Mediale Selbstreflexionen

Zur 67. Berlinale: ein Blick auf die spannende Programmsektion „Forum“ und ein Gespräch mit dessen Leiter Christoph Terhechte.

 

Im „Internationalen Forum des jungen Films” geht es schon lange nicht mehr um das Aufführen von Erstlingswerken, sondern eher um ein mentales Jungbleiben – im Sinne einer neugierigen Experimentierfreude. Das Forum bietet Raum, um über Film als Medium zu reflektieren, in diesem Jahr in seiner 47. Ausgabe mit ca. 2.700 Einreichungen. Gängige Erzählmuster und Dramaturgien sind in dieser Sektion eher selten zu finden. Christoph Terhechte, seit mittlerweile 16 Jahren Leiter der Forums, formuliert es mit einem Hauch von Ironie so: „Man ist schon stolz auf die Filme, bei denen andere ganz und gar nicht verstehen, was das ist und was das soll.“ In Berlin gelänge es aber, genau dafür ein Publikum zu finden, und das sei einfach toll.

Geboren wurde das Forum in einer Zeit politischer und sozialer Umwälzungen. In Frankreich hatten schon 1968 Regisseure der Nouvelle Vague mit unter anderem Godard, Truffaut und Malle den Abbruch der Filmfestspiele in Cannes miterzwungen. Im selben Jahr gab es auch in Venedig Proteste von Pier Paolo Pasolini und weiteren Weggefährten. Es ging ihnen um Solidaritätsbekundungen mit Streikenden und um den einfachen Ausdruck des Protests gegen die Eliten. Die großen Festivals hatten damals wenig Sinn dafür oder waren nicht willens, diese Strömungen zu erkennen und deren Filme als kritische Perspektiven und Erweiterung mit ins Programm zu nehmen. Auch die 1950 als „Schaufenster zur freien Welt“ gegründete Berlinale nicht. Das Forum, ins Leben gerufen von den Freunden der deutschen Kinemathek sowie Erika und Ulrich Gregor, boten aber genau dafür einen Ort. 1970 kam es auf der Berlinale mit Michael Verhoevens Film O.K. zum Eklat, die Jury trat zurück, der Zoo-Palast wurde besetzt, Filmemacher zogen teilweise ihre Filme zurück, das Festival wurde letztlich abgebrochen, zum ersten und einzigen Mal. Zur Reorganisierung der Berlinale 1971 gehörte denn auch die endgültige Einbindung des Forums, bis 2001 unter der Leitung des Cineasten- und Kritikerpaares Gregor. Seither leitet Terhechte das Team und leistet die kuratorische Hauptarbeit. Auf die Frage, was sich seither geändert habe, meint er: „Sicherlich hat man andere Vorlieben, die sich aus der Zeit ergeben und vieles von dem, was die Gregors gezeigt haben, auch durchaus politische Filme, würde ich heute so nicht zeigen. Aber dafür eben andere. Es ist kein grundsätzlicher Unterschied.“

Ganz und gar im Geiste seiner aufständischen und politischen Geschichte steht eines der diesjährigen Hauptthemen: Filmarchiv und revolutionäre Gewalt. Wie gesagt, im Forum wird über das Medium selbst reflektiert. Eines der Werke im Spiegel filmarchivischer Arbeit und revolutionärer Gewalt ist Spell Reel von Filipa César. Entstanden ist es im Rahmen des Living-Archive-Projekts des Arsenal – Institut für Film und Videokunst. Das Projekt basiert auf der Grundidee, dass ein „Archiv nur im Bezug auf die Praxis der Gegenwart Bedeutung haben kann“. So setzen sich die Filme Césars, die in den vergangenen Jahren bereits mehrfach auch im Programm des Forum Expanded zu Gast waren, häufig mit dem afrikanischen Kino, dem Befreiungskrieg in Guinea-Bissau und den Herausforderungen mit Filmarchivalien auseinander. Ziel ist nicht in erster Linie das Erschaffen eines künstlerischen Werkes, sondern es geht um das Dokumentieren von Revolutionen und um die mühsame Rekonstruktion der zeitgenössischen Filmmaterialien, deren Großteil häufig verschwunden ist. Weitere Filme unter diesem Fokus: A Feeling Greater Than Love von Mary Jirmanus Saba oder Cuatreros von Albertina Carri. Film wird hier mehr denn je als historische Quelle erkannt und eingesetzt. Carris Eltern wurden beide während der argentinischen Militärdiktatur Ende der siebziger Jahre verschleppt. Die sehr persönlich erfahrene Gewalt und Unterdrückung verarbeitet sie in ihren Filmen, indem sie Archivmaterial mittels verschiedener dramaturgischer Mittel verbindet und damit beeindruckende und verstörende Dramen und Filmcollagen schafft.

Den vollständigen Text lesen Sie in unserer Printausgabe.



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