schritt konnte der falsche sein“

Filmemacher Hubert Sauper über die verleumderischen Vorwürfe gegen Darwin’s Nightmare.

Was hat Sie veranlasst, sich mit einem Prozess zur Wehr zu setzen?
Wenn über mich als Dokumentarfilmer behauptet wird, dass das, was ich erzähle, fiktiv und gelogen ist, dann ist die Basis dessen, was ich vermitteln möchte, in Frage gestellt. Der entscheidende Aspekt war allerdings der, dass die Leute, die im Film vorkommen, massiv unter Druck geraten sind. Wenn ein Film von 100 Millionen Leuten gesehen wird, dann taucht immer jemand auf, der sagt, das stimmt nicht. Das ist normal. Wenn aber eine Gegenposition solche Auswirkungen mit sich zieht, dann wird es kritisch. Mit der Oscar-Nominierung von Darwin’s Nightmare begannen die afrikanischen Regierungen zu reagieren, weil sie es mit der Angst zu tun bekamen. Das wäre ja im Prinzip ein gutes Zeichen. Bedenklich war ihre Methode. Ihr erster Schritt war, die Leute, die im Film vorkommen, zu bestrafen.

Wie heikel war es in dieser Situation, die richtige Strategie zu finden?
Es galt einerseits herauszufinden, wer dahinter steht, andererseits war jeder meiner Schritte eine zusätzliche Gefahrenquelle für meine Freunde in Afrika. Jeder Schritt konnte der falsche sein. Am Ende des Films spricht Richard Mgamba, ein Journalist, über Waffenschieberei. Er ist unter dem Vorwurf, ein Landesverräter zu sein, festgenommen worden. Das war im Sommer 2006. Ich saß damals tagelang in einem Hotelzimmer in Rom und habe nichts anderes getan, als Alarm zu schlagen, indem ich alle meine Kontakte aktiviert habe, von Amnesty International über Reporters Without Borders bis hin zu Medien wie die New York Times, die Washington Post, AFP, die alle geschrieben haben. Er wurde daraufhin freigelassen, eine Woche später gab es wieder Headlines in den ostafrikanischen Medien, dass es nie eine Festnahme von Mgamba gegeben habe, sondern dass es sich um eine weitere Lüge „des Filmproduzenten Sauper“ handle, um das Land noch mehr in Verruf zu bringen. Mgamba hat dann auch selber dementiert, jemals festgenommen worden zu sein und auch in der Presse gesagt, dass die Behauptungen im Film falsch und vom Filmemacher erfunden seien. In so einem verpesteten Klima habe ich drei Jahre lang gelebt.

Wogegen haben sich die Vorwürfe konkret gerichtet?
Es gab drei Punkte: Erstens den Waffenhandel mit Einsatz russischer Flugzeuge, den es laut tansanischer Regierung nicht gibt. Dazu genügte es, einen Blick in die Berichte von Human Rights Watch zu werfen. Die faktische Beweiserbringung existiert ja längst außerhalb des Filmes. Ein Film ist ja kein Versuch, einen Beweis aufzustellen, sondern eigentlich nur der, das bekannte Wissen in Bewusstsein zu verwandeln. Der zweite Punkt betraf die Verwertung der Fischreste: François Garçon hatte behauptet, sie seien nicht für Menschen bestimmt, sondern für die Hühnerzucht. Es werden Tonnen von Fischresten für die dortige Bevölkerung frittiert, das ist eine traurige Tatsache. Nach dem Film wurden diese Freiluftfabriken umgemodelt, saniert und westliche Journalisten eingeladen, um zu demonstrieren, wie Darwin‘s Nightmare die Unwahrheit behauptet. Der Film hatte hier quasi einen Einfluss auf die Realität: Durch ihn ist die Realität modifiziert worden und die modifizierte Realität ist dem Film dann zur Last gelegt worden. Der dritte Vorwurf war der gravierendste – nämlich, dass die Kinder im Film keine Straßenkinder sind und gegen Bezahlung bestimmte Szenen spielen. Daran war die Klage gegen Garçon aufgehängt, einfach auch deshalb, weil es der Gipfel ist zu behaupten, dass Menschen, die in einem Dokumentarfilm vorkommen, fiktive Figuren seien – nicht nur dem Film, auch den Menschen gegenüber. Das heißt Realitäten nicht nur bewusst negieren, sondern ein „Dokument der Realität“ zu sabotieren. Mir liegt sehr viel an der Definition meiner Arbeit als documentaire de création, das heißt, dass die faktische Realität in einer kreativen Form, in der des Kinofilms, dargestellt wird.

Wie hat die Filmbranche reagiert?
Ich hatte weltweite Unterstützung. Das Problem war, dass niemand meiner Kollegen zuvor eine derartige Erfahrung gemacht hatte. Es ist noch nie der Fall gewesen, dass ein Filmemacher in Paris einen Prozess gegen Leute aus der Import-Export-Lobby und aus der internationalen Finanz führen muss. Ich war in einer völlig absurden Situation, einzigartig in der Film- und Rechtsgeschichte. Für meinen betagten und sehr bekannten Anwalt Thierry Lévy war es eine tolle Herausforderung. Weniger für mich. Es war ein Lebensabschnitt, den ich wie eine schlimme Krankheit erlebte, die fatal hätte enden können. Man darf nicht vergessen, dass in Tansania Massendemonstrationen gegen den Film organisiert wurden, wo auf Plakaten „Rache an Sauper und seinen Freunden“ gefordert wurde, und dass in etlichen Videos im Internet die Todesstrafe für Hubert Sauper suggeriert wurde. Das würde ich niemandem wünschen.

Mit welchem Anspruch gehen Sie ins nächste Projekt?
Mir stellt sich immer die Frage der Notwendigkeit. Es geht mir darum, Filme entstehen zu lassen, die sonst niemand macht. Etwas, das es vorher nicht gegeben hat, entsteht und findet dann seinen Weg in die Welt. Ich stelle nicht den Anspruch, die Welt eines Besseren zu belehren, weil sie so unglaublich vielschichtig und enigmatisch ist. Mein Ziel ist der Ausdruck Film, und der Film erreicht dann seinerseits die Welt. Auf die alte Frage, ob Filme die Welt verändern, ist meine Antwort „Ja“. Die Frage ist, wie viel sie verändern: Solche Filme sind vielleicht ein heißer Tropfen auf dem kalten Stein.



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Text + Interview ~ Karin Schiefer




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