Children of the Revolution

Mit „Après mai“ zeichnet Olivier Assayas das Porträt einer Generation, die im Sturm der Rebellion ihren Platz zu finden versucht.

 

Der Geist der Revolution manifestiert sich manchmal mittels kleiner Gesten. So auch durch jenen Schüler eines Gymnasiums am Rand von Paris, der sich die nur zäh verstreichende Unterrichtsstunde damit verkürzt, ein sich in einem Kreis befindliches A, das allseits bekannte Symbol der Anarchisten, in die Tischplatte zu schnitzen. Mit dieser Szene nimmt Olivier Assayas zu Beginn Atmosphäre und grundlegenden Duktus von Après mai gleich einmal vorweg. Denn im Spannungsfeld zwischen politischem Bewusstsein und persönlicher, streckenweise stark nostalgisch angehauchter Rückschau auf eine stürmische Epoche bewegt sich sein neuer Film.

Ausgangspunkt ist Frankreich, 1971. Knapp drei Jahre nach den studentischen Protesten des legendären Mai 1968, die gesellschaftliche Umwälzungen weit über Frankreich hinaus nach sich ziehen sollten, ist immer noch so etwas wie Auf- und Umbruchsstimmung zu spüren. Als die maoistische Bewegung „Le Seclour Rouge“ mittels Kundgebungen die Anerkennung inhaftierter Gesinnungsgenossen als politische Gefangene erreichen möchte, geht die Polizei –  insbesondere die neu gegründete Sondereinheit „Brigade spéciales d’intervention“ tut sich dabei unrühmlich hervor – mit exzessiver Gewalt gegen die Demonstranten vor. Die Empörung darüber ist jedoch der ideale Sprengzünder, um selbst Schüler und Studenten, die bislang eher unpolitisch waren, zu engagierten Aktivisten zu machen. Dazu zählt auch Gilles (Clément Métayer), ein kurz vor dem Abschluss stehender Angehöriger jener eingangs erwähnten Schule. Mit seinen Freunden stürzt er sich nun voller Enthusiasmus, aber auch mit jener großen Naivität, die dieses Alter nun einmal mit sich bringt, in das Vorhaben, die Welt zu einem besseren Platz zu machen.

Stürmische Zeiten

Oliver Assayas beleuchtet mit Après mai eine zeitgeschichtliche Periode, die im kollektiven Gedächtnis – in Frankreich vermutlich noch viel stärker als hierzulande – einen allseits fest verankerten Platz einnimmt und zudem auch im Lauf der Jahrzehnte ausführlich dokumentiert und thematisiert worden ist. Das hat zur Folge, dass sich das Wissen darüber – ob vermeintlich oder tatsächlich, sei dabei einmal dahingestellt – auf einem sehr hohen Niveau bewegt. Dem Kampf um die Deutungshoheit entzieht sich Assayas gleich einmal dadurch, dass Après mai primär als sehr persönlich angelegter Rückblick konzipiert ist. Selbst bei rudimentärer Kenntnis der Biografie von Olivier Assayas wird schon bald deutlich, dass die Figur des Gilles das Alter Ego des Regisseurs ist.

Angesichts von Assayas bisherigem Œuvre ist ein Zugang über biografische Elemente und die Erschließung eines Zeitgeists über die emotionalen Befindlichkeiten der Protagonisten durchaus konsequent. Mit Filmen wie Fin d’Août, début Septembre (Ende August, Anfang September, 1998) und L’Heure d‘été (2008) hat Assayas dies bereits vorexerziert, doch eine Schlüsselrolle nimmt zweifellos L’Eau froide (1994) ein. Die im Jahr 1972 spielende Geschichte um die Gefühlsstürme zweier Jugendlicher trägt wie Après mai starke autobiografische Züge – eine der beiden Hauptfiguren trägt ebenfalls den Namen Gilles – und erscheint so ein wenig wie ein thematischer Prolog zu Après mai. Im persönlichen Bezug liegen auch die größten Stärken des neuen Films. Mit Liebe zum Detail, die Kostüme, die Ausstattung sowie den Score betreffend, und mit einem hervorragenden Schauspielerensemble rekonstruiert Assayas’ Inszenierung jene stürmische Zeit und die dabei vorherrschende Stimmung präzise und nachfühlbar.

Anhand seiner Protagonisten zeigt Assayas auf deren persönlichen Ebenen wie in einem Brennglas den Verlauf der gegenkulturellen Aufbrüche und Umwälzungen: Von der euphorischen Aufbruchsstimmung, die über politisches Engagement in die Radikalität abzugleiten drohte, bis hin zu den unausweichlichen Enttäuschungen und der damit einhergehenden Frustration. Anschaulich wird dabei die Zersplitterung der Linken samt den unvermeidlichen Grabenkämpfen um die ideologische Ausrichtung der Protestbewegung demonstriert. Wer je im Zug einer universitären Hörerversammlung ähnliche Diskussionen mitsamt der dazugehörigen theoretisierenden Sprachregelung miterlebt hat, wird die Stimmigkeit von Olivier Assayas’ Film bestätigen können.

Dass Après mai eine hochpolitische Ära exklusiv auf der privaten Ebene persönlicher Lebensläufe und Erinnerungen abhandelt, birgt aber auch gewisse Gefahren. Natürlich könnte man den viel zitierten Satz aus jenen Tagen „Das Private ist politisch – das Politische ist privat“ als Leitmotiv des Films ansehen, doch ganz so einfach ist die Sache nicht. Zwar gelingt es Assayas, den „Spirit“ dieser Zeit kongenial widerzuspiegeln, doch streckenweise macht sich eine sentimentale Verklärung breit, die einen Hang zur Revolutionsromantik nicht verbergen kann. Das mag jedoch weniger daran liegen, dass Assayas Nostalgie zum Stilprinzip zu erheben beabsichtigte, sondern viel mehr daran, dass die Erinnerung mit zunehmenden zeitlichem Abstand Dinge tendenziell ein wenig verklärt – ein Prozess, den Werner Herzog in gewohnt einprägsamer Manier in seinem Dokumentarfilm Mein liebster Feind anhand des Auftritts von Klaus Kinski in Kinder, Mütter und ein General so schön veranschaulicht hat. In einem Interview mit „Sight & Sound“ betont Olivier Assayas, dass ihm eine authentische Repräsentation jener Epoche mit Après mai durchaus ein wichtiges Anliegen war: „I realised that, at least in France, no one had painted a decent picture of those times. It’s either ridiculed on TV, like ”look at those hippies“, or idealised, like ”those were political times, people were conscious and involved, while today it’s only videogames“, or whatever. So it’s one or the other but never anything that has to do with the reality of it, the complexities of it and the fact that those despised, overlooked years were very much the fabric of modern society in many ways.“

Dass Assayas mit dem Versuch, die Komplexität dieser Zeit über autobiografische Elemente zu erfassen, dem politischen Kino Jean-Luc Godards diametral gegenübersteht, ergibt sich fast zwangsläufig. Die Beurteilung, wer der Sache gerechter wird, hängt nicht zuletzt vom ideologisch gefärbten Blickwinkel ab. Es wäre ohnehin ein wenig verfehlt, vom narrativen Kino eine alle Aspekte umfassende Analyse einer hochkomplexen politischen Situation einzufordern. In diesem Sinn ist Olivier Assayas’ Entscheidung, den erprobten Weg der Personalisierung zu wählen, durchaus stimmig, die Geschlossenheit und atmosphärische Dichte, die er zu generieren versteht, ist da eine durchaus beeindruckende Bestätigung seines Konzepts. Ein wenig ankreiden kann man ihm jedoch, dass er Lebenswege jener Ära ein wenig zu modellhaft nachzeichnet. Vom Abdriften in die Radikalität über die Suche nach der Erleuchtung in Asien bis hin zur Drogenabhängigkeit lässt Assayas anhand seiner Protagonisten die siebziger Jahre Revue passieren. Das mag als Zeitenpanorama ja noch durchgehen, doch nicht immer gelingt es dabei, Klischeevorstellungen auszuweichen. Treffender formuliert
Assayas anhand seines Alter Egos Gilles die Zerrissenheit dieser Generation, die versucht, politisches Bewusstsein und individuelle Entfaltung in Einklang zu bringen. Da kann es dann schon vorkommen, dass die große Liebe oder die Wahl des richtigen Studienfachs Priorität genießen und die Revolution einmal hinten anstehen muss.

Dunkle Seiten

Dass Olivier Assayas in Après mai die turbulenten, gesellschaftlichen Umbrüche der siebziger Jahre aus der Perspektive singulärer Figuren skizziert, erscheint als durchaus schlüssige Linie, wenn man sich seinen vorangegangenen Film ins Gedächtnis ruft. In Carlos beleuchtete Assayas anhand der Titelfigur, wie revolutionärer Enthusiasmus in mörderischen Wahnsinn umschlagen konnte. Auch wenn der egomanische Söldnertyp Ilich Ramírez Sánchez – so der richtige Name des Terroristen, der als Carlos zu zweifelhaftem Ruhm gelangen sollte – sich den Gestus des Revolutionärs zumeist nur aufsetzte, wurde er doch zum Vollstrecker jener radikalen Ideologien, die in manchen revolutionären Splittergruppen die Überhand gewannen und ihre Ziele mit brutaler Gewalt umzusetzen gedachten. Mit geradezu dokumentarischer Präzision zeigt Assayas anhand des Protagonisten die dunkelste Seite, die die Gegenkultur mit ihrem berechtigten Wunsch nach gesellschaftlicher und politischer Veränderung auch mit sich brachte, als die Verabsolutierung von Idealen in Unmenschlichkeit umschlug.

Nach dem minutiös recherchierten Doku-Drama Carlos – in der Langfassung  330 Minuten lang – offeriert Assayas mit Après mai einen viel mehr persönlich gefärbten Blick auf eine Zeit, die in ihrem Ereignisreichtum und ihrer Vielschichtigkeit ohnehin nicht nur mit der einen, richtigen Perspektive aufgelöst werden kann. Nach dem zeitgeschichtlichen Abriss mit Carlos ist da der Zugang über die individuelle Erinnerung und Erfahrung – ein nicht unwesentliches Element beim Zustandekommen des kollektiven Gedächtnisses – ein nachvollziehbarer Weg, der jedoch, bei allen Qualitäten, die Après mai zweifellos besitzt, in Bezug auf historische Verklärung auch Kritik nach sich ziehen kann. Doch vielleicht sollte man Après mai nicht nur isoliert betrachten sondern gemeinsam mit Carlos als eine Art Diptychon ansehen, das mittels höchst unterschiedlicher Bilder eine Ära in all ihrer schillernden Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit zu repräsentieren versucht – und das durchaus gelungen.  



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Die wilde Zeit / Après Mai


Drama, Frankreich 2012
Regie, Drehbuch
Olivier Assayas
Kamera
Éric Gautier
Schnitt
Luc Barnier, Mathilde van de Moortel
Production Design
François-Renaud Labarthe
Kostüm
Jurgen Doering
Mit
Clément Métayer, Lola Créton,
Felix Armand, Carole Combes,
India Salvor Menuez, Hugo Conzelmann,
Martin Loizillon, Mathias Renou, Léa Rougeron

Verleih
Polyfilm, 122 Minuten

www.diewildezeit-derfilm.de



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