Wir töten Stella

Julian Pölslers zweite Marlen-Haushofer-Verfilmung: leider nicht so geglückt wie „Die Wand“

 

Vor fünf Jahren war die Überraschung groß. Der sonst eher vom Fernsehen bekannte Julian Pölsler brachte den als unverfilmbar geltenden Roman „Die Wand“ ins Kino und übersetzte dabei die glasklare Prosa der österreichischen Dichterin Marlen Haushofer in ebenso glasklare wie vieldeutige Bilder. Mit seiner zweiten Haushofer-Verfilmung will Pölsler unübersehbar an diesen Erfolg anschließen: dieselbe Hauptdarstellerin (Martina Gedeck), die gleiche Off-Kommentar-Dramaturgie und eine kurze Traumsequenz zitiert die von einer unsichtbaren Wand eingeschlossene Frauenfigur gewissermaßen wörtlich.

Dennoch erweist sich die jetzige Arbeit als problematisch. Das zwiespältige Resümee führt zurück zur literarischen Vorlage. Haushofers an die 50 Seiten umfassende Novelle „Wir töten Stella“ ist ein Kind ihrer Zeit, der späten fünfziger Jahre. Die Ich-Erzählerin, eine vierzigjährige Anwaltsgattin, berichtet darin vom zunächst vagen, später konkreten Verdacht, ihr Mann, ein glatter Erfolgstyp, könnte sie mit der 19-jährigen Stella betrogen haben, die über die Bitte einer Jugendfreundin vorübergehend den gemeinsamen Haushalt teilt. Nach einer Abtreibung fällt Stella einem Autounfall zum Opfer, den die Erzählerin, wohl zu Recht, als getarnten Selbstmord deutet.

Haushofers Studie über Verdrängung und Selbstanklage, über die Kluft zwischen scheinbar heilem Familienglück und den mörderischen Tragödien hinter der Fassade lässt sich nicht so leicht aus ihrer Entstehungszeit lösen – zu eng ist sie an die verschwitzte, verschwiemelte Atmosphäre der österreichischen Nachkriegsjahre gebunden. Pölsler behauptet zwar im Presseheft, sein Film spiele „in einer unkonkreten Zeit (…), irgendwo zwischen Schreibmaschine und Handyvideo“, doch das lässt sich durch die eleganten Bilder dieser Leinwand-Version nur bedingt belegen. In Wahrheit sieht Pölslers Film ziemlich gegenwärtig aus, in seinem schicken Upper-Class-Milieu wäre ein Seitensprung vielleicht Anlass für einen spitzzüngigen Ehekrach, aber wohl nicht für den unter den Teppich gekehrten Selbstmord einer jungen Erwachsenen.

An diesem Dilemma krankt der Film, der sonst durchaus seine Qualitäten besitzt. Martina Gedeck agiert auch hier wieder konzentriert und zurückgenommen, Matthias Brandt und Mala Emde sind als verschwiegenes Paar typengerecht besetzt, und die Kameraarbeit vermittelt die angemessen eisige Atmosphäre. Pölsler will seine Haushofer-Verfilmungen zu einer Trilogie ausbauen; erst dann wird man das Gesamtprojekt endgültig zu beurteilen haben.

 



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Literaturverfilmung, Österreich 2017


Regie Julian Roman Pölsler
Drehbuch Julian Roman Pölsler nach
der Erzählung von Marlen Haushofer
Kamera Walter Kindler,
JRP Artman
Schnitt Bettina Mazzakarini
Szenenbild Enid Löser 
Kostüm Ingrid Leibezeder
Mit Martina Gedeck, Matthias Brandt, Mala Emde, Julius Hagg, Alana Bierleutgeb
Verleih Thimfilm, 98 Minuten
Kinostart 29. September

 

 



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