Mademoiselle Chambon

Ein verheirateter Maurer verliebt sich in die Lehrerin seines Sohnes.

 

Ein Mann zwischen zwei Frauen, zwischen der Entscheidung für die Familie oder für eine plötzlich ausbrechende Liebe: Uralt ist diese Geschichte, zigmal schon erzählt, und doch gelingt es Stéphane Brizé, seiner Verfilmung von Eric Holders Roman große emotionale Tiefe und Wahrhaftigkeit zu verleihen. Wie schon in Man muss mich nicht lieben setzt der Regisseur auch in seinem vierten Spielfilm auf Zurückhaltung. Nach außen brechen keine Emotionen durch, man bleibt gefasst, spricht sich bis zum Ende mit „Sie“ an, enthält sich fast jeder körperlichen Berührung. Doch in den Gesten und vor allem in den Blicken wird die tiefe Liebe zwischen dem Maurer Jean und der Lehrerin Mademoiselle Chambon spürbar.

Ganz zufällig und sukzessive hat sich das ergeben, ist Jean doch glücklich verheiratet und liebevoller Vater. Aber dann holt er seinen Sohn von der Schule ab und wird prompt von der Lehrerin zu einem Vortrag über seinen Beruf eingeladen. Man spürt, wie Mademoiselle fasziniert ist, wenn Jean voll Liebe und ganz selbstverständlich von seiner Arbeit erzählt. Sie bittet ihn, in ihrer Wohnung ein Fenster zu reparieren, und er wünscht sich als Gegenleistung ein Vorspiel auf der Geige – das Eine ergibt das Andere, und langsam wachsen die Gefühle füreinander, die Jean bald zu zerreißen drohen, zu Hause und im Beruf gereizt reagieren lassen und eine Entscheidung unabwendbar machen. Über den Beruf definiert Brizé seine Protagonisten, zeigt, dass unterschiedlicher Bildungsstand und soziale Stellung kein Hindernis für die Liebe sind, sondern speziell Jean sogar den Blick in eine neue, ihm bislang unbekannte Welt öffnen. Das Bild vom Fenster bietet Brizé dabei an, forciert es aber so wenig wie das vom Haus mit sicherem Fundament als Metapher für eine solide Familie im Gegensatz zur wilden, aber vielleicht kurzlebigen Leidenschaft. Gerade aus dem Kontrast zwischen den heftigen Gefühlen und der ruhigen und nüchternen Erzählweise entwickelt dieses leise Drama seine Intensität. Hier gibt es keinen überhasteten Schnitt und abgesehen vom melodramatischen Finale wird auch die Musik sparsam eingesetzt.

Ganz auf die Schauspieler vertraut Brizé. Eindringlich vermitteln Sandrine Kiberlain und Vincent Lindon in langen Einstellungen die Sehnsüchte, aber zunehmend auch den Schmerz ihrer Figuren. Und am Rande gibt es als dritte Leidende Aure Atika als Jeans Frau, bei der man in jeder Szene spürt, wie bedingungslos sie ihren Mann liebt und wie sehr sie sein verändertes Verhalten, das für sie lange unerklärlich bleibt, belastet.



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Mademoiselle Chambon


Drama, Frankreich 2009
Regie
Stéphane Brizé

Drehbuch Stéphane Brizé, Florence Vignon nach dem Roman von Eric Holder
Kamera Antoine Héberlé
Schnitt Anne Klotz
Musik Ange Ghinozzi
Production Design Valérie Saradjian
Kostüm Ann Dunsford
Mit Sandrine Kiberlain, Vincent Lindon, Aure Atika, Jean-Marc Thibault, Arthur Le Houérou
Verleih Polyfilm, 101 Minuten

www.polyfilm.at




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