Ein Präsident am Hof von König Artus

Mit „Jackie“ und „Neruda“ beleuchtet Pablo Larraín das Spannungsfeld zwischen Mythos und Wahrheit.

 

Jo­hn Ford hat es bereits 1962 auf den Punkt gebracht: Als am Ende seines Klassikers The Man Who Shot Liberty Valance der von James Stewart gespielte Ransom Stoddard einen Zeitungsredakteur drängt, doch endlich nach vielen Jahren richtigzustellen, dass nicht er die Region von dem berüchtigten Banditen Valance befreit hat – die vermeintliche Heldentat begründete die politische Karriere von Stoddard, der mittlerweile ein hochgeachteter Senator ist –, sondern dem eben verstorbenen Rancher Tom Doniphon die Ehre gebührt. Doch der Journalist weigert sich überraschenderweise, die Geschichte neu und richtig zu schreiben, er begründet seine Entscheidung mit einem mittlerweile legendären Satz „When the legend becomes fact, print the legend!“ Es erscheint treffend, dass ausgerechnet diese Replik Filmgeschichte geschrieben hat, denn kaum jemand hat das Bild jener Epoche des Übergangs vom „Wilden Westen“ zum Amerika moderner Prägung im kollektiven Gedächtnis weltweit so mitgeprägt wie John Ford. Dass seine fiktionalisierten Darstellungen des „Frontier“-Mythos von der historischen Wahrheit abweichen, spielt mittlerweile selbst bei denen, die um diese Diskrepanz genau Bescheid wissen, nur mehr eine untergeordnete Rolle.

Nun wird man nicht bestreiten können, dass die Konstruktion des eigenen Bildes – der englische Begriff „image“ wird in seiner vielfältigen Bedeutung der Sache weitaus gerechter – und vor allem die mediale Verbreitung in all ihren gegenwärtigen Facetten zu einem entscheidenden Faktor im politischen Diskurs geworden ist, der Fragen über Wahrheit oder Inhalte in den Schatten stellt – samt allen damit verbundenen Widrigkeiten. Dass dies jedoch keineswegs ein neues Phänomen ist, macht Pablo Larraín anhand zweier biografischer Annäherungen deutlich.
Die dafür ausgewählten Protagonisten könnten zunächst nicht unterschiedlicher sein. Jacqueline Kennedy wurde als Präsidentengattin zunächst als modische Stilikone gefeiert, ehe sie nach der Ermordung von JFK auf tragische Weise die weltweiten Schlagzeilen dominieren sollte. Pablo Neruda, der für seine Lyrik mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, gilt als Symbolfigur der Linken von Lateinamerika bis Europa.

Larraín, der sich in seinem viel gelobten No! mit einer unkonventionellen politischen Kampagne, die in seiner chilenischen Heimat 1988 stattfand, auseinandergesetzt hatte, arbeitet sich klugerweise nicht im Rahmen eines konventionellen Biopics entlang vermeintlich maßgeblicher Stationen oder griffiger Anekdoten an den Lebensgeschichten seiner Protagonisten ab. Stattdessen konzentriert er sich sowohl in Jackie als auch in Neruda auf jeweils einen Schnittpunkt, um der Persönlichkeit hinter dem öffentlich wahrgenommenen Bild näherzukommen.

 

Die Tage danach

In Jackie fokussiert Larraín auf die Zeit unmittelbar nach der Ermordung John F. Kennedys am 22. November 1963. Zum Ausgangspunkt wird ein Interview, das Jacqueline Kennedy Theodore H. White, einem Reporter des Magazins „Life“, eine Woche nach dem Tod JFKs gab. Als dieser auf dem Familienlandsitz der Kennedys in Hyannis Port ankommt, erlebt er, der vor allem eine trauernde Witwe erwartet hat, gleich einmal eine Überraschung: Kaum hat Jackie (Natalie Portman) den Journalisten (Billy Crudup) an der Eingangstür begrüßt, beklagt sie sich darüber, dass einige politische Kommentatoren eine kritische, negative Bilanz der Präsidentschaft ihres Mannes gezogen hatten – in diesem Interview wolle sie dafür sorgen, dass John F. Kennedys Vermächtnis ins richtige Licht gerückt wird. Theodor White ahnt bereits, welche Richtung seine Geschichte nehmen wird und vor allem, wer diese bestimmt, als er Jackie nur noch bestätigend fragt: „So this will be your version of what happened?“

Das stetige Bemühen Jackie Kennedys, das eigene Bild – und damit ein gehöriges Stück weit auch das Bild JFKs – zu gestalten, wird zum zentralen Motiv von Jackie. Von der Interview-Situation ausgehend, rekonstruiert Larraín mittels Rückblenden nicht nur jene traumatischen Tage im Leben Jackie Kennedys von der Ermordung JFKs bis zu seinem Begräbnis, sondern auch prägende Momente, die sie im Lauf seiner Präsidentschaft erfahren hatte. Dieser Prozess der Erinnerung verläuft nicht als exakte, chronologisch ablaufende Rekapitulierung, sondern vielmehr so wie das menschliche Gedächtnis – im Fall von Jackie Kennedy noch dazu in einer extremen Stress-Situation – funktioniert: zeitlich weitgehend ungeordnet, manchmal nur bruchstückhaft, scheinbare Nebensächlichkeiten in den Vordergrund rückend. Es mag überraschen, dass die erste Rückblende und damit die erste Erinnerung sich nicht mit dem Attentat in Dallas befasst, sondern jenen Tag in den Mittelpunkt stellt, an dem Jackie ein Kamerateam des Senders CBS einige Monate nach JFKs Amtsantritt durch das Weiße Haus führt. Doch genau dieser Moment markiert in gewisser Weise den Versuch Jackies, nicht mehr nur Objekt der medialen Berichterstattung zu sein, sondern das eigene Bild – welche besondere Bedeutung sie dabei dem Fernsehen zumisst, wird sie Theodore White gleich zu Beginn ihres Gesprächs klargemacht haben – sehr zielgerichtet in Szene zu setzen. Die ersten Versuche dieser Selbstinszenierung wirken noch ein wenig ungelenk, Jackies Sekretärin und langjährige Vertraute Nancy Tuckerman (Greta Gerwig) muss wiederholt korrigierend eingreifen.

 

Den vollständigen Text lesen Sie in unserer Printausgabe.



Kein Kommentar vorhanden.



Jackie


Drama/Biopic, USA/Frankreich/Chile 2016
Regie Pablo Larraín
Drehbuch Noah Oppenheim
Kamera Stéphane Fontaine
Schnitt Sebastian Sepulveda
Musik Mika Levi
Production Design Jean Rabasse
Kostüm Madeline Fontaine
Mit Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, Billy Crudup, John Hurt, John Carroll Lynch, Max Casella, Caspar Phillipson
Verleih Tobis Film, 100 Minuten
Kinostart 27. Jänner

Neruda


Drama/Biopic, Chile/Spanien/Argentinien/Frankreich 2016
Regie Pablo Larraín
Drehbuch Guillermo Calderón
Kamera Sergio
Armstrong
Schnitt Hervé Schneid
Musik Federico Jusid
Production
Design Estefania Larraín
Kostüm Muriel Parra
Mit Luis Gnecco, Gael García Bernal, Mercedes Moràn, Alfredo Castro, Antonia Zegers, Pablo Derqui, Alejandro Goic, Jaime Vadell
Verleih Polyfilm, 107 Minuten
Kinostart 17. März



Tags


Social Bookmarks