Abschiede

Das herbstliche Filmfestival Viennale glänzt mit einer schönen Auswahl an Spiel- und Dokumentarfilmen. Und ehrt das Andenken Hans Hurchs.

 

Von einer besonderen Ausgabe der Viennale zu sprechen, ist heuer sicherlich ambivalent – zum einen gibt es wirklich schöne Filme zu entdecken, zum anderen schwebt ohne Frage der unerwartete Tod des prägenden Direktors Hans Hurch, der den Großteil des Programms noch selbst gestaltete, über dem Filmfestival. So lässt die Viennale 2017 eine melancholisch grundierte Feier des Weltkinos erwarten – und eine Hommage an den im Juli Verschiedenen (dessen übrigens auch im diesjährigen Viennale-Trailer von Abel Ferrara gedacht wird): Das interimis-tisch von Franz Schwartz geleitete Festival erweist Hans Hurch mit einem aus 14 Filmen bestehenden Programm Reverenz. In diesem posthumen Tribute finden sich etwa Robert Bressons Au hasard Balthazar (ausgewählt von Schauspielerin Tilda Swinton) oder Wong Kar-Wais In the Mood for Love, den Kameramann Ed Lachman ausgesucht hat. Womit hätte man Hurch auch mehr Freude machen können als mit Perlen der Filmgeschichte?

 

Von Grant bis Rotten

Was das Hauptprogramm betrifft, so gestaltet sich fast schon traditionsgemäß die Dokumentarfilm-Sektion als besonders spannend. Bereits in Cannes zu sehen war Mark Kidels Becoming Cary Grant (Frankreich 2017): Der Dokumentarfilm über den Schauspieler, der als Inbegriff von Stil und Eleganz galt, interessiert sich dem Titel nach für die Genese der Legende. Tatsächlich erfährt man einiges über den Werdegang des als Archie Leach in ärmlichen Verhältnissen in Südengland geborenen Mannes, der nach Anfängen beim Varieté zu einem der größten Stars Hollywoods wurde, mit Regisseuren wie Hawks und Hitchcock arbeitete und sowohl als Charmeur, Komödiant, aber gelegentlich auch als abgründiger Charakter überzeugte. Im Zentrum steht allerdings eine Psychotherapie, der sich Grant angesichts einer existenziellen Krise Ende der fünfziger Jahre unterzog – denn bei all dem Erfolg, der ihm zuteil wurde, schien er innerlich von Dämonen gequält. Als Stütze für diese Vermutung dienen dem Film dabei Auszüge aus den unveröffentlichten Memoiren Grants, einfühlsam gelesen von Jonathan Pryce: „You spend your time becoming a big Hollywood actor. And then what? All my life, I have been searching for peace of mind.“ Mithilfe von LSD, das damals noch ein legales Medikament war, wurde der Schauspieler dabei in seine schwierige Kindheit und Jugend versetzt, wo es früh zu Identitätsproblemen kam: Seine Eltern – besonders die Mutter – hätten ihm einerseits Manieren beigebracht und ihn auf Gentleman getrimmt, allerdings habe er auch so lange feminine Kleidung tragen müssen, dass er sich manchmal für ein Mädchen hielt. Seine Mutter verschwand plötzlich, der Vater gründete in einer anderen Stadt eine neue Familie. Jahrzehnte später fand Grant heraus, dass sein Vater die Mutter in eine Irrenanstalt verfrachtet hatte. Der Film fasziniert mit privatem, von Grant angefertigtem Filmmaterial und Ausschnitten aus zahlreichen Klassikern (wobei es manchmal zu etwas offensichtlichen Illustrationen kommt, wenn etwa die Frauenskepsis Grants mit Marlene Dietrich im Affenkostüm unterlegt wird), dazu steuert Filmkritiker David Thomson interessantes Wissen über Filme und Karriere bei. Manche angerissenen Aspekte bleiben eher vage – war Grant bi, schwul oder sich selbst nicht sicher? –, aber vielleicht ist das bei einer Ikone mit einer derartig überlebensgroßen Aura, wie Grant sie hatte, nicht anders möglich. Denn die Fassade, die Grant für sich errichtete, mag auch für ihn selbst undurchdringlich gewesen sein, wie ein Zitat unterstreicht, das seine gute Freundin Judy Balaban ins Feld führt: „Everybody wants to be Cary Grant. Even I want to be Cary Grant.“ Ein Dokumentarfilm, der zwar Lücken hat, aber die komplexe Persönlichkeit des Schauspielers doch erahnen lässt – und nicht zuletzt Lust auf einen Grant-Marathon und ein paar Cocktails macht.

 

Wenn einem Grant schon die Brücke zu Hitchcock und „mommy issues“ baut, sollte man sich Alexandre O. Philippes 78/52 nicht entgehen lassen: In Hitchcocks Psycho (1960) findet sich mit der Duschszene – 52 Einstellungen in 78 Sekunden – eine der berühmtesten Sequenzen der Filmgeschichte, die nicht zuletzt für den Horrorfilm bahnbrechend war. Philippe widmet sich dieser Urszene – und das Resultat ist in keiner
Sekunde langweilig. Unterstützt von stilecht in Schwarzweiß gehaltenen, in Bates-Motel-Kulissen angesiedelten Interviews mit Filmemachern und Hitchcock-Fans wie Guillermo del Toro oder Peter Bogdanovich, nähert sich der Film der Duschszene aus unterschiedlichen Blickwinkeln an. Der filmhistorische und soziokulturelle Kontext, in dem Psycho entstand, wird dabei ebenso diskutiert wie die Auswirkungen des Films, der den bis dahin bestehenden Pakt zwischen Publikum und Filmemacher dahingehend unterminierte, als er die Hauptdarstellerin nach einer halben Stunde qualvoll sterben ließ. Nicht zuletzt macht es Spaß, den begeisterten Hitchcock-Fans dabei zuzusehen, wie sie vom Genie des Meisters schwärmen. Wie viel Aufwand auf allen Ebenen in diese Szene einfloss – der Dreh dauerte eine Woche – ringt einem auch heute noch Respekt ab. Wie formuliert es ein Horror-Regisseur an einer Stelle? „Heute hat man Glück, wenn man für eine Mordszene einen Tag Zeit hat.“

 

Den vollständigen Text lesen Sie in unserer Printausgabe.

 



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