Beasts of the Southern Wild

Ungezähmt schöner Debütfilm, erstaunlich wie ein Fabelwesen

 

Sie heißt Hushpuppy, ist ungefähr sechs Jahre alt und lebt mit ihrem kranken Vater Wink in der Badewanne; das heißt, in einem „The Bathtub“ genannten, improvisierten Camp von Marginalisierten im Mississippi-Delta. Hushpuppys Mutter ist eines Tages auf und davon; Wink erzählt, sie habe am Herd lediglich vorüberzugehen brauchen, um das Wasser zum Kochen zu bringen, derart heiß sei sie gewesen. Auch Hushpuppy hat ein Temperament, das die Funken sprühen lässt, in ihr steckt die Schönheit der Mutter, die Wildheit des Vaters und der Stolz der freien Kreatur.
Hushpuppy, von der 9-jährigen Quvenzhané Wallis mit der ganzen zutiefst unschuldigen Leidenschaftlichkeit einer kindlichen Darsteller-Debütantin weniger verkörpert als vielmehr ein für alle Mal gebannt und gebrannt, ist Auge, Ohr, Herz, Seele und Stimme von Beasts of the Southern Wild. Sie ist, wie Filmemacher, Koautor und Komponist Benh Zeitlin sagt, „die weise Frau des Films“, die unhinterfragt gültige Erzähl- und Interpretationsinstanz, in deren Perspektive die Grenze zwischen Fantasie und Realität weich und fließend ist.

Die Welt ist aus dem Gleichgewicht geraten und strebt auf ihren Untergang zu, die Bestien der Urzeit – gigantische Auerochsen, großartig simpel animiert von mit Zottelfell und gefährlichen Hörnern verkleideten Hausschweinen – sind aus ewigem Eis wiedererstanden und die Menschen finden zur Organisationsform der Urhorde zurück. Außerdem muss ein kleines Mädchen Abschied vom Vater nehmen und lernen, Verantwortung zu übernehmen. Die Verheerungen durch Hurrikan Katrina sowie die katastrophalen Folgen der Havarie der BP-Ölbohr-Plattform wabern als Grundvibration durch die Narration dieses erstaunlichen Spielfilmdebüts, das zu Beginn des Jahres 2012 den Großen Preis der Jury in Sundance erhielt, seither von Festival zu Festival reist und die Zuschauer in Erstaunen versetzt. Filme wie dieser sind so rar wie die Auerochsen, die darin ihr Unwesen treiben. Berstend vor Kreativität, voll flüchtiger Sinnhaftigkeit, unbekümmert um Logik, manifestierte Traum-Energie, völlig unwahrscheinlich und höchst selbstverständlich zugleich. Fulminant behauptet Beasts of the Southern Wild – den A.O. Scott in der „New York Times“ „a passionate and unruly explosion of Americana“ genannt hat – die Gültigkeit der Mythen als heutige Erzählform. Und schafft aus Licht, Farbe und Lebendigkeit ein postapokalyptisches Märchen-Gedicht. Lesbar als zivilisationskritische Metapher. Schillernd, wild und frei, beglückend.



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Beasts of the Southern Wild


Drama, USA 2012
Regie Benh Zeitlin
Drehbuch Benh Zeitlin, Lucy Alibar
Kamera Ben Richardson
Schnitt Crockett Doob, Affonso Gonçalves
Musik Benh Zeitlin, Dan Romer Production Design Alex Digerlando
Kostüm Stephani Lewis

Mit Quvenzhané Wallis, Dwight Henry, Jovan Hathaway, Levy Easterly, Gina Montana, Philip Lawrence
Verleih Polyfilm, 92 Minuten

www.beastsofthesouthernwild.com





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