ray | Wind River

Wind River

Die Tote im Schnee

 

Die eisige Kälte steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Aber was noch schlimmer ist: Sie erschwert die Ermittlungen, für die es die vom FBI als Vertretung aus Las Vegas gesandte Jane Banner ins tiefste Wyoming verschlagen hat, nachdem der Wildhüter Cory Lambert in der verschneiten Einöde des Wind-River-Indianerreservats eine Frauenleiche entdeckt hat. Bei der Verstorbenen handelt es sich um die 18-jährige Ureinwohnerin Natalie Hanson, die vor ihrem Tod sexuell missbraucht wurde, letztlich aber den extremen Witterungsverhältnissen auf ihrer Flucht erlag, als sie barfuß und nur leicht bekleidet kilometerweit durch die Nacht rannte. Angesichts dieser Umstände sind der jungen Agentin offiziell die Hände gebunden, dennoch beschließt sie, vor Ort zu bleiben, um gemeinsam mit Lambert und der örtlichen Polizei nach dem Täter zu fahnden. Aber auch das ist nicht so einfach, denn neben dem tiefen Misstrauen der indianischen Gemeinde hat Banner vor allem mit der allgemeinen Verschwiegenheit der Menschen zu kämpfen, die sie umgeben. Wer spricht, hat in Taylor Sheridans Film etwas zu sagen, aber auch die Stille zwischen den Worten bekommt immer wieder ihren großen Auftritt in diesem leise wütenden Thriller, der vieles richtig macht und in seinen besten Momenten mit einer unbequemen Wucht unter die Haut geht, wie man sie von einem feinen Genrestück erwartet.

Sheridan hat offensichtlich ganz genau hingeschaut, als er zunächst Denis Villeneuve in Sicario (2015) und anschließend David Mackenzie in Hell or High Water (2016) über die Schulter schauen durfte, für dessen Filme er jeweils die Drehbücher lieferte. Dennoch zeugt auch sein erster Einsatz hinter der Kamera bereits von einer versierten eigenen Handschrift, die Wind River zu einem mehr als würdigen Regiedebüt machen. Wenn es etwas zu beanstanden gibt, dann lediglich dies: ein Film, der in seinem Nachspann explizit auf die fatalen Versäumnisse der amerikanischen Behörden bei der Aufklärung von sexuellen Übergriffen auf die in Reservaten lebenden Frauen hinweist und ausdrücklich diesem Zweck gewidmet ist, sollte mehr Zeit mit diesen Frauen verbringen.

Stattdessen bietet Sheridans Drehbuch in erster Linie Elizabeth Olsen und Jeremy Renner die Möglichkeit, ihre Figuren durch kraftvolle Hingabe mit Leben zu füllen, und gleichzeitig den politischen korrekten Rahmen abzustecken. Klug und überaus sehenswert ist sein Film trotzdem, wenn es auch vor allem die tiefer liegenden, existenziellen Fragen um Trauer, Verlust und Tod sind, die über den Kinobesuch hinaus im Hinterkopf bleiben.

 



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Drama/Thriller, Großbritannien/Kanada/USA 2017


Regie, Drehbuch Taylor Sheridan
Kamera Ben Richardson
Schnitt Gary D. Roach
Musik Nick Cave, Warren Ellis
Production Design
Neil Spisak
Kostüm Kari Perkins
Mit Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Graham Greene, Julia Jones, Gil Birmingham, Kelsey Asbille, Jon Bernthal, Kelsey Chow
Verleih Thimfilm, 110 Minuten
Kinostart 9. Februar

 


 



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