Unbekanntes Gelände

Junge US-amerikanische Filmschaffende arbeiten abseits des Mainstreams an einem komplexen Realismus: Über die Filmschau „Real America“, die im Rahmen des Viennale-50-Jubiläums stattfindet.


Im Delta des Mississippi liegen die Häuser weit verstreut. Arme Menschen leben hier, es gibt wenige Erwerbsmöglichkeiten, der größte Teil der Bevölkerung ist afroamerikanisch und hat mit dem amerikanischen Traum nichts zu tun. In dieser Welt spielt Ballast (2008), der erste abendfüllende Spielfilm von Lance Hammer. Zu Beginn stirbt ein Mann, zurück bleiben sein Bruder Lawrence und die unmittelbaren Nachbarn – der zwölfjährige James, der Sohn des Toten, und Marlee, seine Witwe. Obwohl äußerlich nur ein Zaun diese beiden Häuser trennt, verlaufen doch alle entscheidenden Linien des Films entlang dieser Grenze. Denn aus dieser räumlichen Konstellation entwickelt Lance Hammer, der selbst das Drehbuch geschrieben und dieses auf eine lange, beinahe ethnographisch zu nennende Recherche in der Gegend gegründet hat, eine komplexe zeitliche Struktur.
Der Todesfall zu Beginn ist das Ereignis, das entschlüsselt werden muss, das aber allmählich den Blick auf ein weiter zurückliegendes Trauma freigibt, das Marlee in ihrer unversöhnlichen Haltung festhält. Ballast entwickelt sich also aus einem Drama heraus, das Protokoll der täglichen Verrichtungen, das der Film auch ist, schafft erst einmal so etwas wie lineare Zeit, Kontinuität in einer Welt der Brüche und Ausbrüche. James ist dabei der privilegierte Zeuge, dem Lance Hammer vielfach folgt. Der Junge sucht seinen eigenen Weg, eine Weile sieht alles danach aus, als würde er sich Drogendealern anschließen und somit ein „typischer Fall“ werden, resigniert, ohne einen eigenen Versuch gemacht zu haben.
Aber Lance Hammer hat etwas anderes vor. Er beschreibt mit seinem Film eine therapeutische Bewegung. Der Todesfall zu Beginn erweist sich als reinigend in einem Sinn, der durchaus kathartisch im Sinn der klassischen Tragödie ist, hier aber eben am Eingang der Geschichte steht. Lawrence besitzt immer noch einen Laden, den er mit seinem toten Bruder gemeinsam bewirtschaftet hat. Dieser Laden wird zum Streitobjekt, weil sowohl Marlee als auch Lawrence darauf Ansprüche haben und gleichzeitig ihre tiefen Verletzungen intensiv daran geknüpft sind. Sie laufen also Gefahr, die einzige Lebensform und die einzige Chance auf ein Auskommen in dieser Gegend aufs Spiel zu setzen, weil sie von den alten Geschichten nicht loskommen. Ballast wurde mit Darstellern aus der Gegend gedreht, die Dialoge bekommen dadurch eine Authentizität, die eine Übersetzung schwierig werden lässt. Es ist ein wenig so wie in der Fernsehserie The Wire, die als ein herausragendes Beispiel für einen neuen erzählerischen Realismus in der amerikanischen Kultur gilt: Kulturelle Authentizität zum Beispiel durch eine sehr präzise Rekonstruktion von Sprache geht mit einem geschärften Bewusstsein für klassische Erzählmuster einher.
Im Schatten der vielfach diskutierten Großserie hat sich in den letzten zehn Jahren allerdings auch ein Filmschaffen entwickelt, das unter dem Begriff „Real America“ sehr gut zu fassen ist. Das „wirkliche“ Amerika wäre demnach eines, das den vielfach gefärbten Selbstbildern einer ideologisch in hohem Maß polarisierten Nation die Perspektive ihrer randständigen Protagonisten entgegenhält: ein aus dem Senegal stammender Taxifahrer in North Carolina in Goodbye Solo (2008) von Ramin Bahrami; ein drogensüchtiger Lehrer an einem Gymnasium in Brooklyn in Half Nelson (2006) von Ryan Fleck und Anna Boden; eine überforderte Mutter in Down to the Bone (2004) von Debra Granik; eine inner-amerikanische Arbeitsmigratin sans toît ni loi in Wendy and Lucy (2008) von Kelly Reichardt; die Hinterbliebenen eines jungen Drogentoten in Baltimore in Putty Hill (2010) von Matthew Porterfield. Manche dieser Regisseure und Regisseurinnen haben inzwischen beachtliche Differenzierungen ihrer ursprünglichen Ansätze vorlegt, so hat Kelly Reichardt sich an einem Western versucht (Meek’s Cutoff, 2010), während David Gordon Green, der mit George Washington (2000) eines der Gründungsdokumente des neuen amerikanischen Realismus vorgelegt hat, inzwischen in alle möglichen Richtungen hin experimentiert hat (nicht zuletzt ist er an der einschlägig relevanten, großartigen Serie Eastbound & Down wesentlich beteiligt).
Der Begriff des Realismus, auf den eine Veranstaltung wie Real America hinausläuft, wird an den Beispielen anschaulich: Es geht um eine Modellierung gesellschaftlicher Erfahrungen, für die das kommerzielle Mainstream-Kino keinen Platz hat. Das hat auch mit den dort immer noch wirksamen Rassismen zu tun, und mit der Tatsache, dass die derzeitige Genre-Logik in Hollywood kaum mehr eine Durchlässigkeit der Erzählungen auf konkrete Erfahrungen mit persönlichen, ökonomischen, politischen Umständen zulässt (eine Ausnahme bildet dabei das Komödiengenre, das am ehesten noch als tendenziell realistisch einzuschätzen ist, auch wenn dies zumeist auf den ersten Blick anders aussehen mag).
Die Rassismen und anderen Ausschlussmechanismen werden in den Filmen von Real America zuerst einmal durch die Wahl der Protagonisten konterkariert. Frauen, Afroamerikaner, Halbwüchsige stehen häufig im Mittelpunkt, zum Beispiel in First, Last and Deposit, der schon im Jahr 2000 herauskam und heute als ein Vorläufer der offenen Bewegung gesehen werden kann, die in Real America konturiert wird. Ein 13-jähriges Mädchen im kalifornischen Santa Barbara sieht sich vor die Aufgabe gestellt, sich gemeinsam mit der Mutter ohne Dach über dem Kopf durchzuschlagen, und zugleich diese prekäre Situation vor ihren Mitschülerinnen zu verheimlichen. In Frozen River (2008) von Courtney Hunt wohnen die beiden Protagonistinnen, eine davon eine indigene Amerikanerin, in einem Trailerpark, eine sehr typische Lebensform für die Armen in den USA. Melissa Leo, die hier eine der beiden Hauptrollen spielt, war kürzlich auch in Francine (2012) von Brian M. Cassidy und Melanie Shatzky zu sehen, sie steht, ähnlich wie Vera Farmiga, die Hauptdarstellerin in Down to the Bone, für Frauenrollen, die im Mainstreamkino ausgeschlossen sind, weil sie als zu deprimierend gelten. Dass Jennifer Lawrence, die in Debra Graniks Winter’s Bone (2010) die Hauptrolle spielt, inzwischen ein Blockbuster-Star ist, ist in der Dramaturgie von Graniks Films schon angelegt, denn dort geht es, wie in so vielen der Beispiele in Real America, sehr wesentlich um „agency“, also um die Frage, inwiefern es tatsächlich (noch) möglich ist, in Amerika „seines Glückes Schmied“ zu sein, also Handlungsmacht zu haben.
Besonders deutlich wird dies in in Chop Shop von Ramin Bahrami, der als ein zentraler Film von Real America gesehen werden kann, sowohl in seiner Erschließung eines Ortes als auch in seiner Entwicklung von „agency“. Willets Point im New Yorker Borough Queens ist ein Stadtteil, wie es ihn in entwickelten Ländern eigentlich nicht geben sollte. Zwischen Stadtautobahnen und Bahnlinien erstreckt sich hier eine Zone mit unreguliertem Gewerbe, chaotischer Infrastruktur und provisorischen Lebensverhältnissen. Die vielen Autowerkstätten bilden eine Grauzone der Ökonomie, niemand fragt genau nach der Herkunft der Ersatzteile oder der Versteuerung der Einkünfte. In Willets Point hat Ramin Bahrani in den Jahren 2006 und 2007 Chop Shop gedreht – der Name bezieht sich auf einen der zahlreichen Betriebe, in denen Autos „ausgeschlachtet“ („chopped“), also zerlegt und auf wiederverwendbare Teile hin überprüft, werden.
In dieser Umgebung taucht der zwölfjährige Alejandro (Ale) auf, ein Junge ohne Familie, der die Schule abbricht, weil er einen Plan hat. Er will für sich und seine ein wenig ältere Schwester Isamar eine Existenzgrundlage aufbauen. Dazu muss er sich arbeitend verdingen, was in den „Chop Shops“ von Willets Point mit einiger Hartnäckigkeit auch gelingt. Zuerst steht er vorne an der Straße als Einweiser, allmählich aber lernt er auch die Tätigkeiten eines Mechanikers. Ale (Alejandro Polanco) schläft in einem Verschlag über der Garage von Rob (Rob Suwolski spielt im Grunde sich selbst, einen der Chefs in Willets Point). Das verdiente Geld versteckt er, in der kargen freien Zeit geht er zum nahen Shea Stadium und schaut durch durch einen Zaun einem Baseballmatch zu. Ale übernimmt für sich und Isamar die Rolle des Familienoberhaupts, er investiert in einen Imbisswagen, mit dem seine Schwester sich selbständig machen soll. Sie ist aber immer auch noch mit ihren Freunden unterwegs, sie weicht dem Ernst des Lebens gelegentlich aus, und findet in der Männerwelt von Willets Point auch Möglichkeiten, das Geld dafür zu beschaffen.
Das neorealistische Moment, das Chop Shop in zahlreichen Vergleichen vor allem mit Vittorio de Sicas Ladri di biciclette bescheinigt wurde, ist offensichtlich: Von Ale wird nichts weiter erzählt als der tägliche Kampf gegen die Widrigkeiten, er ist eine ganz konkrete und dabei doch repräsentative Figur. Seine Geschichte zeigt, wie sich am Ausgang der Moderne neue Bereiche des Ungewissen bilden, und darin liegt die entscheidende Differenz zum klassischen italienischen Neorealismus, der „nation building“ betrieb, während Ramin Bahrani sich zum Zeugen der Desintegration einer dem Anspruch nach großen Nation macht.
Und damit steht er für fast alle anderen Vertreter jener nicht deklarierten Filmbewegung, die in Wien unter dem Titel „Real America“ gezeigt werden, fast genau zwanzig Jahre nach „Unknown Territories“, jener Schau, mit der Anfang der neunziger Jahre ein Terrain erkundet wurde, auf dem Abel Ferrara (Ms. 45) oder Richard Linklater (Slacker) aufgetaucht waren. Eine Geschichte der Kontinuitäten und Diskontinuitäten zwischen diesen beiden Generationen eines (auch von Sundance!) unabhängigen amerikanischen Filmemachens würde erkennbar machen, dass es dieses im Kino repräsentierte Real America eigentlich ohne Unter-
brechungen gegeben hat – man könnte auch noch dahinter zurückblicken bis auf die fiktionalisierenden Dokumentarfilme von Robert Kramer (Milestones) und auf die großen (fotografischen) Rechercheprojekte während des New Deals („Let Us Now Praise Famous Men“ von Walker Evans und James Agee). In allen diesen Projekten wird die zentrale Spannung zwischen einem (abwesenden) Staat und einer (überfordernden) Freiheit ausgemessen, die in den USA so deutlich anders aufgefasst wird als in Europa. Der Blick auf das Real America erscheint dabei häufig als der in eine Zukunft, die sich auch hierzulande bereits deutlich abzeichnet.


Real America – Neuer Realismus im US-Kino
Stadtkino Wien, 1. bis 7. Juni
http://50jahre.viennale.at/projekte/11_real-america



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Gunnar Landsgesell, Michael Pekler,
Andreas Ungerböck

Real America – Neuer Realismus im US-Kino


Seit wenigen Jahren macht ein neues, realistisches Kino in den USA auf sich aufmerksam. Diese Filme werfen einen unverstellten Blick auf amerikanische Lebensverhältnisse und nähern sich auf eindringliche Weise dem Alltag der Menschen. Debra  Granik, Kelly Reichardt, Ramin Bahrani, Courtney Hunt, Matthew Porterfield und andere knüpfen an die Tradition des italienischen  Neoverismo an und zeigen eine amerikanische Wirklichkeit, wie sie bislang noch nie im US-Kino zu sehen war. Real America ist die erste in Buchform erscheinende, umfassende Untersuchung dieses jungen Independent-Films.

208 Seiten, zahlreiche Abbildungen, EUR 19,90

Schüren-Verlag. Erschienen am 1. Juni.



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