Nichts ist wahr, alles ist erlaubt

Die Kunsthalle Wien präsentiert von 15. Juni bis 21. Oktober eine Ausstellung zur Cut-up-Kunst des legendären US-Schriftstellers William S. Burroughs.

 

Hätte es jemals eine Wahl zum „Papst des Underground“ gegeben, dann wäre die Wahl mit großer Sicherheit auf William Seward Burroughs (1914 –1997) gefallen. Bands benannten sich nach Romantiteln oder Elementen aus seinem Werk (Steely Dan, The Soft Machine), Künstlerinnen und Künstler aus diversen Genres arbeiteten mit ihm zusammen (darunter Laurie Anderson, Kurt Cobain oder Tom Waits), er war Gegenstand mehrerer Dokumentarfilme, Cronenberg verfilmte den Roman Naked Lunch, in Kultfilmen wie Gus van Sants Drugstore Cowboy (1992) spielte er Nebenrollen, seine Spoken-Word-Platten fanden ihr Publikum und sogar die Sportschuhfirma Nike verpflichtete den notorischen Anzugträger, der den Begriff „Heavy Metal“ erfand, für einen Werbespot. So übermächtig war das Image des lebenslang mit seiner Drogensucht kämpfenden Autors, dass das literarische Werk oft in den Hintergrund zu treten schien. Burroughs war (und ist) Kult, eine Ikone, ein Guru, dessen Nähe von Patti Smith bis Andy Warhol viele suchten.

In St. Louis, Missouri in eine zwar nicht reiche, aber doch gut situierte Familie hineingeboren, schien es zunächst, als würde Burroughs den Weg anderer weißer Männer gehen: Studium, Karriere, bürgerlicher Lebensverlauf. Doch bereits als Kind fühlte er sich als Außenseiter und entdeckte seine Vorliebe für andere Jungen. Während eines Landschulaufenthalts in New Mexico schrieb er über seine zärtlichen Gefühle für einen Mitschüler, entwickelte eine derart große Panik, dass jemand die Notizen entdecken könnte, dass er sie vernichtete und jahrelang nichts mehr schrieb. 1937 studierte er ein Semester lang Medizin in Wien, genoss Strichjungen in Dampfbädern und heiratete eine von den Nazis verfolgte Jüdin, um ihr die Ausreise nach Amerika zu ermöglichen. Letztere Episode mag symptomatisch für Burroughs’ Lebens- und Weltsicht sein: die romantische Vorstellung eines Lebens voller Abenteuer (Agentenfiguren sollten später zentrale Rollen in seinem Werk einnehmen). Mit Freunden wie Allen Ginsberg oder Jack Kerouac war er einer der Gründungsväter der Beat-Generation. Im New York der frühen vierziger Jahre wurde er drogensüchtig, betätigte sich als Taschendieb, Privatdetektiv und Kammerjäger. Obwohl homosexuell, lebte er mit Beat-Muse Joan Vollmer zusammen, zeugte mit ihr einen Sohn – und erschoss sie 1951 beim Versuch, ein Wasserglas auf ihrem Kopf zu treffen. Ein Ereignis, von dem er später im Vorwort des Romans „Queer“ schreiben wird: „I am forced to the appalling conclusion that i would have never become a writer but for Joan’s death“. Burroughs war der Überzeugung, von einem „ugly spirit“ besessen zu sein, der im Moment des Abdrückens von ihm Besitz ergriffen habe. Das Schreiben wurde ihm zum Abwehrkampf gegen den bösen Geist, die Drogensucht zur Metapher für Kontrolle, der er sich zeitlebens widersetzen wird; das Freud’sche Über-Ich nannte er „parasitär“.

Nach Aufenthalten in Mexico und Südamerika (dort suchte er die Droge Yahe, von der er sich telepathische Fähigkeiten versprach) und diversen Schreibversuchen erscheint 1953 unter Pseudonym der Roman „Junkie“, in dem Burroughs semi-autobiografisch von seinem Leben als Drogensüchtiger berichtet. Danach lebt er jahrelang in Tanger, wo Drogen und Strichjungen billig sind und arbeitet an jenem Roman, der als sein Hauptwerk gilt: „Naked Lunch“. Der Roman erscheint 1959 zunächst bei Olympia Press in Paris. In literarischen Zirkeln und bei den „Beats“ wird das Werk schnell Kult, in den USA wird es wegen der Darstellung von bizarren Sexpraktiken, Drogenkonsum und Grausamkeit mehrfach beschlagnahmt. In Burroughs’ non-linearem Universum wimmelt es von Agenten, wahnsinnigen Ärzten und eigenartigen Kreaturen; mit satirischen Mitteln und Sprachgewalt rechnet der Autor mit totalitären Systemen, Todesstrafe und dem American Way of Life ab. Die Reihenfolge der Kapitel ordnete er nach Eingang der Druckfahnen – das Zulassen des Zufalls wird eines der Charakteristika von Burroughs’ Werk werden. Zwei Prozesse in den USA wegen Obszönität enden damit, dass „Naked Lunch“ für „nicht obszön“ erklärt wird – ein Befreiungsschlag für die Literatur.

Zerschnittene Realität

Schließlich brachte ihn sein Freund Bryon Gysin (1916-1986), ein vielseitiger Künstler, mit der Cut-up-Methode in Berührung. Gysin hatte die Cut-ups entdeckt, als er im Atelier mit einem Stanleymesser arbeitete und dabei zufällig Zeitungen, die er als Arbeitsunterlage verwendete, durchtrennte; die neu arrangierten Teile ergaben neue Satzkombinationen und Bedeutungen. Burroughs war von der Collagetechnik derart begeistert, dass sie zur Grundlage seines experimentellen Werkes in den sechziger und siebziger Jahren wurde. Auch dehnte er die Methode auf andere Medien aus, experimentierte mit Tonbändern ebenso wie mit Film (mit dem britischen Filmemacher Anthony Balch realisierte er eine Reihe von Cut-up-Filmen wie etwa Towers Open Fire, 1962) und beeinflusste damit wiederum die Pop-Kultur: Musiker wie David Bowie oder Genesis P-Orridge nutzten Cut-ups für Songtexte. Für Burroughs waren Cut-ups eine Möglichkeit, die Realität zu verändern; außerdem glaubte er daran, dass sie einen Blick in die Zukunft erlaubten. Das Motto des Assassinen-Gründers Hasan-i Sabbah „Nichts ist wahr. Alles ist erlaubt“ wurde ihm zum Credo, wie ein Besessener veröffentlichte er Cut-up Romane wie etwa „Nova Express“ (1964). Auch in diesen Werken, die zunehmend Science-Fiction-Elemente enthielten, spielt das Motiv des Agenten, der sich mit weltbeherrschenden Kartellen anlegt, eine wichtige Rolle. Sprache war ihm „a virus from outer space“, der durch die Cut-ups überwunden werden sollte: Das Ziel war die Überwindung des Körpers, ein Vorstoß ins Weltall. In „The Job“ (1969) entwarf er Reform-Ideen, die die Überwindung von Nation und Familie zum Ziel hatten. „The Electronic Revoultion“ (1971) setzt sich kritisch mit den Auswirkungen neuer Technologien auseinander, ist aber auch gleichzeitig eine Art Anleitung für Guerrilleros: Burroughs träumte davon, dass „thousands of people with recorders, portable and stationary, messages passed along like signal drums“ eine Revolution auslösen, die bestehende Ordnung ins Chaos stürzen. Seine „Wild Boys“ (1974), eine Gruppe junger Schwuler, kämpfen gegen den „thought-control mob“.

Nach einigen Jahren in New York, wo ihn von Lou Reed bis Jean-Michel Basquiat alles umgab, was in der dortigen Kunstszene Rang und Rahmen hatte, zog sich Burroughs, der nebenbei auch noch die Punk-Szene beeinflusste, ins rurale Kansas zurück, um endgültig vom Heroin loszukommen. Dort erfand der Waffennarr, der bis zu seinem Tod mit einer Heerschar an Katzen lebte, zufällig die Shotgun-Art, als er bei Schießübungen auf einen Farbtopf ballerte. In der Folge schoss er regelmäßig auf Spraydosen, die er zuvor neben leeren Leinwänden platz-ierte. Das Ergebnis waren abstrakte Farbmuster, die sich in ihrer Mischung aus Zufall und Gewalt nahtlos in Burroughs’ Gesamtwerk einfügten. Diese Shotgun-Paintings sind ein zentrales Element der Ausstellung in der Kunsthalle. Ergänzt werden sie durch seltene Bücher, Dokumentarfilme, Cut-ups, Bildcollagen und biografische Elemente. Ein Einblick in das Leben eines genialen Zerrissenen, dessen Kunst ein adäquater Spiegel seiner Psyche war und dessen Einfluss auf die Sub- und Populärkultur bis heute kaum zu überschätzen ist. Im Kino wird Burroughs übrigens aktuell von Viggo Mortensen in Walter Salles’ Kerouac-Verfilmung On the Road verkörpert (ein Interview mit dem Schauspieler finden Sie auf Seite 92). Der Kult geht weiter.

 




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Cut-ups, Cut-ins, Cut-outs: Die Kunst des William S. Burroughs. 15. Juni bis 21. Oktober 2012. Kunsthalle Wien.

www.kunsthallewien.at



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