Kino von morgen

Nachdem er sich in den vergangenen Jahren mit einer Reihe von brillanten, hochintelligenten Dramen einen Namen gemacht hat, ist Denis Villeneuve mit „Arrival“ nun auch sicher im Science-Fiction-Genre angekommen. Ein Gespräch über Außerirdische, „Blade Runner 2“ und sein Leben in der Zukunft.

 

Science-Fiction war schon immer sein Ding, sagt Denis Villeneuve, sichtlich erschöpft von seiner derzeitigen Doppelrolle als Regisseur des Alien-Dramas Arrival und als Ridley Scotts Nachfolger bei Blade Runner 2, von dessen Dreharbeiten sich der gefragte Franko-Kanadier ausnahmsweise einen Tag frei genommen hat, um über Außerirdische, die Kraft der Sprache und Amy Adams beachtliche schauspielerische Leistung in seinem ersten Science-Fiction-Film überhaupt zu sprechen.

Ähnlich überzeugend wie Emily Blunts idealistische FBI-Agentin in Villeneuves packendem Drogen-Thriller Sicario (2015) spielt Adams die engagierte Sprachwissenschafterin Louise Banks, die vom US-Militär beauftragt wird, mit einer Gruppe von Aliens zu kommunizieren, nachdem diese ohne Vorwarnung an zwölf verschiedenen Orten auf der Welt gelandet sind und mit ihrem unerwarteten Besuch die Politiker und Geheimdienste der betroffenen Staaten in Atem halten. Aalglatt, schwarz und schalenförmig, gleichen ihre Raumschiffe allerdings eher neumodischen Kunstobjekten als Kriegsschiffen aus der Zukunft, und auch sonst deutet nichts darauf hin, dass die fremden Wesen auf Konfrontation oder gar Invasion aus sind. Im Gegenteil – so behutsam wie die Vehikel knapp über dem Erdboden schweben, scheint es vielmehr, als trauten sich die Besucher noch nicht ganz, tatsächlich mit den Menschen in Kontakt zu treten.

Entsprechend vorsichtig beginnt auch Louise ihre Mission der Verständigung – unter strengster Aufsicht des ranghöchsten US-Militärs, General Colonel Weber (Forest Whitaker), und unterstützt von dem theoretischen Physiker Dr. Ian Connelly (Jeremy Renner), mit dessen Hilfe es ihr schließlich gelingt, sich Schritt für Schritt den Aliens anzunähern und somit den Grund für deren Aufenthalt zu erfahren, der wiederum unweigerlich an Louises eigene Geschichte geknüpft ist. Mit einer gesunden Mischung aus Neugier, Eifer und Verletzlichkeit spielt Adams diese ehrgeizige Linguistin mit unerwartetem Weitblick. Unermüdlich versucht sie, jene höchst komplexen, kreisförmigen Schriftzeichen zu entziffern, mit denen die Außerirdischen, hinter einer dicken Glasscheibe geschützt und in dichten Nebel gehüllt, auf ihre Kommunikationsversuche reagieren. So ist sie eine der vielen Suchenden in Villeneuves Filmen. Dieser bemüht sich in Arrival gerade nicht darum, wie es in Hollywood sonst zumeist üblich ist, den Kontakt zwischen Gegenwart und Zukunft als reines Action-Spektakel auszuleuchten. Villeneuves erster Ausflug ins Sci-Fi-Kino ist vielmehr ein Film der Kontemplation, des Nachdenkens und der Poesie.

Von den eleganten, siebenbeinigen Kreaturen, die wie in der dem Film zugrunde liegenden Kurzgeschichte „Story of Your Life“ von Ted Chiangs als „Heptapods“ bezeichnet werden, bis hin zu den ausgetüftelten Sprachformen, mit denen sie kommunizieren: Die Genre- und Detailverliebtheit des Regisseurs manifestiert sich beinahe in jeder Einstellung und macht noch die scheinbar unbedeutendste Szene zu einem kleinen Ereignis. Zwar läuft, wer mit dem Aufeinandertreffen derart komplexer Kommunikations- und Denksysteme hantiert, naturgemäß Gefahr, sich mitunter in einer allzu fraktalen Erzählstruktur zu verheddern. Doch gehört es gerade zu den Feinheiten des Films, wie gekonnt sich Villeneuve immer wieder aus den eigens gelegten Schlingen zu befreien versteht, um am Ende dort anzukommen, wo er immer hinwollte: in der Zukunft. Anders als etwa Prisoners (2013) oder unlängst Sicario, ist Arrival kein ungestümer Genrefilm, sondern vielmehr eine über weite Strecken gelungene Versuchsanordnung über die Erfahrung der Fremdheit, in der Villeneuve auf bemerkenswerte, einfühlsame Weise das Bewusstsein einer höheren Spezies mit der Lebensgeschichte einer vom Schicksal geprüften Frau vereint.

Das gesamte Interview können Sie in der November-Ausgabe lesen.



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Text + Interview ~ Pamela Jahn


Arrival


Science-Fiction/Drama, USA 2016
Regie
Denis Villeneuve
Drehbuch
Eric Heisserer, basierend auf der Kurzgeschichte „Story of Your Life“ von Ted Chiang
Kamera
Bradford Young
Schnitt
Joe Walker
Musik
Jóhann Jóhannsson
Production Design
Patrice Vermette
Kostüm
Renée April
Mit
Amy Adams, Jeremy Renner,
Forest Whitaker, Michael Stuhlbarg,
Mark O’Brien, Tzi Ma, Abigail Pniowsky,
Sangita Patel, Joe Cobden

Verleih
Sony Pictures, 116 Minuten
Kinostart
25. November



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