The Fifth Estate

Berlin, 2007. Ein Jahr nach dem Online-Auftritt der Enthüllungsplattform WikiLeaks werden wir Zeuge der ersten Begegnung zwischen ihrem Gründer Julian Assange (Benedict Cumberbatch) und dem Informatiker Daniel Domscheit-Berg (Daniel Brühl). „Two people and a secret, the beginning of all conspiracies ... but if we could find one moral man, one whistleblower (...) that man could topple the most powerful and most repressive of regimes.“ Dieser moralische Mann sei er, deklariert Assange auf dem 24. Chaos Communication Congress vor einem Publikum von nicht mehr als zehn Menschen, doch kann er mit Domscheit-Berg zumindest eine Person beeindrucken. Um WikiLeaks den Anschein eines Megaunternehmens zu geben, hält er schizophrene Meetings mit sich selbst und erfindet eine Myriade an Mitarbeitern. Die Situation eskaliert drei Jahre später, als Assange in Besitz von afghanischen Kriegstagebüchern, irakischen Armeeberichten und Botschaftsdepeschen kommt und der eigentliche Whistleblower, Bradley (inzwischen: Chelsea) Manning, auffliegt. An der ethischen Fragwürdigkeit der Veröffentlichung geheimer Dokumente, die womöglich Leben gefährden, scheiden sich die Geister von Mentor und Protegé. Domscheit-Berg wird suspendiert, kann im letzten Moment aber die Website blockieren. Gleichzeitig kollaboriert Assange mit dem „Guardian“, der „New York Times“ und dem „Spiegel“. Der Verräter ist nun wer? Assange oder Domscheit-Berg? Der Film gibt die Antwort: Es ist der größenwahnsinnige Australier mit den platinblonden Haaren.
Es herrscht allgemeine Einigkeit darüber, dass Benedict Cumberbatch, bekannt aus der bezaubernden Serie Sherlock (siehe dazu Seite 76), augenblicklich ein sehr heißer Tipp in der Filmbranche ist. Mit seiner Körperhaltung, dem Lispeln, der leicht überheblichen, bizarren und paranoiden Art gelingt es ihm auf fast beklemmende Weise, hinter der androgynen Fassade des Cyber-Anarchisten zu verschwinden. Seinem Aussehen nach zu schließen, hätte er ebenso gut einem von Regisseur Bill Condons Twilight-Filmen entstiegen sein können. Vor Drehbeginn hatte Assange in einer Email versucht, den Briten davon abzubringen, an dem Film mitzuwirken. „I believe you are a good person, but I do not believe that this film is a good film.“ Der Film sei – wie schon die Buchvorlagen – ein Racheakt, Propaganda und deformierte Wahrheit. Von einer sogenannten „Wahrheit“ muss man sich an dieser Stelle verabschieden, denn dies ist ein Informationskrieg – so nennt er es – und das erste Opfer des Krieges ist bekanntlich die Wahrheit.
Als Quelle dienten Drehbuchautor Josh Singer (The West Wing) die Memoiren „Inside WikiLeaks – Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt“ von besagtem Partner und eine Publikation der „Guardian“-Journalisten David Leigh und Luke Harding. Mit ihnen ging Assange im Streit auseinander, deshalb darf es auch nicht überraschen, dass der griechische Held dieser klassischen Tragödie am Ende des Tages nicht Julian Assange heißt.

Die fünfte Gewalt

Im Kern der kühnen Idee stand im Grunde ein edler Gedanke. Man wollte Korruption aufdecken, die Elite in ihrem Kern erschüttern und falsche Regierungen aushebeln, aber vor allem versprach man Whistleblowern Anonymität und wollte Watergate bis ins Unendliche multiplizieren. WikiLeaks sollte eine Alternative und fünfte Gewalt zur vermeintlich korrumpierten vierten Gewalt, den Medien, sein. Was ein interessanter Thriller über Transparenz, Pressefreiheit und den gesellschaftlichen Wert von „gefallenen Helden“ wie Edward Snowden oder Julian Assange hätte werden können, ist eine unterhaltsame Geschichte mit geringer Tragweite, die emotional aber nicht andocken kann. Der Film ist zu sehr damit beschäftigt, den Streit um das gemeinsame „brainchild“ auf Kosten von Story und Ensemble auszutragen. Die Auftritte von Stanley Tucci und Laura Linney als US-Beamte sind verschenkt, doch Daniel Brühl kann in seiner Rolle als sympathischer Computernerd und moralische Instanz überzeugen. Condon legt ein sehr hohes Tempo an den Tag, während Singers Drehbuch Gefahr läuft, das Lebenswerk eines Mannes in 128 Minuten unter einem Berg von Datenmüll zu begraben. Zusammen setzen sie Julian Assange als mediengeile, dem Selbstzweck verschriebene Primadonna in Szene und können ihn seiner Doppelmoral überführen, doch The Fifth Estate ist kein psychologisches Biopic, das in die Abgründe dieses Mannes eintaucht. Wir gewinnen flüchtige Einblicke in seine Kindheit, erfahren, dass er einen Sohn hat und seine Haare färbt, doch hier endet die Reise auch schon. Der Film ist ein Konglomerat an Geschehnissen, erzählt aus der Sicht von Assanges ehemaligem Partner-turned-Nemesis. Anrechnen muss man Condon, dass es ihm gelingt, die Geschichte visuell attraktiver zu gestalten als es solch ein Skript verlangt. In einer Szene steht Assange in einem post-apokalyptischen Setting, während es brennende Dokumente auf ihn niederregnet. Ein anderes Mal sehen wir eine Armee von Assanges, vervielfacht, in einem metaphorischen Großraumbüro sitzen. Eine Matrix von Texten und Codes wird auf die Leinwand projiziert, und selten hat man einen Mann gesehen, der seinen Laptop mit einer solchen Inbrunst auf- und zuschlägt. Auch wenn Condon in Interviews lieber All The President’s Men (1976) zitiert, ruft The Fifth Estate unweigerlich David Finchers The Social Network (2010) ins Gedächtnis. Beide Filme erzählen jeweils von einem Megalomanen, der es versteht, das Internet für seine Zwecke zu nutzen. WikiLeaks ist eine gesellschaftspolitische Relevanz inhärent, doch hat es nicht dieselbe Brisanz wie Facebook, eine Website, die keine Leben gefährdet, aber (wohl oder übel) weitaus mehr Leben beeinflusst.
Ob Julian Assange nun moralisches Vakuum, Märtyrer oder Anarchist ist, die Macher des Films haben es sich nicht zur Aufgabe gemacht, diese Frage endgültig zu beantworten. Vielleicht ist es noch zu früh, diese Geschichte zu erzählen – Assange okkupiert gegenwärtig die Londoner Botschaft Ecuadors, und Chelsea Manning wurde eben erst zu 35 Jahren Haft verurteilt – aber es existieren bereits mindestens zwei Filme über ihn. Während Alex Gibney mit seiner Dokumentation We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks (2013) die Entmystifizierung eines Egomanen beabsichtigte, expandieren Condon und sein Team das Rätsel um seine Person eher. Weitaus weniger bekannt ist die australische Produktion Underground: The Julian Assange Story (2012), die sich Assanges IT-Guerilla vor WikiLeaks widmet.
Das Leben schreibt, so sagt man, die schönsten Geschichten. Bedauerlicherweise garantiert das noch lange keinen schönen Film. Er rückt aber eine faszinierende Persönlichkeit wieder ins Blickfeld einer medialen Debatte, die, geprägt von den zwei Worten „Held“ und „Verräter“ in die Geschichte eingehen wird. Interessant ist Bill Condons Entscheidung, Julian Assange das letzte Wort zu geben. In dieser allerdings sehr manipulativen Szene spricht er direkt in die Kamera: „You. It is all about you. (Eine kurze Pause und ein diabolisches Lächeln später:) And a little about me, too.“



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The Fifth Estate / Inside Wikileaks – Die Fünfte Macht


Thriller, USA 2013
Regie
Bill Condon
Drehbuch
Josh Singer

Buchvorlagen „Inside WikiLeaks: My Time with Julian Assange at the World’s Most Dangerous Website“ (Dominik Domscheit-Berg) und „WikiLeaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy“ (David Leigh und Luke Harding)
Kamera Tobias A. Schliessler
Schnitt
Virginia Katz
Musik
Carter Burwell
Production Design
Mark Tildesley
Kostüme
Shay Cunliffe

Mit Benedict Cumberbatch, Daniel Brühl,
David Thewlis, Alicia Vikander,

Carice van Houten, Moritz Bleibtreu,
Laura Linney, Stanley Tucci,
Anthony Mackie
Verleih Constantin, 128 Minuten

www.thefifthestatemovie.com



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