Ein Vampir für die Ewigkeit

Terence Fisher transferierte den Vampir-Mythos mitten in die Popkultur. Kaum eine andere Version hat das Bild des untoten Blutsaugers nachhaltiger im kollektiven Gedächtnis zu verankern gewusst.

 

Von Anfang an herrschen hier klare Verhältnisse. Schon das abgelegen Schloss mit dem dekorativ am Eingang prangenden steinernen Adler – untermalt von James Bernards pathetisch-eindringlichem Score – verheißt nichts Gutes. Die Kamera rückt dann sogleich das in einem Gewölbe des Anwesen stehende zentrale Requisit prominent ins Bild: einen Sarg, auf dem auch praktischerweise in dicken Lettern der Name des Schlossherrn prangt – Dracula. Und von oben herab tropft wie bestellt Blut in sattem Technicolor-Rot herab. Als kurz darauf Jonathan Harker das Schloss betritt, um seinen Dienst als Bibliothekar bei Graf Dracula anzutreten, ist auch dem mit den Konventionen des Horror-Genres nicht vertrauten Zuschauer längst klar, dass diese Reise böse für Mr. Harker enden muss.

Der vorzeitige Abgang von Jonathan Harker ist nur eine der zahlreichen Abweichungen von Bram Stokers Romanvorlage, und die Rede ist natürlich von Dracula, jener Produktion aus der Werkstatt von Hammer Film, die Terence Fisher 1958 so effektvoll inszenierte.

Moderner Horror

Mitte der Fünfziger Jahre begannen die britische Hammer Film Productions damit, Klassiker des Horror-Genres neu zu adaptieren. Nach The Curse of Frankenstein (1957) folgte bereits ein Jahr darauf Dracula, der ein durchschlagender Erfolg wurde und den legendären Ruf des „Hammer Horror“ begründete. Terence Fisher, Hausregisseur von Hammer, und sein Team machten sich daran, dem Vampir ein neues Erscheinungsbild zu verpassen. Waren die klassischen Vampir-Vorstellungen bis dahin von den Schwarzweißbildern der Filme von Friedrich Wilhelm Murnau und Tod Browning geprägt, tauchte Terence Fisher seinen Graf Dracula in satte Technicolor-Farben, was, in Verbindung mit dem für Hammer-Produktionen typischen, etwas kruden Naturalismus, visuell ein wenig an Graphic Novels bzw. deren Verfilmungen erinnert. Zudem fand Fisher mit Christopher Lee einen Darsteller, der mit seiner Interpretation der Titelrolle für einen Paradigmenwechsel sorgte. In Tod Brownings Version von 1931 hatte Bela Lugosi mit seiner Darstellung des fremdländischen Aristokraten mit distinguiertem Charme und versteckter Erotik das Bild des Vampirs für lange Zeit entscheidend geprägt. Christopher Lee ging die Sache wesentlich handfester an. Mit seinen fast zwei Meter Größe und seiner hageren Gestalt verbreitete Lee allein mit seinem Erscheinen eine physische Präsenz, die Lugosi nicht aufzuweisen vermochte. Lees Graf Dracula ist ein Wesen mit ungemein dynamischem, beinahe athletischem Auftreten, das nichts mehr mit der etwas morbiden Dekadenz, die Lugosis Dracula verströmte, gemeinsam hat. Auch die subtile Erotik, die bis dahin mit Dracula assoziiert wurde und die auch die viktorianischen Leser von Bram Stokers Roman aus dem Jahr 1897 faszinierte, wird grundlegend verändert. Dracula in der Gestalt Christopher Lees ist kein Verführer, sondern ein Eroberer, dem sich seine weiblichen Opfer mit einer Mischung aus Furcht und Faszination geradezu hingeben. Der Vampir verbreitet hier mit dem Akt des Blutsaugens – vornehmlich aus dem Hals seiner Opfer – nicht mehr eine Atmosphäre unterschwelliger Erotik, sein Attackieren der Opfer versprüht vielmehr eine Form von aggressiver Sexualität, die auch eine beinahe sadomasochistische Komponente beinhaltet.

Das stand aber durchaus im Einklang mit der Richtung, die Terence Fisher mit seiner Inszenierung einschlug. Was die pure Gewaltdarstellung angeht, wirkt Dracula heutzutage – nach all den Splatter-Exzessen, die das Horrorkino vor allem in jüngster Vergangenheit abgeliefert hat – vermutlich vergleichsweise harmlos, doch im Jahr 1958 bedeutete das alles noch drastischen, reichlich explizit ausgebreiteten Schrecken. Fisher schöpfte dabei den Vampir-Mythos auch hinlänglich aus: Die Eckzähne Draculas und seiner Vampir-Gefolgschaft verwandeln sich unmittelbar vor dem Blutsaugen in lange, spitze Fangzähne, nachdem sie ihre Opfer ausgesaugt haben, läuft den Vampiren das Blut geradezu dekorativ aus den Mundwinkeln. Doch auch die Gegenmaßnahme sehen nicht weniger heftig aus: Den Vampiren werden Holzpflöcke ins Herz getrieben, der Einfall von Sonnenlicht lässt sie zu Staub zerfallen, durch die Berührung mit einem Kreuz werden die Vampire gebrandmarkt. Alle diese Sequenzen setzt Terence Fisher mit spürbarer Lust am gruseligen Detail effektvoll und ausführlich in Szene, was jedoch den Geschmack des Publikums der ausklingenden Fünfziger Jahre – der Erfolg seines Films spricht da eine deutliche Sprache – punktgenau traf. Gemeinsam ließen Christopher Lee und Terence Fisher den nach Blut dürstenden Grafen nur mehr einmal in Dracula: Prince of Darkness (1966) wiederauferstehen, Lee sollte die Rolle seines Lebens allerdings noch in zahlreichen Sequels von teilweise minderer Qualität spielen.

Hammers Horrorwelt

Es zählt zu den Markenzeichen der Produktionen von Hammer – und Terence Fishers Dracula ist geradezu ein Paradebeispiel dafür –, dass man sich reichlich aus dem Fundus der Horrorgeschichte bedient und literarische Vorlagen, Mythologie und populärkulturelle Versatzstücke reichlich ungeniert durcheinandermischt. Mit der narrativen Logik nimmt man es dabei manchmal nicht so genau, spielt doch etwa Dracula – ganz im Gegensatz zu Stokers Roman – vollständig in Siebenbürgen, obwohl die Charaktere in der Mehrzahl englische Namen tragen (in der deutschen Synchronfassung wird die Handlung übrigens gleich nach England verlegt). Doch solche Ungenauigkeiten stören verblüffenderweise recht wenig. Denn Hammer-Produktionen wie Dracula sind kein Sammelsurium diverser Mythen und deren Versatzstücke, die im Exploitation-Stil agieren, sondern fein durchkomponierte Genrearbeiten, die innerhalb ihrer eigenen Regeln ziemlich gut funktionieren. Hammer-Filme sind keinesfalls akribische Adaptionen literarischer oder sonstiger Vorlagen, aber sie schaffen es, ein narratives Universum zu kreieren, dem man die Eigenständigkeit schon bald nicht mehr absprechen kann. Hammers Production Designer schufen etwa Sets, denen man immer auch ein wenig die Filmkulisse ansieht, was aber gerade den zumeist im 19. Jahrhundert spielenden, klassischen Horrorstoffen einen beinahe märchenhaften Charme verleiht, der die Zwänge räumlicher Grenzen überwinden hilft. Denn ganz gleich, ob man den Schauplatz von Dracula als Siebenbürgen, Großbritannien oder sonst wo ansieht, es sieht eigentlich immer aus wie das viktorianische England – oder präziser gesagt, eine romantisch angehauchte Vorstellung davon. Hammers Version von „Dracula“ ist keineswegs die Adaption der Romanvorlage, sondern der Versuch, die kollektiven Vampir-Bilder- und Vorstellungen in einer zeitgemäßen Form zu bündeln und damit neu zu definieren.

Wie effektiv Terence Fisher den Mythos des Vampirs antizipieren konnte, zeigt sich alleine an der Nachhaltigkeit, mit der sich seine Bilder bis heute im kollektiven Gedächtnis der Popkultur eingebrannt haben. Dracula wird immer noch primär mit der hünenhaften Gestalt Christopher Lees samt seinem bodenlangen, wallenden Cape assoziiert, ebenso gehört es mittlerweile zu den verbrieften Grundlagen des Fachbereichs Horror, dass Tageslicht tödlich für den Vampir ist – eine Vorstellung, die in erster Linie auf die Schluss-Sequenz von Fishers Dracula zurückgeht, denn bei Bram Stoker, Draculas Urvater, verliert der Graf bei Tag nur seine übernatürlichen Kräfte. Die Tatsache, dass die allermeisten Neuadaptionen nicht viel Anklang fanden, dürfte zu einem nicht geringen Teil darauf zurückzuführen sein, dass Fishers legendäre Version von 1958 über Generationen hinweg immer noch als das Maß aller Dinge gilt. Angesichts der bekanntermaßen langen Existenz von Vampiren, stehen die Chancen gut, dass sich in den nächsten Jahrhunderten daran wenig ändern wird.



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