Das Mittelmaß ist der Tod

Ulrich Seidls Filme zwingen zur Auseinandersetzung: mit Grenzen von Geschmacksnormen, mit Fragen von Moral und Glauben, mit der Darstellbarkeit psychischer Gewalt und letztlich mit sich selbst. Gleich vier neue Werke des großen Filmautors befinden sich in Postproduktion – Zeit für ein ausführliches Gespräch.

 

Herr Seidl, bevor man auf das Hauptmenü Ihrer Website kommt, stehen da wenig schmeichelhafte Beschreibungen Ihrer Person. Was hat das zu bedeuten?
Das ist natürlich nicht meine Meinung, sondern eine Aufzählung von Attributen, die im Lauf der Zeit in den Kritiken, die erschienen sind, genannt wurden. Das kann jeder selbst beurteilen.

Ja, aber wie sind sie darauf gekommen, diese Zuschreibungen auf solche Art zu ironisieren?
Das war einfach eine Idee im Zuge der Besprechung, wie man die Website gestaltet. Der ironische Zugang hat mir gefallen. Meine Homepage ist ja sonst sehr schlicht gehalten.

Fühlen Sie sich nicht von manchen der Vorwürfe noch immer getroffen?
Nein, für mich ist das heute vom Tisch. Das hat mich von Anfang an begleitet, jahrzehntelang. Schon bei meinem ersten Kurzfilm Einsvierzig ist, glaube ich, der Begriff „Sozialpornograf“ gefallen. Spätestens mit dem Film Hundstage ist all diese Art von Vorwürfen obsolet gewesen. Seitdem gibt es diese Kritiken gar nicht mehr. Das habe ich auch hinter mir, damit beschäftige ich nicht mehr. Man kann das nun mit einem gewissen Schmunzeln sehen, denn mit Import Export bin ich ja wirklich zum „Humanisten“ aufgestiegen. Nach all diesen Negativ-Vorwürfen oder Beschimpfungen bin ich plötzlich der Humanist gewesen.

Wie sieht es mit dem Vorwurf des Voyeurismus aus?
Wenn dieser Vorwurf an mich herangetragen wird, sage ich immer, dass ich das in dem Sinn gar nicht negativ finde. Ich habe auch oft gesagt, ich bin ein Voyeur, dazu stehe ich. Auch der Vorwurf, ein Pessimist zu sein, ist dasselbe. Ich finde, der Optimist ist für mich kein besserer Mensch als der Pessimist. Es ist eine Weltsicht, zu der man kommt. Aus dem Pessimismus heraus kann ja auch eine Hoffnung auf Veränderung entstehen.

Was den Provokationsvorwurf betrifft: Da werden Sie lieber als produktiver Verstörer bezeichnet.
Provokation ist a priori nichts Böses. Aber Provokation um des Provozieren Willens ist nicht mein Ansatz. Ich setze mich nicht hin und überlege, wenn ich über einen Film nachdenke, was ich machen könnte, damit ich provoziere. Es entsteht einfach, indem ich Dinge zeige, die wir nicht so gern sehen wollen. Das sind eben Wahrheiten, die man sich nicht so gern anschaut, weil man selber damit zu tun hat und weil man weiß, man ist auch ein Teil dieser Welt.

Das heißt, Sie leben gern ihre Funktion als Spiegelvorhalter der Gesellschaft aus?
Es geht nicht ums Ausleben, aber meine Filme sind ein Spiegelbild einer Gesellschaft. Das Provokante liegt sehr oft auch im Privaten. Interessant daran finde ich, dass gerade in der Normalität die Provokation liegt. Darin, wie ich es zeige, weil ich nichts beschönige und es sehr direkt und ungeschminkt zeige. Wenn man dann halt wie in Import Export zeigt, wie das denn mit Menschen so ist in einer Geriatrie, dann ist das für viele provokant, weil es schwer ist, es anzuschauen.

Im diesem Zusammenhang kam auch wieder der Einwand der Ausbeutung Ihrer Protagonisten ...
In Wahrheit ist das nur marginal gekommen. Ich hätte mit viel stärkeren Reaktionen gerechnet. Vor zwanzig Jahren hätte dieselbe Sequenz in einem Film einen ganz anderen Aufschrei ausgelöst. Meine Meinung ist, dass die Leute, die gesagt haben, man darf so etwas nicht, mit dem, was sie sehen, selbst ein Problem haben. Es ist natürlich eine Verantwortung den Menschen gegenüber, die ich da zeige. Ich glaube aber, dass ich diese Verantwortung sehr wohl wahrgenommen habe und dass ich ihnen auch ihre Würde gelassen habe. Auch wenn man das nicht sehen will, weil es halt nicht schön ist, aber so schaut das Sterben halt aus und so schauen demenzkranke Menschen halt aus – das ist doch nichts, was man verstecken soll. Unsere Welt versteckt das, genauso wie Behinderte auch versteckt werden. All diese Dinge sind im Lauf von ein, zwei Generationen aus dem öffentlichen Leben verschwunden. Um bei der Geriatrie zu bleiben: Das ist auch für mich eine Art, mich in eine Welt zu begeben, die ich nicht kenne, die mich verstört. Man braucht eine Zeit lang, bis man das annehmen kann und es auch als selbstverständlich begreift. Das gebe ich im Film auch weiter.

Ein Freund hat mir erzählt, er habe erst kürzlich Ihren Film Der Busenfreund aus dem Jahr 1997 im Fernsehen gesehen. Er hat sich ziemlich darüber aufgeregt, wie man einen Menschen so ausstellen kann. Was soll ich ihm von Ihnen ausrichten?
Sagen Sie ihm, dass er Dünkel hat, wie viele andere Menschen, die den Film nicht vertragen haben. Ihnen ist ein Mensch wie René Rupnik, mit dem ich heute noch verkehre, peinlich. Ich finde ihn gar nicht peinlich. Natürlich ist er verschroben, wenn man so will, aber er ist sehr intelligent und er bringt Dinge auf den Punkt. Er verkörpert ja nur etwas, was viele andere Männer auch in sich tragen: ein extremes Männerdenken. Das ist vielen gar nicht fremd. René Rupnik wird übrigens auch in meinem neuen Film mitspielen.

In welchem der vier nächsten Filme?
Paradies ist der Film, den ich im vorigen Jahr gedreht habe. Der hat laut Drehbuch aus drei Episoden bestanden, jede Episode hat eine Frau als Hauptperson. Die Frauen sind verwandtschaftlich miteinander verbunden. Es gibt zwei Schwestern, das sind zwei Frauen über 50, und dann gibt es die Tochter einer dieser Frauen, ein pubertierendes 13-jähriges Mädchen. Diese drei Episoden werden nun je ein Film – einer spielt in Kenia, einer in Wien und einer in Niederösterreich in einem Diät-Camp.

Sind diese Filme als Triptychon zu sehen?
Sie waren immer als vernetzter Film geplant. So wie Hundstage, der sechs episodenhafte Sprünge hat, und Import Export, der zwischen zwei Erzählsträngen springt. Es geht um drei Frauen, am Anfang des Films steht die Verabschiedung in die Ferien, und dann spielt jede Geschichte für sich, aber gleichzeitg und im Film vernetzt. So war es konzipiert und so wurde es gedreht. Im Lauf des Schnitts hat sich aber herausgestellt, dass die drei Geschichten besser einzeln erzählt werden. Deswegen kommen jetzt drei Filme heraus. Das Beste ist, wenn man sich alle drei hintereinander anschaut. Auf diese Weise wirken sie stärker, als wenn dazwischen drei Monate liegen. Das würde zwar funktionieren, weil jeder Film auch für sich steht, aber der Eindruck wird stärker sein, wenn man sich alle drei anschaut.

Die Episode in Kenia war produktionstechnisch sicher die schwierigste, nicht?
Natürlich. Afrika ist anders. Man muss ganz andere Vorbereitungen machen, die Menschen funktionieren anders, und so weiter, aber es war auch sehr bereichernd. Ich habe dadurch viel kennen gelernt und gesehen. Bei uns ist alles abgesichert, alles muss funktionieren, nach genauen Zeitplänen und Geldeinheiten, und dort herrscht eine ganz andere Lebensweise und Lebenseinstellung vor. Ich war ja im Vorfeld sehr oft in Kenia, weil ich dort ein Cast aufstellen musste. Das war natürlich nicht leicht, wie das überall anders auch ist, die richtigen Leute zu finden, die diese Rolle spielen können und denen man das zutrauen kann. Dort ist es auch so, dass sich die Dinge schnell ändern. Man trifft heute jemanden, und morgen ist er verschwunden, oder wenn man wiederkommt, weiß man nicht mehr, wo er ist, oder es hat sich alles geändert. Planungen sind dort anders, und alles geht nur mit Geld. Das ist zwar bei uns auch so, aber dort ist es, finde ich, noch offensiver. Jeder Mensch macht erst dann etwas, wenn er vorher Geld bekommt.

Die übergewichtige 13-jährige in einem Diät Camp – erzählt dieser parallele Tochter-Film auch: Was die einen zu wenig haben, haben die anderen zu viel?
Das ist auch ein Thema, denn es geht in den drei Filmen um Frauen. Die sogenannte Sugar Mama ist ja auch übergewichtig. Sie ist in einem Alter, wo sie mit ihrer Figur in unseren Breiten wenig attraktiv ist. Das spielt dort aber keine Rolle. Es muss einen Grund geben, warum diese Art von Beziehungen funktionieren, warum so und so viele Frauen dort hinfahren und warum in der Welt solche Dinge funktionieren. Auch da spielt das Diktat von Schönheit in unserer Gesellschaft mit, wie beim Diätwahn junger Mädchen.

Der dritte Film trägt den merkwürdigen Titel Wandermuttergottes. Welche Genese hat diese Episode?
Die Vorgeschichte dazu reicht zu Jesus, du weißt zurück. In diesem Film gibt es eine Frau, die die Basis für diese Wandermuttergottes-Geschichte ist. Vorher wusste ich gar nicht, dass es solche Wandermuttergottes-Missionarinnen gibt – Menschen, die mit Statuen von Haus zu Haus gehen, damit die heilsbringende Wirkung dort haften bleiben möge. Wandermuttergottes basiert auf einer wahren Geschichte: Eine Frau ist mit einem Moslem verheiratet, der seit einem Unfall querschnittgelähmt ist. Seit diesem Unfall ist auch die Ehe auseinandergegangen. Beide sind mehr zu ihren eigenen Kulturen zurückgekehrt, und dieser Konflikt wird gezeigt. Da geht es natürlich auch um Liebe. Es sind ja auch drei Liebesgeschichten, drei Sehnsuchtsgeschichten. Insofern hängt das zusammen.

Anderes Thema: Könnte man den Eindruck gewinnen, dass die jüngere Generation in Österreich – zumal im Vergleich zu Ihnen damals – zu anpassungswillig ist? So richtig Aufsehen Erregendes kommt einem wenig unter ...
Ich finde, dass das europäische Arthouse- und Auterenkino insgesamt im Mittelmaß herumdümpelt. Da gibt es ganz wenige Filme, die noch in irgendeiner Form extremer, provokanter, eigener oder eigenwilliger sind. Es ist alles wahnsinnig brav geworden. Ich finde, das Mittelmaß ist letztendlich der Tod, denn da werden irgendwann einmal die Zuschauer ausbleiben. Es kommen viele Filme, die schnell im Kino und schnell wieder weg sind – und alles ist irgendwie gleich. Brav, ein wenig komödienhaft da und dort, in der Erzählweise und in der Filmsprache nicht eigenständig. Ich weiß nicht, warum das so ist. Vielleicht ist es die jüngere Generation, vielleicht auch die Financiers. Die Sender, die ja bei allen Filmen inzwischen mitfinanzieren, haben immer darauf gepocht, dass die Filme in ihrem Hauptprogramm sendefähig sind. Dadurch wird natürlich das Niveau gedrückt, und unterm Strich kommt dabei Mittelmaß heraus. Das mag auch eine Rolle spielen. Von der Tendenz her sehe ich auch, dass im Autorenkino zu wenig an mutigen, eigenartigeren Dingen rauskommt.

Hätten Sie eine Idee, wie man da eine bessere Basis dafür schaffen könnte?
Ich glaube, es liegt daran, dass man als Geldgeber, als Förderer, als Sender etwas anderes verlangen muss. Ich glaube, dass die Autoren und Regisseure schon zu stark in ihren eigenen Köpfen vorzensurieren, weil sie wollen, dass der Film finanziert wird. Insofern sind sie vielleicht schon zu angepasst.

Michael Glawogger, ihr früherer langjähriger Mitstreiter, hat bei Ihrer Firma die in Kambodscha spielende Literaturverfilmung „Love Sick“ in Planung. Wie kam es dazu?
Indem er es mir einfach gegeben hat. Michael ist ja ein sehr kreativer Mensch, der immer mehrere Projekte auf einmal denkt und entwickelt und versucht, sie zu finanzieren. Das ist eines davon. Dieses Projekt gibt es ja schon sehr lange, sicher bereits zehn Jahre.

Zuletzt zu einem weiteren Projekt von Ihnen: Ihr Kino-Dokumentarfilm Im Keller. Die Idee dazu gibt es nicht erst seit den Fällen Fritzl und Kampusch?
Nein, der Einfall geht auf die Recherchen für Hundstage zurück. Dieser Film spielt in Einfamilienhaussiedlungen. Damals bin ich in diese Wohnwelt eingetaucht und habe mit Verwunderung festgestellt, dass viele Häuser einen sehr großen Keller haben, dass viele Menschen ihre Freizeit in den Kellerräumlichkeiten verbringen und dass die Wohnräumlichkeiten eher so unangetastete Bereiche sind. Die sind oft für die Repräsentation, falls Besuch kommt. Für das Eigentliche, was man so gerne macht, geht man hinunter. Das geht vom Kellerstüberl zur Sauna, zum Bastelkeller, zum Arbeitskeller, bis zu Fernsehen und Video. Das ist mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Anlässlich der Fritzl-Geschichte bin ich dann von einigen ausländischen Medien um Interviews gebeten worden. Ich habe alles abgelehnt, mir aber Gedanken gemacht, warum ausgerechnet ich gefragt werde.

Vielleicht, weil ein Mann, der seine Inzucht-Familie im Keller einsperrt und auf Sexurlaub nach Thailand fährt, mit Seidl-Filmfiguren assoziiert wird?
(Lacht.) Jedenfalls dachte ich, ich sollte eigentlich einen Film über Keller machen. Der Film nimmt natürlich nicht Bezug auf Kampusch und Fritzl, aber er ist der Versuch, Menschen in und mit ihren Kellern zu zeigen. Natürlich hat ein Keller auch etwas Dunkles und Geheimnisvolles. Als wir Kinder waren, wurde uns damit gedroht, in den Keller gesperrt zu werden. Nicht umsonst findet man Leichen immer im Keller, auch Tiere werden in den Keller gesperrt. Da gibt es viel im Keller.



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Interview ~ Roman Scheiber


Foto ~ Magdalena Blaszczuk



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