TV-Special – Der Hunger treibt’s rein

Das Zombiefilm-Revival reißt nicht ab. Mit „The Walking Dead“ haben die vitalen Untoten nun auch die Fernsehbildschirme in Beschlag genommen. Die von Frank Darabont entwickelte Serie ist fest in der Genretradition verankert und zugleich innovativ genug, um den Zuschauer zu fesseln.

 

G enres haben immer etwas Heimeliges. Mögen die Bilder auch noch so grausam sein, allein dass wir bereits Gesehenes und Etabliertes wiedererkennen, sorgt für ein Gefühl der Vertrautheit. Auch der Zombiefilm hat sich nach seiner Renaissance im Zuge von Danny Boyles 28 Days Later nur punktuell transformiert, die Grundzüge der Plots sind die gleichen geblieben. Die räumlich mehr oder weniger entgrenzte Apokalypse hat bereits stattgefunden, eine kleine Gruppe verbarrikadiert sich vor den Untoten oder macht sich – je nachdem, wie die Fehleinschätzung der eigenen Lage jeweils ausfällt – auf die Suche nach weiteren Überlebenden. Bald wird klar, dass es die lebenden Leichen nicht unbedingt gebraucht hätte, damit die Übriggebliebenen sich das Dasein zur Hölle machen. Auch die zombiespezifische Form der Splatter-Ästhetik ist spätestens seit Tom Savinis Special Effects für Dawn of the Dead (1978) in Grundzügen festgeschrieben. Um es kurz zu machen: Innereien sind im Zombiefilm vor allem dazu da, um darin herumzuwühlen, der Hunger treibt’s rein.

Frank Darabont, der mittlerweile als Show Runner entlassene Schöpfer von The Walking Dead, knüpft mit der ersten Zombie-Fernsehserie an die Tradition des Genres an. Wie schon die Comicvorlage von Robert Kirkman setzt die TV-Adaption auf etablierte Motive. Da wäre zuerst das grellste Moment, die Drastik. Schon die Pilotfolge hält sich nicht zurück. Gleich die erste Szene gibt die Temperatur vor, der Held erschießt ohne lang zu zögern ein untotes Mädchen. Darabont weiß das Arsenal des modernen Horrorfilms für sich zu nutzen: Die filmisch zelebrierte Tötung eines Kindes war auch in Lucio Fulcis The Beyond und John Carpenters Assault on Precinct 13 ein Mittel um klarzustellen, dass der Zuschauer mit allem zu rechnen hat. Aber auch sonst kann der Pilot dem Bildarchiv der drastischen Ästhetik ein paar eindrucksvolle Momente hinzufügen; der Torso einer alten Frau kriecht durchs Bild, ein Pferd wird von Untoten ausgeweidet.

Klaustrophobie und Gruppendynamik

Die Ausgangslage ähnelt der in 28 Days Later: Der im Einsatz angeschossene Polizist Rick Grimes (Andrew Lincoln) erwacht im Krankenhaus aus dem Koma, während seiner Abwesenheit haben die Toten die Lebenden verdrängt. Seine Odyssee durch verlassene Städte und Landstriche inszeniert Darabont in eindrücklichen Bildern. Rick Grimes ist nicht der letzte Mensch auf Erden, sondern stößt bald auf weitere Davongekommene, seine Frau (Sarah Wayne Callies) und das gemeinsame Kind (Chandler Riggs) sind den Zombiemassen entronnen und haben sich einer denkbar heterogenen Gruppe Überlebender angeschlossen. Bald sieht man sich mit den grundsätzlichen Fragen konfrontiert: Darf man einen Menschen, den man verabscheut – in diesem Fall ein überdurchschnittlich gewalttätiges White-Trash-Ekelpaket (Michael Rooker) – den Zombies überlassen? Und was ist davon zu halten, wenn der beste Freund, der einen für tot gehalten hat, mit der Ehefrau anbandelt? Es überrascht den geübten Genrefan nicht, dass die übelsten Züge menschlichen Zusammenlebens auch in der Postapokalypse noch immer ihr kahles Haupt erheben. Eifersucht, Rachegelüste und Dominanzgebaren sind auch nach dem Untergang der Welt die wahrscheinlichsten Optionen.

Der Versuch, sich gemeinsam vor den Zombies zu schützen, macht es nicht zwangsläufig einfacher: Seit George A. Romeros Night of the Living Dead ist es Ehrensache, dass die noch Lebenden mindestens ebenso sehr einander zusetzen wie ihnen die Untoten am Zeug flicken. Neues entsteht vor allem aus den Möglichkeiten der Serialität. Wo sich auf der Kinoleinwand nur eine mehr oder weniger gradlinige Eskalationsbewegung konstruieren lässt, hat die Fernsehserie die Zeit, verschiedene Grade an Klaustrophobie und gewalttätiger Gruppendynamik durchzuspielen und zu variieren. Auch nach der Apokalypse machen die Menschen das, was sie offensichtlich am besten können, nämlich Fehler. Am weitesten kommen auch bei Darabont die Pragmatiker, denen es gelungen ist, die in der alten Welt gängigen Phantasmen weitgehend hinter sich zu lassen.
Alles in allem ergibt das ein Szenario, das man – zumindest bis vor kurzem – nicht als Rahmen einer amerikanischen Fernsehproduktion vermutet hätte. Inzwischen laufen Serien wie Dexter und Breaking Bad auch im deutschsprachigen Raum mit einigem Erfolg (bzw. werden auf DVD nachgefragt) und es muss einen nicht mehr überraschen, wenn auf dem Bildschirm Bilder zu sehen sind, die mit der Vorstellung vom Fernsehen als einem wesenhaft konventionellem Medium nicht mehr in Einklang zu bringen sind. Dennoch: Es bleibt seltsam, Bilder, für die man vor zehn Jahren noch in die Katakomben der örtlichen Videothek hinabsteigen musste, in einer preisgekrönten TV-Serie zu finden.

Inszenierte Sozialexperimente

Der Zombie ist die neben dem Vampir vielleicht subtextlastigste Figur des Horrorfilms – „Menschenmüll, der zu nichts nutze ist, aber dennoch fressen will“, schreibt Georg Seeßlen. Dieser blanke Materialismus fühlt sich plausibler an als der ansonsten im Genre nach wie vor weit verbreitete todesromantische Hokuspokus. The Walking Dead nähert sich dabei immer wieder dem ausgeprägten Fatalismus der Romero-Filme an. Deren Pointe hat Seeßlen vor kurzem so zusammengefasst: Die Lebenden und die Toten, alle sind „Teile der gleichen Unfähigkeit zum menschlichen Leben.“ Als Reizzentrum des Zombiefilms sieht Seeßlen eine Art Todestrieb am Wirken. Die Sogkraft des Zombietums speise sich aus dem Wunsch, in einen Zustand der Erstarrung zu flüchten, nicht mehr mit- und weitermachen zu müssen. Ganz gleich, ob man solche Prämissen für plausibel hält – es lässt sich kaum übersehen, dass The Walking Dead das Todestriebhafte, das in Romeros Filmen eventuell implizit eine Rolle spielt, explizit macht. Immer wieder bekunden die Protagonisten, dass sie nicht mehr weiterkönnen, und schwanken zwischen Überlebenswillen und Selbstaufgabe. Man kann es ihnen nicht verdenken. Die Welten des modernen Zombiefilms wirken nicht so, als würde man in ihnen noch leben wollen.

Somit sind die Zombiefilme, die mehr als nur Spektakel bedeuten, auch als inszenierte Sozialexperimente zu verstehen, die vom Scheitern der Menschen an sich selbst erzählen. The Walking Dead fügt dieser Erzählung ein weiteres Kapitel hinzu. Das erste fürs amerikanische Fernsehen produzierte Zombie-Epos ist kein Pastiche geworden, welches die gängigen Topoi des Subgenres auf TV-Format runterkocht, sondern ein ironiefreier Beitrag zum Horrorgenre; ein Genre immerhin, das immer dort, wo es nicht mehr das Fremde oder Verdrängte, sondern schlicht das Kaputte zum Inbegriff des Grauens erklärt, zeitgemäßer wirkt, als vieles, was sonst so über die Kinoleinwände läuft.





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The Walking Dead (Season 1, 2 DVDs)


USA 2010
Idee Frank Darabont
Mit Andrew Lincoln, Jon Bernthal, Sarah Wayne Callies, Laurie Holden u.a.
Sprachen
Deutsch, Englisch
Untertitel
Deutsch
Bonus
Making-of, Behind the Scenes, Diskussionsrunde der Produzenten, Am Set mit Andrew Lincoln u.a. Gesamtlänge 282 Minuten + 100 Minuten Bonusmaterial

WVG Medien GmbH



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