TV-Special – Im Wendekreis des Raben

Fantasy für Fortgeschrittene: Die in einem erfundenen frühmittelalterlichen Königreich angesiedelte Serie „Game of Thrones“ stellt in puncto Erzählreichtum und Figurenzeichnung locker die „Lord of the Rings“-Trilogie in den Schatten.

 

Winter is coming. And this one will be a long one.“ Man hört es immer wieder im Verlauf dieser episch ausgreifenden Geschichte, und irgendwann erfährt man auch, was das hier bedeutet, „ein langer Winter“: In den sieben Königreichen von Westeros, die durch einen uralten, riesigen Eiswall von einem Permafrostgebiet getrennt sind, kann ein Winter Jahrzehnte dauern. Die dominanten Figuren des topografisch und soziologisch an ein frühmittelalterliches Britannien erinnernden Imperiums fühlen sich darob freilich keineswegs veranlasst, sich warm anzuziehen. Im Gegenteil: Munter ergehen sich die rivalisierenden Adelsgeschlechter, allen voran die noble Familie Stark (die „Wächter des Nordens“) und die schwerreiche Familie Lannister, im titelgebenden Spiel um den „eisernen Thron“ in King’s Landing, der Hauptstadt des einst vom Herrscherhaus Targaryen vereinigten Reichs, das geneigte Leser von George R.R. Martins stilbildendem, bislang fünfteiligem Romanzyklus „A Song of Ice and Fire“ (seit 1996) längst in all seinen weiten Landschaften und dynastisch-intriganten Untiefen kennen. Wie das Reich und seine Bewohner konkret aussehen könnten, blieb der Fantasie der Leser überlassen – HBO-Abonnenten unter diesen bis zum April dieses Jahres, deutschsprachigen Sky-Abonnenten bis zum 2. November, an dem auf TNT Serie die Emmy-gekrönte, tolle Titelsequenz von Game of Thrones die erste Episode der zunächst zehnteiligen TV-Adaption der Fantasy-Saga einleitet.

Eloquente Antwort auf Tolkien und Jackson

Wie im Fall einer HBO-Produktion nicht weiter verwundernd, kann man sich der Magie der Serie schwer entziehen – obwohl oder gerade weil die Magie hier so fein dosiert ist. Den Genres Mafiadrama (The Sopranos, Boardwalk Empire), Urban Crime (The Wire), Western (Deadwood) oder Vampirfilm (True Blood) hat der Premium-Bezahlsender ja schon eine neue Prägung aufgedrückt. Nun widmet er sich, nach der historischen Serie Rome, dem Genre des episch Fantastischen. Bemerkenswert daran ist vor allem, dass die Fantasy-Elemente in Game of Thrones die längste Zeit nur als „Oral history“ und nicht bildlich in Erscheinung treten. Die Bedrohung bleibt hintergründig: ob durch die sagenumwobenen White Walkers, nur durch Feuer besiegbare Untote aus dem Norden (deren erste Spuren bereits in der fröstelnden Einstiegssequenz gelegt werden), oder durch Drachen aus Übersee, von denen die meisten denken, sie seien ausgestorben (was sich erst zum brennheißen Finale der ersten Season klärt).

Mit Game of Thrones geben David Benioff und D.B. Weiss sozusagen die Antwort auf Lord of the Rings, und es ist eine buchstäblich eloquente Antwort, denn die Serie lebt zu einem Gutteil von den verbalen Scharmützeln, die einander seine zahlreichen, so elaboriert wie liebevoll gezeichneten Figuren liefern. Die wesentliche Stärke von Game of Thrones liegt, was ob ihres Erzählreichtums und ihres hohen Production Values ein wenig paradox klingen mag, im Verzicht: im weitgehenden Verzicht auf Figurenklischees, die aus der konventionellen Fantasy-Literatur sattsam bekannt sind; im Verzicht auf narratives Brimborium (bis auf eine Plotlinie um die schöne „Drachentochter“ Daenerys Targaryan und ihre Dothraki-Krieger); im Verzicht auf illustrative Rückblenden, Schlachtenszenen und Special-FX-Ballast, wie sie in Peter Jacksons Tolkien-Adaption die Entwicklung der Figuren stören; und im nahezu vollständigen Verzicht auf mögliche ideologische Lesarten, wie sie sich in J.R.R. Tolkiens Saga auftun. Stattdessen werden Handlungsstränge klug parallel geführt, halten hell und dunkel einander die Waage, zeigen sich Schattierungen von gut und böse. Vor allem aber erlebt man in der erstaunlich werktreuen Adaption komplexe Charaktere (darunter mehrere interessante Kinder, die früh erwachsen werden müssen) in Gesprächen über Familiengeschichten und bei Bewertungen der mythischen Vorgeschichte. Die Erinnerung der Figuren lagert sich kumulativ an einzelne Geschehnisse an und lässt sie aus immer neuen Blickwinkeln sichtbar werden.

Gewalt- und häufige Sexszenen sind trotz aller Drastik realistisch inszeniert, wie für die „zweite goldene Ära des Fernsehens“ typisch geworden (siehe die Buchbesprechung auf Seite 80). Anzumerken ist allerdings, dass Frauen in dieser fabelhaften Serie – sozusagen zeitaltersgemäß – vorwiegend als (heimliche oder künftige) Herrscherinnen, als Gattinnen, Zofen oder Huren vorkommen.

Sopranos in Mittelerde

Das HBO-Publikum zeigte sich höchst interessiert, die US-amerikanische Kritik großteils begeistert. Die „Los Angeles Times“ schrieb beispielsweise, Game of Thrones sei „eine großartige und kolossale Serie über politische und psychologische Intrigen, die nur so strotzt vor lebendigen Charakteren, gepaart mit spannenden Handlungssträngen und gewürzt mit einer Prise Fantasy.“ Epische Mythologie erweist sich hier als Heiliger Gral des wiedergeborenen Erzählmediums Serienfernsehen.

Die verhaltensauffälligste Figur der ersten Season ist gleichzeitig deren ambivalenteste: Tyrion Lannister (Peter Dinklage, mit vollem Recht Emmy-belohnt) stellt in gewisser Hinsicht das Gegenmodell zum niedlichen Hobbit Frodo bei Tolkien dar. Von Shagga, Son of Dolph, dem Häuptling der Stone Crows, wird Tyrion „Half Man“ genannt; freilich ist er ein Geistesriese im Vergleich zu den vielen ungebildeten Bewohnern des Kontinents Westeros. Aber er ist auch zynisch, undankbar, egoistisch, er hurt und säuft. Wie emotional nahe man so einem Mann nichtsdestoweniger kommen kann, beweist eine wunderbare Szene in der vorletzten Episode. Im Zuge eines weinseligen Ratespiels am Vorabend einer Schlacht erzählt Tyrion seiner gekauften Begleiterin (Sibel Kekilli als freigeistiges Freudenmädchen!) eine herzerweichende Geschichte aus seiner Jugend. Solche reizvollen Resonanzen entstehen in fast allen zentralen Charakteren, von Ned Stark, des Königs integrer, jedoch starrköpfiger rechter Hand (Sean Bean) und seiner Frau (Michelle Fairley) bis zu König Robert Baratheon selbst (Mark Addy) und dessen intriganter Gattin Cersei Lannister (Lena Headey).

Doch auch randständige Figuren dürfen hier trotz weniger Auftritte schillern. Imposant demonstriert das der entzückend schrullige Syrio Forel (Miltos Yerolemou), der Neds bubenhafter Tochter Arya (Maisie Williams) das Fechten beibringt. Neben einem raffinierten Spannungsaufbau der einzelnen Episoden ist es die Liebe zum narrativen Detail, die für Game of Thrones einnimmt. Wenn etwa ein erlegter Hirsch von Clan-Boss Tywin Lannister (Charles Dance) höchstpersönlich gehäutet wird, während dieser seinem Sohn Jamie (Nikolaj Coster-Waldau) einen Vortrag hält. Überhaupt, die Tiere: Der Dire Wolf, der „düstere Wolf“, fällt den Starks zu, wird zu deren treuem Haustier und markiert mehrmals Weggabelungen der Erzählung; der Rabe schließlich ist es, der die mannigfachen schlechten Nachrichten überbringt, von denen sich die „Sopranos in Mittelerde“ umtreiben lassen – indessen sie die übelste Nachricht schlicht ignorieren: „Winter is coming. And it’s gonna be a long one.“



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Game of Thrones (Season 1, 10 Episoden)


USA 2011
Idee, Buch David Benioff, D.B. Weiss, George R.R. Martin, basierend auf dem ersten Band des Romanzyklus „A Song of Ice and Fire“ von George R.R. Martin
Mit
Sean Bean, Michelle Fairley, Mark Addy, Lena Headey, Emilia Clarke, Iain Glen, Nicolaj Coster-Waldau, Richard Madden, Kit Harington, Sophie Turner, Maisie Williams, Aidan Gillen, Jason Momoa, Conleth Hill, Miltos Yerolemou, Sibel Kekilli, Peter Dinklage u.v.a.
Gesamtlänge
rund 560 Minuten

TNT Serie (bei Sky)



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