Cinephilie, Technokratie, Utopie

Die Zukunft des Kinematografischen als Potenzial des Vergangenen in Michael Palms verdienstvollem Dokumentarfilm „Cinema Futures“.

 

„We have freed the archive from the physical chains of celluloid. We have now raised it to a level of abstraction which is higher.“ Diese Worte stammen von Michael Friend, Filmarchivar bei Sony Pictures, und sind Teil von Regisseur Michael Palms neuem – digital gedrehtem – Film Cinema Futuresüber die Gegenwart und Zukunft des Kinos. Besser gesagt über die Zukünfte des Kinos. Plural. Denn Palm selbst sagt, dass ihn bei dem Vorhaben vor allem eine Fragerichtung weitergebracht hatte: „Wovon träumen die Menschen? Wovon träumen die Technokraten? Was sind Dinge, die als Zukunft imaginiert werden?“ Es geht um den futuristischen Gedanken, der schon bei Vertov anklang, dass nämlich das Immaterielle – das Kinematografische als Byte – überall gleichzeitig zugänglich ist. Palm: „Diese Ko-Präsenz von Vergangenheit und Zukunft hat mich am meisten interessiert. Die Zukunft als Potenzial des Vergangenen zu definieren und als Potenzial des Archivs. Es geht um technophilosophische Ansätze, weil es ja natürlich um die ganzen Fragen der Bewahrung geht, um die der Restaurierung und die politischen Fragen des Kuratierens und Kanonisierens.“

Cinema Futures ist ein Essayfilm. Er versucht nicht den allumfassenden Rundumschlag zur Umbruchsituation von der analogen zur digitalen Zeit des Kinos. Denn geht es nur um den technologischen Fortschritt? Sicher nicht. Palm versteht Film und Kino als Kulturtechnik, die es zu bewahren gilt und an der so viel mehr hängt als Digitalität. Die Herausforderungen liegen vor allem in den Archiven. Ihnen kommt die Aufgabe zu, Wege und Mittel zu finden, unser audiovisuelles Gedächtnis zu bewahren. Das heißt nicht nur, dass Filme katalogisiert und in Regale verstaut werden; Filme entfalten ihre Wirkung darin, gesehen zu werden. Dieser Gedanke gehört auch zum filmischen Ausstellungskonzept des Österreichischen Filmmuseums, von dessen Noch-Direktor Alexander Horwath auch die Anregung zum Film kam. Es geht um Pflege, auch, aber eben nicht ausschließlich, um Digitalisierung, um das Sichtbarmachen, um die Art der Sicherung, um Medien und ihre Nachhaltigkeit, um die alles entscheidenden Fragen: Was ist es wert, für die Zukunft bewahrt zu werden? Welchen Filmen versetzt man mit der Antwort auf diese Frage zugleich den Todesstoß? Wer entscheidet?

Es ist ein weites, komplexes Feld, das Palm hier aufgetan hat. Bislang gab es nur punktuell Filme, die sich damit befasst haben, so Side By Side (2012) von Christopher Kenneally, der aber stark aus einer Filmemacher-Perspektive an die Sache herangeht. Fragen, die das Medium an sich oder auch die Infrastruktur betreffen, fehlen. Das Jahr 2012 motivierte Palm weiter: Sein voriger Film Low Definition Control – Malfunctions #0 war auf Super-8 gedreht und eine der letzten 35mm-Kopien, die in Österrreich auf Film gespult wurde. Fuji beendete die Herstellung der Rohfilmproduktion, und Kodak stand vor dem Ruin, musste sich von rund 50.000 Arbeitern trennen. Letzteres wird im Film bitter-ironisch mit Szenen aus La Sortie de l’Usine Lumière à Lyon von Louis Lumière von 1895 illustriert. Gerade jetzt über Film, Kino und deren Zukunft zu arbeiten, war erschreckend notwendig.

Zu Wort kommen Filmvorführer, -historiker, -wissenschafter, Restaurateure, Mitarbeiter von Kopierwerken, Archivare, Fachleute wie David Bordwell, Martin Scorsese, Paolo Usai, Tacita Dean, Christopher Nolan, Tom Gunning und Milt Shefter. Ein Potpourri an Menschen, Hintergründen, Arbeitsweisen, Ideen und Wünschen. Und das soll nicht alles sein. Palm plant ein – noch nicht finanziertes – Webprojekt: Mit Gesprächen u.a. mit Heide Schlüpmann und Rick Prelinger, wissenschaftlichen Texten rund um das Thema, Links, usw.: „Das Projekt ist ein Kompendium, das über den Film hinausgeht und vielleicht die Diskussion noch anschieben kann.“

 

Den vollständigen Text lesen Sie in unserer Printausgabe.

 



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Cinema Futures


Dokumentarfilm, Österreich 2016
Regie, Buch, Schnitt, Musik Michael Palm
Kamera Joerg Burger
Ton Hjalti Bager-Jonathansson, Georg Misch
Mit Martin Scorsese, Christopher Nolan, Tacita Dean, Apichatpong Weerasethakul, David Bordwell, Tom Gunning, Jacques Rancière, Margaret Bodde, Paolo Cherchi Usai, Nicole Brenez, Michael Friend,
Greg Lukow, Mike Mashon u.v.a.
Verleih Mischief Films, 126 Minuten
Kinostart 28. April

Das Filmprojekt wurde vom Österreichischen Filmmuseum anlässlich seines 50-Jahre-Jubiläums im Jahr 2014 initiiert.


 



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