Montana Stories

Mit „Certain Women“ hat Regisseurin Kelly Reichardt drei Kurzgeschichten von Maile Meloy zu einem bemerkenswerten Episodenfilm kompiliert. Und ist sich dabei trotz Starbesetzung als Filmautorin treu geblieben.

 

Es sind keine schönen Welten, die man in den Filmen von Kelly Reichardt zu sehen bekommt. Großstädtische Atmosphäre findet man in ihnen ebensowenig wie ländliche Idylle. Es sind vielmehr Orte, die man im Vorübergehen kennenlernt. Man betritt sie mit den Figuren, hält sich kurze Zeit an ihnen auf und nimmt sie als das wahr, was sie sind: Umgebung. Ein Umfeld für die Menschen, die dort wohnen, arbeiten oder gerade auf der Durchreise sind, was in den Filmen von Kelly Reichardt oft dasselbe bedeutet. Das heißt aber nicht, dass diese Orte ohne Wirkung blieben. Sie prägen die Erzählungen ebenso wie die Geschichten, die Reichardt ihren Figuren mit auf den Weg gibt. Denn von den Menschen und den Orten erzählen die Filme Reichardts bloß in Form von Ausschnitten, manchmal gar nur in Bruchstücken – in denen sich dennoch alles findet.

Certain Women ist in dieser Hinsicht der vorläufige Schlusspunkt dieser Entwicklung. Reichardt, die zum ersten Mal ohne ihren langjährigen Partner Jon Raymond alleine für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, verbindet in ihrem jüngsten Spielfilm drei Geschichten über Frauen aus Montana in einer bemerkenswert losen Form zu einem Episodenfilm, der gerade noch an wenigen Nahtstellen zusammengehalten wird. Bereits mit der ersten Erzählung ist man mittendrin, wird man als Zuschauer förmlich hineingeworfen in diesen Film: Die Anwältin Laura Wells (Laura Dern) geht in der Mittagspause mit einem Unbekannten ins Bett, der sich später als Ehemann einer anderen Protagonistin, der jüngeren Gina Lewis (Michelle Williams), herausstellt. So einfach ist das, und so unaufgeregt ist das inszeniert. Als Randnotiz im Alltag, keine Gefühle, keine große Sache. Ein Ausschnitt aus dem Leben einer schon etwas älteren Frau, die gerade versucht, die nötige Distanz zu einem Klienten aufrechtzuerhalten, dessen Arbeitsrechtsklage zum Scheitern verurteilt ist und der ihr deshalb seinen Selbstmord in Aussicht stellt. Doch wie etwas passiert, ist bei Reichardt ohnehin weniger wichtig, als was passiert. Wenn man zu Beginn der zweiten Geschichte das Ehepaar Lewis beobachtet, wie es sich gerade ein Haus bauen will, weiß man sofort, dass dieses Dach nicht auf festem Fundament errichtet sein wird.

„Both Ways Is the Only Way I Want It“ heißt der Erzählband der US-Autorin Maile Meloy, aus dem die Erzählungen in Certain Women stammen. Das ist nicht nur ein schöner, sondern auch ein passender Titel für die Arbeiten Reichardts, die stets von der Möglichkeit eines abweichenden Weges handeln. Das muss nicht unbedingt eine Abkürzung durch die Wüste sein, wie sie die Siedler in Meek’s Cutoff (2010) suchen, die sich einem fremden Trapper anvertraut haben und nun fürchten müssen, in Wahrheit vom Weg abgekommen zu sein, sondern auch ein solcher, der die Figuren zu sich selbst führt – auch wenn er, wie etwa für die Umweltterroristen in Night Moves (2013), fatal endet. Das ist ein wesentliches Charakteristikum von Reichardts Erzählungen, vielleicht noch vor den ästhetischen und formalen Besonderheiten: die Suche der Menschen nach einem Platz in einer Welt, die einen dazu anhält, immer nach einem Ausweg zu suchen. Nach einem neuen Lebensweg.

 

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Certain Women


Episodenfilm, USA 2016
Regie, Drehbuch Kelly Reichardt nach Kurzgeschichten von Maile Meloy
Kamera Christopher Blauvelt
Schnitt Kelly Reichardt
Ton Paul H. Maritsas
Production Design Anthony Gasparro
Kostüm April Napier
Mit Laura Dern, Michelle Williams, Kristen Stewart, Lily Gladstone, James LeGros, Jared Harris
Verleih Park Circus, 107 Minuten
Kinostart 3. März

 

 



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