Bad to the Bone

Bevor Ridley Scott mit „Alien: Covenant“ alle offenen Fragen zu beantworten versucht, ein kleiner Rückblick auf die Geschichte des furchterregendsten Monsters der Filmgeschichte.

 

Wiederholt war in jüngerer Vergangenheit die Rede von einer schweren kreativen Krise, die in Hollywood Einzug gehalten habe. Eine Diagnose, die sich zu einem nicht geringen Teil auf die Praxis bezieht, einmal erfolgreiche Filmstoffe in Form von Sequels, Prequels, Cross-overs oder Spin-offs weiterzuführen und so erprobte Inhalte schier endlos zu reproduzieren. Dass sich dabei Redundanzen und Einförmigkeit breit machen, ist eine fast zwingende Folge einer Produktionspolitik, die immer weniger Spielräume für Kreativität, Originalität und „Auteurship“ lässt. Doch wie so oft findet sich auch dabei eine Ausnahme, die den unseligen Regeln des Franchise-Systems erstaunlich erfolgreich zu trotzen versteht. Ein unheimliches Wesen aus einer fremden Welt, besser bekannt als „Alien“, hat sich mit seiner Filmreihe ein erstaunlich differenziertes Eigenleben bewahren können.

Ruft man sich Filme aus vergangenen Zeiten ins Gedächtnis, sollte man mit der Verteilung von Attributen wie „bahnbrechend“ oder „stilbildend“ besser vorsichtig umgehen, kann doch die Erinnerung – Werner Herzog erklärt dies höchst anschaulich in Mein liebster Feind, mit dem er auf seine schwierige Arbeitsbeziehung mit Klaus Kinski zurückblickt – oft reichlich verklärend wirken. Doch im Fall von Ridley Scotts Alien kann man auch nach erneutem Sichten unbesorgt zu jedweder Form von Superlativen greifen, hat doch der Spannungsklassiker fast vier Jahrzehnte nach seiner Premiere im Mai 1979 aber auch gar nichts an Qualität und Wirkung eingebüsst. Alien war aber auch in mehrfacher Hinsicht eine richtungsweisende Arbeit.

Grauen ad infinitum
Die Tagline „In space no one can hear you scream“, die es allein schon zum oft zitierten Klassiker gebracht hat, nimmt geradezu programmatisch die ungewöhnliche Ausrichtung vorweg. Denn ungeachtet des futuristischen Settings erweist sich der Plot um die Besatzung des Raumfrachters „Nostromo“, die bei einem Abstecher auf einen unbekannten Planeten einen fremdartigen Organismus an Bord bringt, der sich bald als äußerst feindselige Spezies herausstellen soll, keineswegs als Science-Fiction nach gängigen Mustern, sondern als Horrorthriller, der die klaustrophobische Abgeschlossenheit eines Raumschiffs nutzt, um Hochspannung und Schrecken zu generieren, die immer noch ihresgleichen suchen. Ein zunächst durchaus gewagter dramaturgischer Ansatz, ruft man sich den Zeitgeist in Erinnerung.

Plots von Sci-Fi-Filmen, die irgendwo im All angesiedelt sind, tendieren traditionell dazu, eine ebenso phantastische wie zumeist perfekt funktionierende Technik zu präsentieren und zumindest dahingehend ein positives Bild der Zukunft mit all ihren Möglichkeiten zu zeichnen. Ein Trend, der Ende der sechziger Jahre durch die TV-Serie Star Trek und noch viel mehr durch George Lucas’ Star Wars (1977) erheblich verstärkt wurde. Im Gegensatz dazu ist das Raumschiff in Alien ein ziemlich altes, abgenütztes Gefährt, das wenig futuristischen Glamour versprüht. Regisseur Ridley Scott, der sich bis dahin vor allem mit Werbefilmen einen Namen gemacht hatte und vor Alien nur einen Spielfilm – das originell-extravagante Historiendrama The Duelists – in Szene gesetzt hatte, kreierte mit seinem Kameramann Derek Vanlint ein betont dunkles, düsteres Szenario, das allein auf der visuellen Ebene einen starken Kontrast zu den im Sci-Fi-Genre vorherrschenden Bildern lieferte. Dazu passte, dass die Protagonisten von Alien, die sieben Besatzungsmitglieder der „Nostromo“, keine flamboyanten Helden sind, sondern vielmehr so etwas wie Fernfahrer der Zukunft repräsentieren. Sie sind eher Durchschnittstypen, die von der Bedrohung durch eine fremdartige Spezies überfordert sind und vornehmlich improvisierend – selbst die Waffen, recht altmodische Flammenwerfer, müssen sie erst zusammenbasteln – reagieren, was jedoch die psychologische Glaubwürdigkeit ungemein verstärkt. Zudem – auch hier erwies sich Alien durchaus als Vorreiter – ist die stärkste Figur, die schlussendlich die einzige Überlebende bleibt, mit Ellen Ripley eine Frau, was im Kino der siebziger Jahre eine ziemliche Ausnahme war. Sigourney Weavers Zeichnung ihrer Figur zwischen Sensibilität – unvergessen bleibt die Szene, in der sie sich in höchste Gefahr begibt, um das Schiffsmaskottchen, einen Kater, mit in die Rettungskapsel zu nehmen – und Durchsetzungskraft erwies sich ebenso trefflich für die Inszenierung wie auch als vorbildhaft für die zukünftige Gestaltung weiblicher Hauptrollen.

Das Grundmuster von Alien folgt jedoch bewährten Genretraditionen: Eine unerwartet auftretende Bedrohung bricht über eine Gruppe reichlich unterschiedlicher Charaktere herein, die sich zusammenraufen müssen, um der lebensbedrohenden Situation entgegenzutreten. Entlang dieser ebenso einfachen wie effektiven dramaturgischen Struktur gelang es Ridley Scott, eine furiose Symbiose aus Schockeffekten, unerwarteten Wendungen und jener Form von Grauen, die nur angedeutet wird und sich primär aus der Imagination des Zuschauers entwickelt, in Szene zu setzen, die Alien seinen legendären Status eingetragen hat.

Als bester Beweis dafür mag gelten, dass einige Szenen geradezu als ikonografische Momente in der Geschichte des (Spannungs)-Kinos gelten, wie etwa die Sequenz, als das kleine Alien aus der Brust des von John Hurt gespielten Kane herausbricht, oder die bereits angesprochene Katzenrettung. Und nicht zuletzt das Alien selbst, kreiert vom schweizerischen Künstler H.R. Giger, das mittlerweile zu einer festen popkulturellen Größe mutiert ist – und kurioserweise in Ridley Scotts Inszenierung kaum vollständig zu sehen ist und bevorzugt nur schemenhaft präsentiert wird.

Neben seiner linearen Struktur, die sich übrigens durch alle vier Alien-Filme zieht, finden sich aber schon in Ridley Scotts Alien auch Motive, die weit zurückliegende mythologische und kulturgeschichtliche Wurzeln haben. Das beginnt mit dem Namen des Raumschiffs – „Nostromo“ ist der Titel eines Romans von Joseph Conrad – und reicht bis zu dem Alien selbst, das einem der alptraumhaften Bilder von Hieronymus Bosch entsprungen sein könnte. Zudem repräsentiert Alien auch so etwas wie die in theologischer und philosophischer Hinsicht oft diskutierte Existenz des absolut Bösen in seiner reinen Form, wie Ash (Ian Holm) das der geschockten Ripley anschaulich erklärt: „You still don’t understand what you’re dealing with, do you? Perfect organism. Its structural perfection is matched only by its hostility ... A survivor ... unclouded by conscience, remorse, or delusions of morality.“

Dass es zudem zumindest im ersten Film als nicht vernichtbar angesehen wird, macht es nicht nur erschreckender, sondern auch zu einer furchterregenden Form  des Traums vom ewigen Leben. Im Gegensatz zu manch anderen Produktionen bleiben solche Motive in der Alien-Reihe jedoch soweit im Hintergrund, dass sie die narrative Struktur nicht überfrachten.

Den vollständigen Text lesen Sie in unserer Printausgabe.

 

 



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Alien: Covenant


Science Fiction/Thriller, USA 2017
Regie Ridley Scott
Drehbuch John Logan, Dante Harper 
Kamera Dariusz Wolski 
Schnitt Pietro Scalia
Musik Jed Kurzel 
Production Design Chris Seagers
Kostüm Janty Yates
Mit Katherine Waterston, Michael Fassbender,
Billy Crudup, Danny McBride, Demián Bichir,
Callie Hernandez, Carmen Ejogo, Nathaniel Dean
Verleih Twentieth Century Fox, 122 Minuten
Kinostart 18. Mai

 

 



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