Wovon Androiden träumen

1968, 1982, 1992, 2007, 2017, 2019, 2021, 2049. Anlässlich der im Oktober startenden Neuauflage: ein Rückblick auf die Geschichte von „Blade Runner“.

 

Mitte der neunziger Jahre war ein guter Zeitraum, das erste Mal in seinem Leben Blade Runner (1982) im Kino zu sehen. Jenen ikonografisch gewordenen Film, der am US-Box-Office zunächst keine Chance gehabt hatte gegen Feelgood-Science-Fiction à la E.T. oder das berühmte, vergleichsweise infantile Sternenkriegsmärchen, von dem er sich quasi den Hauptdarsteller geliehen hatte. Die meisten Kritiker hatten den Film unterschätzt, zumindest anfangs, doch junge Filmgeeks verliebten sich reihenweise in ihn. Schließlich erlangte Blade Runner mit Hilfe einer eingefleischten Fangemeinde als „langsamer Brüter“ auf dem blühenden Heimvideomarkt der achtziger Jahre Kultstatus. 1992 lief er dann noch einmal in Form eines (so genannten, jedoch nicht persönlich von Ridley Scott verantworteten) Director’s Cut an. Das hieß, man konnte Blade Runner nun ohne die überflüssig erklärende, uninspiriert eingesprochene und am Ende regelrecht aus dem emotionalen Filmerleben herausreißende Voice-Over von Harrison Fords Rick Deckard sehen. Jene wurde genauso gekübelt wie das Hollywood-Kitsch-Ende der ersten Verleihfassungen, welches wie aus einem anderen Film schien (und tatsächlich zum Teil war, nämlich aus nicht verwendetem, aus dem Hubschrauber gefilmten Material für Stanley Kubricks The Shining). Dafür kam eine kleine Szene hinzu, in der Deckard von einem galoppierenden Einhorn im Wald tagträumt – was den Replikantenjäger in Verbindung mit dem von seinem Kollegen Gaff (Edward James Olmos) gefalteten Einhorn-Origami selbst als potenziellen Spezial-Replikanten in Diskussion brachte.

Ein weiterer Vorteil, Blade Runner zum ersten Mal vor der Jahrtausendwende gesehen zu haben, liegt im technischen Fortschritt. Es war einer der letzten (und besten) großen Zukunftsfilme, die im Wortsinn „gedreht“, nämlich mit analogem Filmmaterial, Miniaturmodellen und handwerklich ungeheuer aufwändigen visuellen Effekten hergestellt worden waren. Es war eine Zeit, als es in der Cinematografie noch nicht um Pixel, sondern um Fotochemie ging und das Material entsprechend begrenzt war. Als bei großen Filmproduktionen nicht Heerscharen anonymer, höchst spezialisierter Computer-Ameisen gezielt an jeweils winzigen Effekt-Fragmenten herumfummelten, sondern überschaubare Teams von Tricktechnikern und Effektbastlern (in diesem Fall unter der Ägide von Douglas Trumbull) oft noch während des Drehs am Set im Trial-and-Error-Stil ihre Ideen einbrachten, die dann vom Regisseur abgenommen wurden oder eben nicht. Alle visuellen Effekte von Blade Runner waren „In-camera“, wie man computerlos hergestellte Filmeffekte heute nennt, und mussten ohne Backup und digitale Nachbearbeitung funktionieren. Auch zehn Jahre später, als der Director’s Cut erschien, war das Zeitalter der totalen Digitalität noch nicht angebrochen – und das war vermutlich entscheidend für den „Sense of Wonder“, den der Film bei damaligen Zusehern zu evozieren geeignet war. An Sci-Fi interessierte Kinobesucher waren eben noch nicht übersättigt von den allgegenwärtigen Computer Generated Images (CGI), welche das digitale Spektakelkino heute dominieren.

 

Von elektrischen Schafen?
Was für ein magisches Kinoerlebnis. Diese düstere dystopische Welt, von der man da eingehüllt wurde. Die Rauchschwaden, der Regen, die permanente industrielle Dunkelheit, das Neonlicht, das Flackern weiß der Teufel woher stammender Lichtquellen. Die merkwürdige Retro-Architektur mit ihren barocken Motiven, Rastern und Gitter-Elementen, dazwischen die schwirrenden bunten Lichtkegel der Polizeiflugautos, die riesig erscheinenden Werbetafeln. Eine Fülle haptischer Details, Displays, geriffelte Flächen, Faltfiguren, mysteriöse Apparaturen, Fotos. Die auf den Kopf gestellten Säulen im hinterleuchteten Chefbüro der Tyrell-Corporation. Der faszinierende 3D-Scanner Deckards (wäre er echt gewesen, heute ein Fall fürs Technische Museum), die klaustrophobische Enge seines überladenen Apartments und überhaupt der ganzen überbevölkerten, streng überwachten Arrival City. Im Verein mit der hypnotisch-messianischen Musik aus Vangelis’ Synthesizer war all das geeignet, einen vollständig in Bann zu halten. Und dann diese erratischen Menschmaschinen, die um ihre Existenz kämpfen: Leon (Brion James), der Working Class Hero unter den Replikanten, dem Deckards Kollege beim Verhör nicht mit dessen Mutter hätte kommen sollen. Joanna Cassidy (und deutlich sichtbar vor dem digital überarbeiteten Final Cut 2007: ihr Stunt-Double) als halbnackte Schlangentänzerin auf der Flucht durch gefühlt ein halbes Dutzend Schaufensterscheiben. Daryl Hannah als Nosferatu-überschminkte Bodenturnerin mit Putzwedelperücke. Und natürlich Rutger Hauer, als exzentrischer Nexus-6-Spitzen-Android Roy Batty in der Rolle seines Lebens. „All those moments will be lost, in time, like tears in rain. Time to die“, Battys berühmte letzte Worte hatte Hauer angeblich selbst gedichtet.

In insgesamt acht Versionen kursierte Blade Runner seit seiner Entstehung vor 35 Jahren. „A weird and haunting blend of neon future and Art-Deco past“, schrieb ein Kritiker zur Premiere, hatte jedoch keine Ahnung, die stilprägendste Stadtmaschine seit Metropolis gesehen zu haben – ein Zitat des berühmten totalüberwachenden Auges aus George Orwells „1984“ selbstbewusst vorangestellt. Die entbehrungs- und anekdotenreiche Produktionsgeschichte von Blade Runner hier aufzurollen, hieße für viele wohl Eulen nach Athen zu tragen. Zur Erinnerung nur ein paar Stichwörter: zu wenig Geld, kränkelnde Studios, drohende Stehzeiten, schwindlige Verträge, „Han Solo“ Harrison statt Dustin Hoffman, David Peoples als Drehbuchdoktor der ohnehin schon zehn Versionen von Hampton Fancher, ein kleiner Studiostraßenzug, Bradbury Building und Union Station als einzige Drehorte, Dreinreden nervöser Financiers. Dazu mit Ridley Scott ein sturer britischer Regisseur, der mit Alien einen Riesenerfolg gelandet hatte und sich zugleich als Produktionsdesigner und Bildgestalter sah, ein an Parkinson erkrankender Kameramann (Jordan Cronenweth), viel Improvisation, Chaos, Angst vor einem kommerziellen Misserfolg. Wer sich die Entstehung ausführlich ins Bewusstsein heben möchte: „The Making of Blade Runner“, satte dreieinhalb Stunden lang, neben drei Audiokommentaren z.B. als Bonus auf der Final-Cut-Edition.


Den vollständigen Text lesen Sie in unserer Printausgabe.



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BLADE RUNNER 2049


Science-Fiction, USA 2017
Regie Denis Villeneuve
Drehbuch Hampton Fancher, Michael Green, basierend auf Charakteren aus dem Roman „Do Androids Dream of Electric Sheep“ von Philip K. Dick
Kamera Roger Deakins
Schnitt Joe Walker
Musik Jóhan Jóhannsson, Benjamin Wallfisch, Hans Zimmer
Production Design Dennis Gassner
Kostüm Renée April
Mit Harrison Ford, Ryan Gosling, Ana de Armas, Jared Leto, Robin Wright, Dave Bautista, Sylvia Hoeks, Elarica Johnson, Edward James Olmos
Verleih Sony Pictures, 150 Minuten
Kinostart 6. Oktober

 



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