Versionen von Erinnerung

Der in Mexiko lebende belgische Künstler Francis Alÿs in der Wiener Secession.

 

Es ist an sich mitnichten außergewöhnlich, dass in wärmeren Gegenden Eisblöcke zur Kühlung verderblicher Waren durch die Stadt transportiert werden. Ein alltäglicher Vorgang nachgerade. Doch was, wenn nichts anderes passiert? Sometimes Doing Something Leads to Nothing, so lauten gleichsam Untertitel wie Prämisse von Paradox of Praxis 1, einem Video von Francis Alÿs, 1997 in Mexico City aufgenommen. Fünf Minuten dauert der Film, der eine Handlung dokumentiert, die ganze neun Stunden gedauert hat. Zu Beginn schiebt ein Mann, der Künstler selbst, einen großen Eisblock durch die Straßen der mexikanischen Megacity. Allmählich schmilzt der Kubus in der Sonnenhitze, wird kleiner, irgendwann lässt er sich mit dem Fuß weiterkicken, bis schließlich nichts außer einer kleinen Pfütze übrig bleibt, die alsbald auf dem heißen Pflaster verschwindet. Mit letzter Konsequenz führt der Künstler zu Ende, was viele Menschen an mühseliger, scheinbar sinnloser Tätigkeit tagtäglich vollbringen.

Alÿs, 1959 in Antwerpen geboren und ursprünglich als Architekt ausgebildet, war 1986 für Wiederaufbaumaßnahmen nach einem Erdbeben nach Mexiko gekommen und ist als Künstler geblieben. „Als ich den Bereich der Architektur verließ, bestand mein erster Impuls nicht darin, der Stadt etwas hinzuzufügen, sondern dasjenige zu absorbieren, das bereits da war, mit den Rückständen zu arbeiten oder mit den negativen Löchern, den Zwischenräumen“, fasste Alÿs vor einigen Jahren in einem Interview seine Anfänge zusammen. Seine Werke entwickelten sich fortan aus Spaziergängen durch die Stadt. Diese finden ihren Niederschlag in Videos, Fotos, Zeichnungen, Gemälden, Notizen. Es sind prägnante Kurzgeschichten, die auf diese Weise erzählt werden, weniger Objekte, die entstehen.

Vieles im Werk des Spaziergängers sind über Jahre fortlaufende Projekte, verstehen sich womöglich als Sammlungen. Da wären die Kinderspiele, die seit 1999 weltweit dokumentiert werden, im urbanen Raum schlafende Menschen und Hunde, die ebenfalls seit 1999 unter „Sleepers“ zusammengefasst sind oder seit 1995 die „Semáforos“, Ampelmännchen, die in unterschiedlichster grafischer Gestaltung rund um den Globus das Zeichen zum Gehen geben. Eines der zentralen Werke allerdings bleibt in seiner Quantität stets gleich, obwohl es stetig dabei ist, sich zu verändern. Es wird in der Ausstellung in der Secession als laufendes, kommentiertes Band den Weg vorgeben, dem der Besucher folgt. Ebenso stellt das Künstlerbuch, das zur Ausstellung erscheint, einmal mehr den momentanen Zustand von „Le Temps du sommeil“ im Bild und in den entsprechend kommentierenden Texten dar.

Den vollständigen Text können Sie in unserer Printausgabe lesen.



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Francis Alÿs: Le Temps du sommeil
18. November 2016 bis 22. Jänner 2017,
Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr

www.secession.at



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