Der ganze Jammer unstillbaren Verlangens

In Shame spürt Steve McQueen den möglichen Bedeutungen eines Wortes nach: Schamgefühl, Schande, Vergeudung – und Michael Fassbender übersetzt sie in menschliche Gestalt.

 

Auf dem qualvollen Höhepunkt spiegeln sich Schmerz, Überdruss und Selbstekel in Brandons Gesicht. Mehr erlitten als erlebt wird dieser geradezu herbeigezwungene, gewaltsam sich selbst abgerungene Orgasmus, der keine Befriedigung, keine Entgrenzung, keine Erlösung mehr in sich findet. So wie der zuvor und der danach und der davor und der hinterher und der folgende und der vorangegangene.

Dieser grausam fühllose Orgasmus ist der Schlusspunkt einer Sequenz, in der Brandon (Michael Fassbender) mit zwei Prostituierten eine Art Stellungs-Zirkeltraining absolviert, endlos und sich dabei restlos verausgabend – und er markiert zugleich den Kulminationspunkt von Shame. Jenen Moment in Steve McQueens Film, in dem die Hauptfigur an ihrer Grenze anlangt. Die Hüften kreisen ums Leere, der Schwanz stößt ins Nichts, ein Vakuum breitet sich aus, der Mann implodiert. Muss erkennen, dass er einem Missverständnis erlegen ist, dass er die Freiheit des Geschlechtstriebs mit individueller Freiheit verwechselt hat, ungehemmte Sexualität mit persönlicher Autonomie, Potenz mit Vermögen. Brandon erfährt die vollkommene Vergeblichkeit seiner Sehnsucht: Er wird niemals zu seiner Seele vordringen, indem er in andere Körper eindringt, wird niemals sich spüren, indem er andere spürt. Nicht auf diese Weise.

Nach einem Drehbuch, das er gemeinsam mit Abi Morgan schrieb, inszeniert McQueen die Geschichte eines Mannes, der droht an einer der zentralen kapitalistischen Propagandalügen zugrunde zu gehen. Diese Lüge deutet den Geschlechtsakt zum Heilsversprechen um, während sie ihn zugleich zur Ware macht, die unsere Gegenwart sexualisiert und unseren Alltag pornografisiert. Gesehen als Mittel der Triebabfuhr wird der Liebesakt unkenntlich und bis zur völligen Bedeutungslosigkeit entpersonalisiert und kommerzialisiert. Mit Erfüllung hat Befriedigung nicht automatisch etwas gemein.

Brandon ist schön, stark, erfolgreich. Einer jener Männer, die von der Werbung gern als Rollenmodell respektive Neidobjekt eingesetzt werden. In Wahrheit aber ist Brandon mitleiderregend, zutiefst einsam, todtraurig. Zwischen Internet-Porno, One-Night-Stands und Hurenbesuchen strampelt er sich ab wie in einem Hamsterrad. Rund um die Uhr abspritzend, immer bereit, ein Zuchtbulle! Ein vorbildlicher Konsument. Doch als er eines Tages nach Hause kommt, steht seine Schwester Sissy nackt unter der Dusche und bittet, eine Weile bei ihm wohnen zu dürfen. Zögerlich stimmt er zu. Sie sind so verschieden. So verschieden wie Mann und Frau. Was Brandon zu wenig fühlt, fühlt Sissy zu viel. Sie ist überschwänglich und freigebig mit ihrer Zuneigung, er ist kontrolliert und verschlossen. Sie trägt das Herz auf der Zunge, er lässt sich nicht in die Karten schauen. Stereotypische Geschlechter-Bilder, Klischees. Letztlich aber ist diese auf traditionellen Zuschreibungen fußende Figurencharakterisierung nicht anti-emanzipatorisch motiviert. Sie dient vielmehr dazu, die geschlechtsspezifisch zugeschnittenen Methoden der Ausbeutung von Emotionen bloß zu legen. Sissy romantisiert, Brandon objektiviert. Sissy will lieben, Brandon will ficken. Einer (Selbst-)Täuschung erliegen sie beide.

Angedeutet wird zudem ein großer Schrecken in der Vergangenheit der Geschwister, etwas Fürchterliches, das sie zu dem gemacht hat, was sie sind: emotional, seelisch, sozial verkrüppelte Wesen, denen nur noch der Körper als Anker des Ich geblieben ist. Es liegt insofern etwas Tröstliches in dieser bloß Hinweis und Mutmaßung bleibenden Vorgeschichte, als sie einem die Möglichkeit bietet, sich von Sissy und Brandon zu distanzieren. Sollten sie aufgrund einer spezifischen Erfahrung so geworden sein, beschreibt Shame vielleicht gar keinen allgemeinen gesellschaftlichen Zustand, sondern „nur“ die Schicksale zweier konkreter Individuen. (Selbst-)Täuschung erneut, nur diesmal ist es die des Zuschauers.

Absehbar werden Sissy und Brandon einander zu Katalysatoren und reißen sich gegenseitig die Daseinskulissen nieder. Nackt und bloß stehen sie da. In Gestalt von Carey Mulligan und Michael Fassbender, die nicht einfach bloß herausragend spielen, sondern die sich öffnen, ausströmen und verschenken. Es ist ein Geschenk, das größten Respekt gebietet: das Angebot, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.



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Shame


Drama, Großbritannien/USA 2011
Regie
Steve McQueen
Drehbuch
Abi Morgan, Steve McQueen
Kamera
Sean Bobbitt
Schnitt
Joe Walker
Musik
Harry Escott
Production Design
Judy Becker
Kostüm
David C. Robinson
Mit
Michael Fassbender, Carey Mulligan,
Lucy Walters, Mari-Ange Ramirez,
James Badge Dale, Nicole Beharie

Verleih
Filmladen, 100 Minuten

www.shame-derfilm.de



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