Hypnotisches Kino

Mit „Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives“ hat der thailändische Filmkünstler Apichatpong Weerasethakul sich selbst übertroffen. So sah es auch die Jury bei den Filmfestspielen in Cannes, die ihn mit der Goldenen Palme auszeichnete. Nun kommt der Film auch bei uns ins Kino.

 

Nachdem Apichatpong Weerasethakul seine autobiografische Trilogie, bestehend aus Blissfully Yours (über seine Heimatstadt), Tropical Malady (über sein Leben) und Syndromes and a Century (über seine Eltern) fertig gestellt hatte, mögen Fans seiner Arbeit unschlüssig gewesen sein, in welche Richtung sein nächster, sein sechster Film gehen würde, wo er doch schon so viel von seinem Leben erzählt hatte. Tatsächlich ist Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives (Lung Boonmee raluek chat) ein überraschendes Meisterwerk, das Apichatpongs Lebenserfahrungen zusammenfasst und darüber hinausgeht: eine mystisch-ästhetische Meditation, eine Hommage an die Populärkultur der unteren Bevölkerungsschichten und an die thailändischen Volksmärchen, eine Nachbetrachtung zu seinen früheren Filmen, eine Herausforderung an kinematografische Herangehensweisen, eine Übung darin, das Publikum zu hypnotisieren, und eine politische Hinterfragung thailändischer Entfremdung und des herrschenden Klassensystems.

Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives wurde als integraler Bestandteil eines vielschichtigen Kunstprojekts namens „Primitive“ konzipiert, an dem Apichatpong seit 2009 arbeitet. Es umfasst mehrere Installationen, zwei Kurzfilme (A Letter to Uncle Boonmee and Phantom of Nabua) und den vorliegenden Spielfilm. Mit dem Buch „Cujo“, das dokumentarisches Material und Fotos zum Projekt und zu dessen Entstehungsort enthalten wird, wird es demnächst abgeschlossen.

Der Film, angesiedelt im Dschungel in Isan, dem Nordost-Teil Thailands, erzählt von Onkel Boonmee (Thanapat Saisaymar), der an Nierenversagen leidet und von Freunden besucht wird, ebenso wie von seiner verstorbenen Frau Huay (Natthakarn Aphaiwonk) und seinem verloren geglaubten Sohn Boonsong. Wie viele Buddhisten, die sich ihres nahen Todes bewusst sind, hat sich Onkel Boonmee entschlossen, zu meditieren – sein Leben zu reflektieren, sein Karma zu akzeptieren und mit dem Tod seinen Frieden zu schließen. Apichatpong schafft es, das Publikum in Boonmees Welt der Vorstellungen und der Reinkarnation „mitzunehmen“, durchaus humorvoll und mit einem Sinn für das Erstaunliche. Dadurch, dass die Szenen als Day-for-Night gedreht, also die Nacht künstlich hergestellt wurde, und durch das kaum wahrnehmbare Sounddesign erscheinen uns die Bilder des Films, als würden sie sich tatsächlich hinter den geschlossenen Lidern des alten Mannes abspielen – ein im Zwielicht liegendes mysteriöses Land, wie der Eingang zu einem Zustand der Meditation. Wir bekommen keine definitiven Antworten auf die Frage, was Onkel Boonmee nun in seinen früheren Leben war. Er könnte der Büffel gewesen sein, der zu Beginn des Films still unter einem Baum steht, der Katzenfisch, der mit einer Prinzessin schläft, oder auch etwas anderes, das wir uns vorstellen können. Nach gängigem thailändischem Glauben muss man zehn Mal als Tier gelebt haben, ehe man als das höchste Wesen wiedergeboren wird – als Mensch.

Apichatpong hat oft von seinem Interesse daran gesprochen, das Leben „normaler“ Menschen aufzuzeichnen. Vieles in seiner früheren Arbeit verdeutlicht seine Eindrücke von Kindheitserfahrungen oder dokumentiert eben solche „einfache“ Existenzen. In Uncle Boonmee, mit all seinen Reminiszenzen an die Mythologie und den Volksglauben, steht die enge Beziehung zwischen Menschen, Tieren und Geistern im Mittelpunkt, ganz im Einklang mit dem, was die meisten Thais glauben. Jedes Wesen kann in die Welt eines anderen „überwechseln“, und das in ganz verschiedenen Formen und Gestalten. Der Besuch der toten Ehefrau spiegelt den Glauben daran wider, dass die Toten zurückkehren, um den/die geliebten Menschen auf ihrem Sterbebett zu betreuen und schließlich mitzunehmen. Boonmees Sohn, der als Geist in Affengestalt mit glühend roten Augen auftaucht, stammt aus einem billigen Comic-Buch, das unter armen Thais immer noch sehr populär ist. Die Geschichte mit dem Katzenfisch erinnert an ein bekanntes Märchen, in dem sich eine Mutter in einen solchen verwandelt, um ihre Zwillingstöchter vor deren böser Stiefmutter zu retten. Diese Story ist öfter, unter anderem auch für eine Kinder-Fernsehserie, verfilmt worden.

Apichatpong macht sich über diese einfachen Geschichten nicht lustig, sondern er ist fasziniert davon. Allerdings unterwirft er sie der ihm eigenen experimentellen Umformung. Die grobkörnigen Bilder erklären sich aus der Verwendung einer – von vielen Intellektuellen mittlerweile gering geschätzten – 16mm-Kamera und stellen Apichatpongs Hommage an die großen, alten Thai-Filme der Sechziger Jahre dar.

Die Filme des Regisseurs sind bekannt dafür, nur das Gerippe eines Plots aufzuweisen. Apichatpong zwingt uns, selbst zu fühlen, zu absorbieren, uns verführen und diesmal auch amüsieren zu lassen. Der Film hat mehrere Subtexte und politische Anspielungen. Der Affengeist ist in Wahrheit ein verwandelter Mensch, der sich von seiner Umgebung entfremdet fühlt, in diesem Fall dem Dorf Nabua, in dem der eingangs erwähnte Kurzfilm entstand. Dieses Dorf galt in den Sechziger bis Achtziger Jahren, einer Zeit des politischen Aufruhrs, als Hochburg der Kommunisten. Männer wurden von den Regierungstruppen abgeschlachtet und Frauen vergewaltigt. In seiner neuen Gestalt kann der Affe jedermanns Freund sein, auch der der Soldaten. Auch die Prinzessin wird hier dekonstruiert, sie ist nicht mehr das idealisierte Wesen aus den gängigen thailändischen Märchen. Sie ist verunstaltet und hat Sex mit dem Katzenfisch, etwas, was in der „realen“ Welt niemals passieren könnte. An anderen Stellen spielt Apichatpong mit der behaupteten „Überlegenheit“ der königlichen Herrschaftsschicht in Thailand und unterminiert sie. Und gegen Ende des Films provoziert der Filmemacher die thailändische Zensur, indem er einen Mönch zeigt, der „verbotene“ Dinge tut: Er genießt eine heiße Dusche, zieht ein T-Shirt an und geht zum Karaoke. Das ist natürlich eine Anspielung auf die Zensurprobleme rund um seinen Film Syndromes and a Century, in dem er einen Gitarre spielenden jungen Mönch gezeigt hatte.

In seinen früheren Filmen wurden wir oft aufgefordert, die Erzählung quasi selbst zu vervollständigen, jeder ganz nach seiner eigenen Vorstellung. Im Fall von Uncle Boonmee kommt eine neue Aufgabe auf uns zu. Der Film zwingt uns geradezu, uns unsere eigenen Impressionen von seinem Film zu schaffen, so wie er sich in die alten thailändischen Filme hineingedacht hat. Die Bilder von ländlichen Häusern wirken mittlerweile vertraut, die Darsteller kennt man aus Blissfully Yours und aus Tropical Malady, sie sind fast schon unsere Freunde, und wir befinden uns in einem merkwürdigen Stadium. Die zurückhaltende visuelle Gestaltung und die Geräusche, die wie aus der Ferne zu kommen scheinen, „hypnotisieren“ uns in eine meditative Betrachtung des Lebens geradezu hinein. Und vielleicht ist ja auch das Kino gar nicht real. Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives ist wahrscheinlich die ultimative Verdichtung von Apichatpongs Stil und seiner Vorgangsweise. Es ist der Film, in dem seine Liebe zum und sein Talent für das Kino bislang am deutlichsten hervortritt.

Anchalee Chaiworaporn

Thailändische Filmkritikerin und Filmwissenschafterin. Ihre Filmstudien an der Universität von Southampton, England, schloss sie mit dem Master’s Degree ab und schrieb sowohl für thailändische Zeitungen als auch für internationale Magazine wie „Cahiers du cinéma“ und „Variety“. 2000 wurde sie mit dem Filmkritik-Preis in Thailand ausgezeichnet. In den letzten Jahren hat sie sich auf die wissenschaftliche Erforschung weiblichen Filmschaffens in Asien spezialisiert – mit Unterstützung durch Stipendien der Asian Scholarship Foundation, von Asian Public Intellectuals und der Japan Foundation.

Übersetzung aus dem Englischen: Andreas Ungerböck

 

 

 



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Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives / Lung Boonmee raluek chat


Drama, TH/UK/FR/DE/ES/NL 2010
Regie, Drehbuch
Apichatpong Weerasethakul
Kamera Sayombhu Mukdeeprom, Yukontorn Mingmongkon
Schnitt Lee Chatametikool
Sounddesign Akritchalerm Kalayanamit, Koichi Shimizu
Production Design Akekarat Homlaor
Kostüm Chatchai Chaiyon
Mit Thanapat Saisaymar, Jenjira Pongpas, Sakda Kaewbuadee, Nattakarn Aphaiwonk, Geerasak Kulhong
Verleih Stadtkino Wien, 114 Minuten

www.stadtkinowien.at

 

 



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