Unterwegs im Land der Bestien

Anlässlich des sehenswerten Endzeitdramas „The Road“: John Hillcoats filmische Vermessungen des Humanen

 

Dass es zwischen Zivilisation und Barbarei eine deutlich sichtbar verlaufende Grenze gibt, wird oft behauptet. Schaut man genauer hin, erweist sich die angebliche Demarkationslinie ebenso oft als kaum erkennbarer, verwaschener Strich inmitten eines unübersichtlichen Geländes voller fließender Übergänge. Genau dort, in jenem Grenzgebiet, in dem die Regelwerke menschlichen Zusammenlebens aufgebaut und wieder niedergerissen, neu zusammengesetzt und erneut vernichtet werden, handeln die Filme des australischen Regisseurs John Hillcoat. Viele sind es nicht: Ghosts... Of The Civil Dead (1988), To Have & to Hold (1996), The Proposition (2005), The Road (2009) – vier Spielfilme in 21 Jahren.

Der 1961 in Queensland geborene Hillcoat machte sich als Regisseur von Musikvideos einen Namen. Depeche Mode, Suede, Atari Teenage Riot, Siouxsie & The Banshees, Einstürzende Neubauten und Nick Cave & The Bad Seeds gehörten zu seinen Kunden. Mit Nick Cave verbindet Hillcoat darüberhinaus eine freundschaftliche Arbeitsbeziehung. Nicht nur hat Cave die Musik für alle Filme Hillcoats geschrieben, er übernahm auch eine Rolle in Ghosts... Of The Civil Dead, an dessen Drehbuch er mitgearbeitet hatte, und er schrieb das Buch zu The Proposition – mit dem Hillcoat auf internationalen Festivals reüssierte und dem Western-Genre mit seiner australischen Variante eine besonders düstere und gewaltvolle beigesellte.

Tatsächlich ist der Raum, in dem Hillcoats Filme angesiedelt sind, nicht allein ein Ort, an dem sich eine Handlung zuträgt, sondern übernimmt immer auch Funktion als Bedeutungsträger. „I’ve always been interested in extreme environments, and the way in which environments can impact upon the people”, sagt der Regisseur und macht im Raum, in der Umgebung seiner Figuren, oben erwähntes metaphorisches Grenzgebiet sichtbar.

Gleich ob es die Küste von Oregon (The Road), das australische Outback (The Proposition) oder der Dschungel Neu-Guineas (To Have & to Hold) ist, in der wilden, wüsten, ungezähmten Landschaft treffen die aufbauenden und die zerstörerischen Kräfte, die Anspruch auf die Deutungshoheit über den Raum erheben, aufeinander. Und nirgendwo konkreter als in Hillcoats erstem Film, Ghosts... Of The Civil Dead, der in einem modernen Hochsicherheitsgefängnis spielt, in dem die Konzepte der Ordnungskräfte mit denen der Störenfriede kollidieren. Am Ende des unnachgiebig klaustrophobischen Dramas steht eine totale Eskalation, die zugleich die Sinnhaftigkeit von Resozialisierung durch Freiheitsentzug radikal in Frage stellt.

Erst sechs Jahre später entstand To Have & to Hold. Hillcoat verarbeitet darin Motive aus Hitchcocks Vertigo ebenso wie das in der Literatur des 19. Jahrhunderts verschiedentlich gestaltete Thema des kolonialen Wahnsinns. Dabei geht es um die Frage, ob und inwieweit die barbarischen Anteile der menschlichen Natur das Joch gesitteten Benehmens abwerfen, wenn dessen Träger sich aus der Zivilisation entfernt. (Bekanntestes Beispiel hierfür dürfte Joseph Conrads Roman „Heart of Darkness“ aus dem Jahr 1899 sein.) To Have & to Hold erzählt die Geschichte des um seine verstorbene Frau Rose trauernden Witwers Jack (Tchéky Karyo), der am Fluss Sepik in Papua Neuguinea ein kleines Kino führt. Während eines Aufenthalts in Melbourne trifft er Kate (Rachel Griffiths), die der Toten verblüffend ähnlich sieht. Kate geht mit Jack und in der fiebrig isolierten Atmosphäre des Dschungels gewinnt die Vergangenheit immer mehr Macht über die Gegenwart, offenbart sich Jacks vermeintliche Liebe zu Kate zunehmend als Obsession mit der toten Rose, greift schließlich der Wahnsinn um sich. Die in den Hauptrollen sehenswert agierenden Griffith und Karyo können allerdings die mangelhafte Charakterisierung ihrer Figuren und die motivische Unebenheit der Story nicht ausgleichen. Der Film konnte an den Kritiker-Erfolg des Vorgängers nicht anknüpfen und ging unter.

Es vergingen neun lange Jahre, bis Hillcoat seinen nächsten Film realisierte. Mit The Proposition, einem so genannten Bushranger-Western, knüpfte er nicht nur an eine sehr alte Tradition an, sondern konnte auch endlich einen kommerziellen Erfolg feiern. Als „Bushranger“ bezeichnete man zunächst die in der Frühzeit der Kolonisierung Australiens aus britischen Strafkolonien in die Wildnis entflohenen Häftlinge, später meinte der Begriff Outlaws im Allgemeinen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts blühte der Bushranger-Western, bis staatliche Zensurbestimmungen, die auf ein effektives Verbot hinausliefen, zugleich der boomenden australischen Filmindustrie einen schweren Schlag versetzten, von dem diese sich lange nicht mehr erholte.

Angesiedelt ist The Proposition im australischen Outback in den 1880er Jahren. Die Hitze mörderisch zu nennen, ist eine Untertreibung, Fliegenschwärme sitzen wie lebende Kleidung auf dreckverkrusteten Menschen, deren sittliche Verrohung ihnen in die schmierigen Gesichter geschrieben steht. Inmitten dieses animalischen Sündenpfuhls versucht Captain Stanley (Ray Winstone) die Ordnung des Empires aufrecht zu erhalten. Dabei stehen die verbrecherischen Burns-Brüder, angeführt vom psychopathischen Ältesten, Arthur (Danny Huston), im Weg. Als ihm die beiden jüngeren, Charlie (Guy Pearce) und Mikey (Richard Wilson), in die Hände fallen, macht Stanley Charlie einen Vorschlag von der Sorte, die man nicht ablehnen kann: Er soll Arthur töten, um Mikeys Leben zu retten.

Ein Akt der Barbarei soll das Ende der Barbarei einläuten – das ewige Paradoxon des Kulturprozesses.

Gestaltet findet es sich auch in Hillcoats aktuellem Film The Road, der lang erwarteten Verfilmung des gleichnamigen, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Romans von Cormac McCarthy.

Durch eine post-apokalyptische Welt – jeder kann seine Lieblingsweltuntergangsursache an diese Leerstelle setzen – voll toter Bäume, verbrannter Erde, ohne Sonne, ohne Tiere stapfen ein Mann und sein Sohn, immer auf der Hut vor anderen Überlebenden, die als kannibalistische Horden das verwüstete Land unsicher machen. Beide bleiben namenlos, gespielt werden sie von Viggo Mortensen und Kodi Smit-McPhee (in weiteren Rollen: Robert Duvall und Charlize Theron).

Zivilisation hat sich erledigt, der Mensch ist des Menschen Wolf und jeder sich selbst der nächste. Der Mann aber hält stur daran fest, dem Jungen, der den zivilisierten Zustand vor der Katastrophe nicht mehr kennen gelernt hat, sittliche Werte zu vermitteln, ihn überleben zu lehren, ohne zu Bösartigkeit und Barbarei Zuflucht zu nehmen. Er spricht von Mitmenschlichkeit und Mitleid, muss aber, um seinen Sohn vor den allerorten drohenden Gefahren zu schützen, immer wieder unmenschlich und gnadenlos handeln. In Vater und Sohn prallen die beiden fundamentalen Weisen menschlichen Miteinanders aufeinander: Misstrauen und Grundverdacht. Grundvertrauen und Zuversicht.

Des Öfteren auch nennt der Vater den Jungen einen Engel. Weil dessen kindliche Unschuld ein Heilsversprechen ist, weil er das utopische Hoffen auf die Rückkehr der humanen Ordnung verkörpert. Doch der Engel muss sich frei machen vom Vater, dessen Beschützerinstinkt gütige Kontaktaufnahme immer wieder verhindert. Ein Vertrauensvorschuss ist nötig, damit die Straße in den Sonnenauf- statt in den Sonnenuntergang führen kann. Und es ist herzzerreißend zu sehen, wie der Aufbau in der Zerstörung gründet und auch die Liebe nichts mehr retten kann.



Kein Kommentar vorhanden.



The Road


Drama, USA 2009
Regie John Hillcoat 
Drehbuch Joe Penhall nach dem gleichnamigen Roman von Cormac McCarthy
Kamera Javier Aguirresarobe 
Schnitt Jon Gregory 
Musik Nick Cave, Warren Ellis
Production Design Chris Kennedy 
Kostüm Margot Wilson
Mit Viggo Mortensen, Kodi Smit-PcPhee, Robert Duvall, Guy Pearce, Charlize Theron, Molly Parker
Verleih Constantin Film, 111 Minuten

www.theroad.senator.de




Tags


Social Bookmarks