Die Augen des Engels / The Face Of An Angel

Ein Regisseur und sein Alter Ego verzetteln sich auf der Suche nach der angeblichen Wahrheit.

 

Die Fakten klingen verdächtig bekannt: In einem italienischen Uni-Städtchen wird eine attraktive britische Austauschstudentin eines Nachts in ihrer Wohnung erst vergewaltigt, dann erstochen und  stranguliert. Kurz darauf wird die Mitbewohnerin des Opfers angeklagt, gemeinsam mit ihrem damaligen Freund den Mord begangen zu haben. Im Zuge des andauernden Gerichtsverfahrens macht sich der zerknirschte Regisseur Thomas Lang (Daniel Brühl) auf, um vor Ort die Journalistin Simone Ford (Kate Beckinsale) zu treffen, die ein Buch über das Verbrechen geschrieben hat. Denn das jahrelange Justizdrama um die wiederholt für schuldig befundene Amerikanerin Amanda Knox, auf das sich The Face of an Angel ganz bewusst bezieht (obwohl Namen und Orte geändert wurden), hatte von vornherein nicht nur die italienischen Ermittlungsbehörden, sondern vor allem die internationalen Medien beschäftigt.

Und offenbar auch den Filmemacher Michael Winterbottom, dessen nun vorliegender Film zum Fall genau an dem Tag in den britischen Kinos anlief, als sich die Nachricht vom endgültigen Freispruch der beiden Hauptangeklagten Knox und Raffaele Sollecito nach insgesamt drei kontroversen Prozessen wie ein Lauffeuer verbreitete. Umso bedauerlicher, dass The Face of an Angel trotz großer Ambitionen und bester Voraussetzungen an fatalen Schwächen in der Umsetzung leidet. Das Hauptproblem: Winterbottom verzettelt sich in allerlei halbseidenen Reflektionsversuchen, anstatt die mitunter durchaus brauchbaren Ansätze, Gedanken und Handlungsstränge zu einem stimmigen Ganzen zu verweben. Tatsächlich scheitert seine über-clevere Film-im-Film-Struktur ebenso grandios wie der verzweifelte Versuch seines Alter Egos Thomas, der sich in dem Kopf gesetzt hat, den Mordfall ausnahmsweise nicht als gradlinigen Krimi nachzudrehen, sondern in ein anspruchsvolles Drama über die Folgen des Verbrechens einzubetten, das den Fokus auf die Geschichte des Opfers legen und damit neue Perspektiven auf der Suche nach der angeblichen Wahrheit eröffnen solle.

Aber soweit kommt es nicht, denn Thomas ist viel zu sehr mit seiner aufkeimenden Midlife-Crisis beschäftigt, um auch nur Ansätze eines Drehbuchs zu Papier zu bringen. Stattdessen pendelt er rastlos zwischen Siena und London hin und her, schlägt sich die Nächte mit der aufgeweckten Studentin Melanie (Cara Delevingne) um die Ohren, schnupft ordentlich Kokain und verliert sich in immer wilderen Phantasien, die ihn schließlich in die Arme des vermeintlich „wahren“ Mörders führen. Leider hat man auf dem Weg dahin längst das Interesse und jegliche Engelsgeduld verloren.

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Drama, Großbritannien/Italien/Spanien 2014


Regie Michael Winterbottom
Drehbuch
Paul Viragh
Kamera
Hubert Taczanowski
Schnitt
Marc Richardson
Musik
Harry Escott
Production Design
Carly Reddin
Kostüm
Daniela Ciancio
Mit
Daniel Brühl, Kate Beckinsale,

Cara Delevingne, Genevieve Gaunt,
Ava Acres, Valerio Mastandrea,
Rosie Fellner, Peter Sullivan
Verleih
Filmladen, 100 Minuten



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