Family Hugs statt Handshakes

Mit der 16. Ausgabe der Berlinale Talents, ein Arbeits- und Networking-Forum für 250 talentierte Filmschaffende aus aller Welt, hat sich die Rubrik endgültig als vielleicht wichtigste und größte, doch häufig übersehene Initiative der Internationalen Filmfestspiele Berlin etabliert.

 

Bei uns gibt es keine ‚secret handshakes‘, sondern ‚family hugs‘“, so Programmleiter Florian Weghorn über die Berlinale Talents. Er leitet seit 2014 deren Programm und ist zusammen mit der langjährigen Projektleiterin Christine Tröstrum hauptverantwortlich für die Gesamtorganisation der Berlinale Talents. Die Reihe darf gewissermaßen als positives Erbe der Ära Dieter Kosslick gesehen werden. Die Talents setzen Akzente in zwei Richtungen: inhaltlich für die Talente als professionelle Arbeits- und Netzwerkplattform mit Gleichgesinnten und öffentlich quasi als Kaderschmiede bzw. als Event, bei denen das Publikum des „größten Publikumsfestivals der Welt“ das Gefühl haben darf, an ganz konkreten Projekten teilzuhaben und auch hin und wieder ein wenig persönlicher mit Filmprominenz in Kontakt zu kommen. Hier verbinden sich praktisches „hands-on learning“ mit professionellem Networking. Seit Beginn liegt ein Grundpfeiler der Talents im Verständnis von Film als interdisziplinäres Miteinander. Heute eine Selbstverständlichkeit, „war es vor 16 Jahren noch keineswegs üblich, verschiedenste Gewerke – außer den Bereichen Regie und Produktion – zusammenzubringen“, so Weghorn. Es solle darum gehen, sich auf Augenhöhe zu begegnen, erläutert er. Die ursprünglich 500 Frauen und Männer – heute ist die Zahl auf jährlich 250 begrenzt – sollen sich hier folgerichtig in non-elitärer, familiärer Umgebung vernetzen.

Jede/r Filmschaffende aus zwölf Gewerken – Drehbuch, Kamera, Regie, Produktion, Schauspiel, Montage, Produktionsdesign, Weltvertrieb und Verleih, Filmmusik, Sounddesign, Filmkritik –, die/der sich in den ersten zehn Jahren der Arbeit befindet und mindestens zwei Kurzfilme auf internationalen Festivals präsentiert hat, kann sich bewerben. Damit wird gewährleistet, dass bereits professionelle Erfahrung vorhanden, jedoch der Berufsweg noch nicht festgefahren ist. In diesem Jahr gab es rund 3200 Bewerbungen aus rund 130 verschiedenen Ländern. Bei der Auswahl seien neben der filmkünstlerischen Arbeit auch spezifische kulturelle Kriterien wie lokale Wirkung und inhaltliche Relevanz in den Herkunftsländern entscheidend. Weghorn betont dabei den Wechsel vom anfänglich als Nachwuchsprogramm geführten Event zum Talent-Förderprogramm.

Im Rahmen des Programms gibt es zwar auch öffentlich abgehaltene Talks und Filmvorführungen. Es geht aber in erster Linie darum, in einem geschlossenen Teil, der ausschließlich den 250 Talenten vorbehalten ist, praktisch zu arbeiten. Im Gespräch mit Weghorn fallen dazu Begriffe wie „Schaffung von Schutzräumen“, „game changer“, „pressure cooker“. Das mag nach gut einstudiertem PR-Jargon klingen. Tatsächlich funktioniert das Netzwerk über viele Jahre hinaus als nachhaltiger Kreativitätspool. „Es geht um das Schaffen und Pflegen von Beziehungen.“ Weghorn nennt es „bewusstseinserweiternd“ und meint damit, dass die Arbeit durch Zusammenkunft, gegenseitige Unterstützung und Austausch, für den man eben erst einmal eine gemeinsame Sprache finden muss, besser wird. Und wer für ein späteres Projekt eine Kamerafrau in Simbabwe sucht, mag sie hier schneller und persönlicher finden als woanders. Dahinter steckt ein riesiger Administrations- und Kommunikationsapparat aus zahlreichen Festivalarbeitern, der die Menschen analog bereits auf vielen weiteren Filmfestivals zusammenbringt.

Dieses Netzwerk will organisiert und koordiniert werden, wobei in 16 Jahren „alles komplexer geworden sei“, so Weghorn. Die Talents steuern dem mit thematischer Zielführung entgegen. Es gibt in jedem Jahr ein Thema, dem sehr konkrete Angebote unter- und zugeordnet sind. Der Fokus in diesem Jahr lautet „Secrets“. Es soll um versteckte Botschaften in filmischen Geschichten und Bildern gehen, aber auch um (vielleicht noch) unbekannte Wege zum Erfolg. Film haftet immer etwas Rätselhaftes an, das entschlüsselt werden will, und die Lust an unterschiedlichen Lesarten des jeweiligen Zuschauers will ja auch befriedigt werden. „Es geht um ein Hineindenken in Film als offenes Geheimnis, in dem man nicht alles entdecken soll, denn das Fragenstellen ist ja auch Teil des Spaßes am Film. Dies wird auf die verschiedenen Gewerke ausbuchstabiert“, sagt Weghorn. Für Bildgestaltende geht es in diesem Jahr beispielsweise unter anderem um die Fragen: Was ist eigentlich das Geheimnis einer bestimmten Zeit? Welches Licht, welche Farben werden eingesetzt? Was bewirken sie? Es geht also um die visuelle Gestaltungsfreiheit und -kreativität der Kameramänner und -frauen. Um den Zauber und das Vermögen, ein Gefühl darzustellen. Mentor wird hier auch Rui Poças sein, der als Bildgestalter für Miguel Gomes’ Tabu und Lucrecia Martels Zama verantwortlich zeichnet.

Daneben bietet die Talent Press für die Filmkritik beispielsweise Gelegenheit, unter einem engmaschigen Mentoring zu schreiben, zu besprechen und unter Festivaldruck zu veröffentlichen. Sie bildet eine kleine Ausnahme: Ihre Talente sind in ihrer praktischen Arbeit eben gerade nicht eng verzahnt mit den anderen Gewerken. Das mag auch daran liegen, dass Filmkritiker weiterhin häufig keine berufsspezifischen Lebensläufe besitzen und nicht mit Kollegen aus anderen Bereichen in Filmhochschulen anzutreffen sind. Auch ist für Kritiker der Austausch über ihre Arbeit oft noch seltener als in anderen Bereichen. Jeder schreibt am Ende für sich allein. Und dabei bleibt die Grundsatzfrage bestehen: Ist Filmkritik überhaupt ein Gewerk? Für Kritiker mögen die Talents also zusätzlich als kritische Selbstbefragung der Profession funktionieren.

Filme selbst werden bei den Talents sehr wenige gezeigt und jene, die zu sehen sind, werden ganz bewusst eingesetzt. Die unterschiedlichen Veranstaltungen sind sehr spezifisch auf ein Thema hin ausgelegt. Nicht nur, aber auch dadurch zeigen die Talents seit langem deutlich, auf welche Weise Profilschärfung innerhalb eines Festivals umsetzbar ist. Für die Zukunft der Talents und des Festivals in einer Post-Kosslick-Ära ist weiterhin alles offen. Die Ausgabe 2018 wird die vorletzte des langjährigen Leiters sein, dem in den vergangenen Monaten immer wieder laute Kritik entgegengebracht wurde. So in offenen Briefen an Kulturstaatsministerin Monika Grütters von Seiten des Verbandes der deutschen Filmkritik e.V. im April 2017 und von 79 Regisseurinnen und Regisseuren im November 2017, die allesamt eine Neuausrichtung des Festivals fordern. Hier geht es in erster Linie um einen transparenten Prozess der Neubesetzung und eine starke Entschlackung des Filmprogramms.

Wenn die Kritik bei einer neuen Festivalleitung Gehör findet, mag es auch bei der Berlinale insgesamt wieder mehr „family hugs“ statt nur „handshakes“ geben, was in diesem Zusammenhang ja auch freundschaftliche Zusammenarbeit in cinephil profilgebildeter Umgebung meint. Die Hoffnung stirbt zuletzt

 



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