Das schweigende Klassenzimmer

Eine historische Begebenheit als eindrucksvolles Menetekel

 

Es ist nur ein kurzer Ausflug, den zwei Schüler, die wenige Monate vor dem Abitur stehen, nach Westberlin unternehmen. Im Oktober 1956 können sie ihre Heimat, die DDR, noch recht problemlos verlassen. Bei einem Kinobesuch sehen die beiden einen Wochenschau-Bericht über den Aufstand in Ungarn und das Eingreifen sowjetischer Truppen. Zurück im heimatlichen Stalinstadt beschließen sie gemeinsam mit ihren Schulkameraden ein Zeichen des Protests zu setzen: Zwei Minuten lang will die Klasse im Unterricht einfach schweigen, doch die kleine Solidaritätsgeste schlägt hohe Wellen. Der Direktor der Schule ist gewillt, die Aktion jugendlichem Überschwang zuzuschreiben und versucht, die Sache so gut wie möglich zu applanieren. Doch als eine übergeordnete Behörde Wind von der Angelegenheit bekommt, beginnt der Apparat zu rotieren, der stille Protest wird als politische Agitation betrachtet, die unbedingt sanktioniert werden muss. Doch obwohl die Staatsmacht den Druck immer mehr erhöht, bleiben die jungen Leute standhaft und weigern sich, vermeintliche Rädelsführer zu denunzieren.

Lars Kraume zählt zu den spannendsten Persönlichkeiten, die der deutsche Film derzeit aufzuweisen hat. Seine Meriten verdiente sich Kraume als Regisseur und Drehbuchautor sowohl mit feinen Fernseharbeiten – wie etwa einigen Tatort-Folgen mit herrlich gegensätzlichen Ermittlern, die von Joachim Król und Nina Kunzendorff verkörpert werden, oder der Adaption von Ferdinand von Schirachs Bühnenstück „Terror“– als auch mit Kinofilmen wie Der Staat gegen Fritz Bauer, mit dem Kraume ein ganz anderes Stück deutscher Zeitgeschichte aufarbeitete. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine präzise, atmosphärisch dichte Schilderung ihrer jeweiligen Milieus und durch Figuren aus, die auch im Genre-Rahmen vielschichtig gezeichnet sind. Genau diese Qualitäten finden sich auch in diesem ebenfalls auf einer wahren Begebenheit beruhenden Film wieder.

Kraume setzt dabei jedoch keine Heldengeschichte nach eingängigem Muster in Szene, die Konfliktlinien verlaufen differenzierter. Der Protest der jugendlichen Protagonisten entspringt nämlich keineswegs einer fundamentalen Opposition gegen Staat und Gesellschaft, sondern vielmehr einer emotional basierten Auflehnung gegen bitteres Unrecht. Die Katastrophe wird nach und nach durch ideologischen Fanatismus, Opportunismus, Dummheit und schlichtweg Angst um die eigene Haut losgetreten – jene verhängnisvolle Mischung, die die Unmenschlichkeit autoritärer Systeme ermöglicht und die Kraumes Inszenierung über den Anlassfall hinaus erschreckend deutlich macht.

 



Kein Kommentar vorhanden.





Tags


Social Bookmarks