Braucht man 3D unbedingt? Nein.

Disney-Geschäftsführer Thomas Menne über die Vorreiterrolle Österreichs bei der Digitalisierung, Umbrüche in der Kinokultur und den weißen Hai in 3D.

 

Thomas Menne, Jahrgang 1964, ist seit 16 Jahren bei Disney bzw. ehemals Buena Vista International. Mitte der achtziger Jahre spielte er eine maßgebende Rolle beim Aufbau der UCI-Multiplex-Kette in Deutschland und Österreich. Seit Oktober 2007 ist Menne General Manager bei Walt Disney Studios Motion Pictures Germany; kürzlich übernahm er auch die Österreich-Filiale des Weltkonzerns. Anlass für ein Gespräch in der Wiener Zweigstelle über Digitalisierung und sonstige Umbrüche im Kinogeschäft und über Filme, die er gern in 3D sehen würde.

Sie sind jetzt auch Österreich-Geschäftsführer. Welche Rolle spielt Österreich im Disney-Universum?
Das muss man auf mehreren Ebenen beantworten. Zum einen haben wir natürlich viele kleine und große Märkte. In dieser Relation zählt Österreich eher zu den kleineren Märkten. Österreich ist aber ein interessanter Markt, denn es hat im Kinobereich einen Digitalisierungsgrad von faktisch 100 Prozent erreicht. Technisch ist Österreich also sehr weit, daraus resultiert auch ein sehr interessantes Verhältnis zu den Einnahmen.

Was ist das Spezifische am österreichischen Markt im Vergleich zum deutschen?
Das Spezifische tatsächlich ist der enorm hohe Digitalisierungsgrad. Das haben Sie in Deutschland so nicht. Das liegt zum einen natürlich an der Kinostruktur, Sie kennen den Markt wahrscheinlich besser als ich. Sie haben hier einige Unternehmer, die hier mit relativ hohem Investment dafür gesorgt haben, dass das Land schnell digitalisiert war. Die Österreicher sind – innovativ gesehen – Vorreiter, und ich glaube, dass wir in zwei, drei Jahren keine 35mm-Kopien mehr brauchen werden. Dass hier Österreich sehr weit vorne ist, bringt uns auch Vorteile im Wissen um Zuschauerströme und die passende Programmierung von Kinos.

Früher gab es von Disney-Filmen auch österreichische Fassungen. Ist so etwas noch aktuell?
Wenn der jeweilige Film eine solche Möglichkeit bietet, werden wir sie auch nutzen. Das betrifft in erster Linie die Animationsfilme. Wenn sich Rollenbesetzungen anbieten, die es erlauben, auch eine österreichische Fassung des Films herzustellen, dann werden wir das auch weiterhin tun. Das ist eine rein kreative Frage. Wenn man eine für ein bestimmtes Land besser funktionierende Synchronfassung herstellen kann, wird man das tun. Die Kosten sind ja im Regelfall überschaubar. Wenn man die Möglichkeit hat, mit namhaften Sprecherinnen und Sprechern zu arbeiten, die eine Relevanz für den österreichischen Markt haben, dann hat man natürlich auch ganz andere PR-Möglichkeiten.

Steht da konkret etwas bevor?
Der nächste Animationsfilm ist Merida von Pixar, der kommt im August. Da sind durchaus Rollen dabei, wo man darüber nachdenken  kann. Der Film spielt in Schottland, mit verschiedenen Clans, die sich alle durch unterschiedliche Dialekte unterscheiden. Zu versuchen, schottischen Dialekt in irgendeiner Form ins Deutsche zu transportieren, ist aber kreativ sehr schwierig. Es ist fast schade, dass man den Film synchronisieren muss, weil er gerade wegen des schottischen Akzents sehr witzig ist.

Als die Multiplex-Kultur aufkam, gab es ja eine vergleichbare Umbruchsituation im Kinobereich wie heute. Wie sehen Sie das aus heutiger Sicht?
Was die Multiplexe angeht, war ich damals zusammen mit Wolfgang Braun und Achim Flebbe in Deutschland der erste. Ich hab damals maßgeblich die UCI-Kette in Österreich mitaufgebaut, den Vertrag für die Shopping City Süd unterschrieben. Damals habe ich mir vier Wochen lang alle Multiplexe in Wien angeschaut, das war sehr lehrreich. Ich mache das immer wieder mal, dass ich mir Kinos anschaue. Wenn man zurückschaut, kann man sagen, dass die Entwicklung der Multiplexe ohne Frage ein sehr wichtiger Schritt für die Kinoindustrie war, für viele Märkte und allgemein für die Filmindustrie. Und nun wächst wieder eine neue Generation an Kinobetreibern heran, die einfach Lust auf Kino hat und einen unerschütterlichen Optimismus, was Kino angeht. Es gibt jetzt ja auch technische Möglichkeiten, die es vor 20 Jahren nicht gab. Damals wäre ein Vorführraum ohne Vorführer nicht denkbar gewesen. Heute könnte man die Vorführung übers iPhone steuern. Tickets kann man ohnehin schon übers iPhone kaufen. Das sind natürlich extrem bequeme, großartige Sachen.

In Wien gab es damals aber auch heftigen Widerstand gegen die neue Entwicklung.
Nachdem die ersten Kinos eröffnet wurden, zeigte sich sehr schnell, dass die Auffassung vieler vor allem älterer Kinobetreiber völlig falsch war. Die haben gesagt, das wird in Deutschland und Österreich nicht funktionieren. Das hat sich sehr rasch als falsch herausgestellt. Daraufhin sind ein paar kluge Kinobetreiber mit auf den Zug aufgesprungen, die fahren auch heute noch ganz gut. Die haben sich von dieser alten Denkweise verabschiedet und relativ schnell umgeschaltet. Von den anderen sind natürlich einige unter die Räder gekommen. Heute hat eine Art Vernunftsdenken Einzug gehalten. Es gibt nicht mehr so viele weiße Flecken auf der Landkarte, wo man Multiplexe bauen kann.

Sie sind ein Freund der Digitalisierung. Sind Sie persönlich auch ein Freund von 3D?
Ich glaube persönlich, 3D als solches ist kein alleinstehendes Merkmal, warum man per se ins Kino geht. Ich glaube immer, dass es auch zum Film passen muss. The Avengers zum Beispiel sieht in 3D absolut klasse aus. Die ersten drei Versionen haben wir allerdings in 2D gesehen – und da funktioniert er genauso. Aber in 3D liefert er einen wichtigen Mehrwert, weil das visuell spektakulärer ist. Wenn ich dagegen Ziemlich beste Freunde in 3D sehen müsste – das würde nicht passen. Deshalb glaube ich auch nicht, dass wir jemals nur 3D- oder nur 2D-Kino haben werden. Ich glaube aber, dass sich der Konsument schnell daran gewöhnen wird, gewisse Filme in 3D sehen zu wollen.

Aber doch eher bei Filmen, die neu gemacht werden.
Das ist eine interessante Frage. Wir haben bekanntermaßen ja selber nochmal den König der Löwen in 3D herausgebracht, es gibt jetzt Titanic in 3D. Es gibt eine gewisse Nachfrage danach von einer bestimmten Klientel, aber bei weitem nicht in der Größenordnung, wie man das vielleicht erwartet hätte. Um ehrlich zu sein, wenn es Der weiße Hai in 3D geben würde - den würde ich mir sehr gern in 3D anschauen. Titanic dagegen finde ich zwar einen tollen Film, aber muss ihn nicht noch mal in 3D sehen.

Liegt es nicht gerade am Gewöhnungseffekt? Dass man die
Filme schon so in 2D verinnerlicht hat?
Sehr wahrscheinlich, ja. Wir haben ja unter anderem auch in den USA Die Schöne und das Biest in 3D rausgebracht. In Österreich und Deutschland haben wir uns letztlich dagegen entschieden. Das sieht qualitativ nicht schlecht aus, aber weil die Filme damals technisch anders hergestellt wurden, ist der 3D-Effekt nicht so toll. Es gibt die Handlung, die sich bewegt, aber im Hintergrund ist alles statisch. Das sieht also aus wie ein Pop-Up. Sie können nicht dem Konsumenten ein paar Euro mehr für ein Ticket abnehmen, wenn er sich dann fragt, ob das wirklich 3D ist. Das geht einfach nicht. Bei einer jüngeren Produktion wie Findet Nemo ist die 3D-Version dann aber wirklich spektakulär. Der Film ist auch schon so angelegt, dass das technisch machbar ist.

Wenn wir von den aufgeblasenen oder konvertierten Filmen sprechen: Sind Sie auch der Meinung, dass da schon ein wenig Porzellan zerschlagen wurde durch schwache Produktionen?
Das hat es gegeben, wobei ich vielleicht einen Punkt korrigieren möchte: Das Aufblasen oder Konvertieren zu 3D gibt es in nahezu jedem Film. Das wissen nur die wenigsten. Sie können heute technisch nach wie vor nicht alles in 3D drehen. Das liegt zum Teil daran, dass Sie diese gewissen Abstände brauchen. Wenn Sie beispielsweise Flugszenen drehen wollen - die müssen Sie konvertieren. Das passiert in jedem Film, die Frage ist nur, bis zu welchem Grad. Sie können jeden Film in 3D konvertieren, so, dass das auch nach was aussieht. Nur kostet das so unverhältnismäßig viel Geld, dass man es zumeist nicht macht. Aber ich gebe Ihnen recht, bei Filmen wie Clash of the Titans zum Beispiel wurde viel Porzellan zerschlagen, der hat in 3D einfach nicht funktioniert.

Man könnte ja sogar bei Avatar davon sprechen, dass die animierten Szenen viel besser in 3D funktioniert haben als die Live-Action-Szenen. Es gibt auch einige US-Regisseure, die der Meinung sind, dass 3D gut für Animationsfilme und animierte Sequenzen funktioniert, dass aber Live-Action-Szenen immer noch unrealistisch wirken.
Ich glaube, dass man mittlerweile da gelandet ist, wo man mit ruhigem Gewissen sagen kann, dass es eine 3D-Wirkung gibt. Alle Studios haben sehr viel dazu gelernt, was funktioniert und was nicht. Ich glaube auch, dass man sehr viel genauer hinschaut, was man in 3D macht und was nicht. In Deutschland wissen wir zum Beispiel, dass Mütter von Kindern im Alter von vier bis zehn Jahren sehr zurückhaltend sind, was 3D-Filme angeht. Das Gehirn der Kinder entwickelt sich noch, und da sind Mütter sehr zurückhaltend, ob man da 3D schon gucken sollte. Wenn Sie aber Filme wie Transformers oder unsere Avengers nehmen, da sind Sie mit 90 bis 95 Prozent 3D-Tickets dabei.

Der renommierte Regisseur Christopher Nolan zum Beispiel hat sich kürzlich geweigert, The Dark Knight Rises in 3D zu drehen.
Michael Bay wollte Transformers auch nicht in 3D drehen, und dann ist ein ziemlich fettes 3D-Spektakel daraus geworden. Ich persönlich kann mir The Dark Knight Rises problemlos in 3D vorstellen, da kann man tolle Welten erschaffen. Ich hätte mir auch Nolans Inception in 3D vorstellen können, sogar sehr gut. Das wäre unglaublich gewesen. Vor allem in irrealen Welten ist 3D eine sehr akzeptable Kunstform, finde ich. Aber braucht man es unbedingt? Nein.

In Sachen Computeranimation hat die Konkurrenz – DreamWorks, Sony, Blue Sky – im Verhältnis zu Disney und Pixar aufgeholt, nicht?
Was soll ich dazu sagen? Natürlich sind wir nicht allein auf dem Markt. Wir haben mit Pixar sehr früh angefangen, computeranimierte Filme zu machen, und Pixar ist nach wie vor die treibende Kraft. Pixar ist sozusagen Teil unserer DNA. Ich habe das Studio erst unlängst besucht, und wenn man erst einmal da ist, will man gar nicht mehr weg. Allein was wir dort an Kurzfilmen gesehen haben, die nur gemacht werden, um neue Erzählformen und Techniken auszuprobieren, ist beeindruckend. Zwei Sachen, die nächstes Jahr von Pixar kommen werden, sind Monsters University und Planes. Letzteres wird wie die Welt von Cars sein, nur halt auf Flugzeuge übertragen. Und 2014 wird es einen Dinosaurier-Film geben.

Und wie sieht es mit den klassisch animierten Filmen aus, der großen Domäne von Disney?
Die werden immer weniger werden. Der Aufwand ist im Vergleich zu den computeranimierten Filmen einfach zu hoch. Und es gibt mittlerweile eine ganze Generation von Kindern, die das gar nicht mehr kennt.

Diese Generation wächst auch mit dem Handy als Gerät zum Filmschauen auf. Meinen Sie, wird sich das durchsetzen?
Für einen kleinen Markt glaube ich das schon. Aber es wird nie das klassische Kinoerlebnis ersetzen, den Faktor, mit mehreren hundert Leuten zusammen einen Film zu schauen. Das wird immer ein Anreiz bleiben, ins Kino zu gehen.

 



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