Mann mit Eigenschaften

Kaum ein anderer Hollywoodschauspieler seiner Generation hat in den vergangenen Jahren ein derartig eigenständiges Profil entwickelt wie Jake Gyllenhaal. Der Teenager aus „Donnie Darko“ dreht heute Filme mit Jacques Audiard und Bong Joon-ho. Oder spielt in David Gordon Greens „Stronger“ einen Mann, der ohne Beine zurück ins Leben finden muss. Zeit für ein Porträt.

 

Your fucking legs, they are gone, bro.“ Als Jeff Bauman im Krankenhaus aufwacht und mit diesen Worten zu hören bekommt, dass ihm seine Beine abgenommen werden mussten, bleibt die erwartete Reaktion überraschend aus. Irgendwie scheint der junge Mann, der beim Stadtmarathon von Boston in der Nähe der Ziellinie auf seine Freundin Erin gewartet hat, seltsam gefasst. Es ist die erste Großaufnahme seines Gesichts in diesem Film, und sie zeigt, wie Bauman nur die Stirn runzelt. Kleine Falten deuten auf diese erste Verstörung. Die Bilder des Anschlags, die David Gordon Green viel später nachreicht, liefern die Erklärung: Mit diesem Verlust war für Bauman zu rechnen.
Erst bei der Abnahme der Verbände wird Bauman dann vor Schmerzen schreien und nicht dorthin blicken können, wo früher seine Beine waren. Und er wird der Wirklichkeit entgegenbrüllen.
Mit seinem jüngsten Film Stronger erzählt Green ein Heimkehrerdrama, bei dem der Krieg bereits in der Heimat angekommen ist. Für Patriotismus alter Schule ist bei Green, mit Arbeiten wie George Washington ein Vertreter eines neuen Realismus im US-Kino, erwartungsgemäß kein Platz: Die trinkfreudige Mutter Bauman freut sich über die Popularität des Sohns und möglichen Profit („My son is a fucking hero“), die Arbeiterfamilie verbringt die meiste Zeit im Pub und vor dem Fernseher, und im Haus, in das Jeff im Rollstuhl heimkehrt, ist buchstäblich der Lack ab. Stronger ist alles andere als ein Antiterrorfilm – nur als der erste der beiden Attentäter von der Polizei erschossen wird, bricht bei Freunden und Familie vor dem Fernseher Jubel aus. Jeff liegt währenddessen in einer abgenutzten Badewanne, in der er ausgestreckt Platz hat. So wie Greens Inszenierung jedwedes Pathos, so fehlt Jeff Bauman jeder Heroismus. Und wie so oft in den vergangenen Jahren verleiht Jake Gyllenhaal seiner Figur das richtige, das ungeschönte Maß.

Auch wenn man sich für das Kino die Vergangenheit immer ein wenig so zurechtlegt, wie man sie braucht: Als im Oktober 2001 der ziemlich billige und ebenso verstörende Independentfilm Donnie Darko in die US-Kinos kam, bedeutete die erste Hauptrolle für Gyllenhaal keineswegs den großen Durchbruch. Der psychisch labile Teenager Donnie, der in den späten achtziger Jahren den Absturz eines Flugzeugtriebwerks auf sein Zimmer nur überlebt, weil in der Nacht zuvor eine Gestalt im Hasenkostüm eine Warnung ausgesprochen hat, trug kaum jene Züge, mit denen in Hollywood gemeinhin Karriere zu machen ist. Sieht man sich heute Richard Kellys Film erneut an, erstaunt vor allem die Tatsache, wie stark man nach wie vor von der Inszenierung, aber auch Gyllenhaals Spiel gefordert ist. Im Kino gefloppt, wurde Donnie Darko wenig erstaunlich über den DVD-Vertrieb zum sogenannten Kultfilm. Weshalb man heute im Making-of hören kann, wie die wunderbare Mary McDonnell am Set dem jungen Kollegen, der derweil hinter Holmes Osborne herumalbert, eine große Karriere prophezeit. Es sei eine Rolle gewesen, die er im Grunde nicht durchschaut habe, so Gyllenhaal, zugleich aber auch „eine Reise um herauszufinden, wer man wirklich ist“.

Das passt gut zum Bild eines 20-jährigen Jungschauspielers, der noch gar nicht wissen kann, wohin es gehen wird. Zu diesem Zeitpunkt hatte Gyllenhaal zwar schon einige kleinere Leinwandauftritte zu verbuchen, etwa in City Slickers oder in dem vom seinem Vater, dem Autor und Regisseur Stephen Gyllenhaal, inszenierten Homegrown mit Billy Bob Thornton; hauptsächlich aber ein abgebrochenes Studium an der Columbia University in New York und viel Zeit, sich in größeren Produktionen mit Nebenrollen hochzuarbeiten. Und obwohl weder die Tragikomödie Moonlight Mile noch Roland Emmerichs Eiszeitkatastrophenblockbuster The Day After Tomorrow gute Filme geworden sind, etablierte sich Gyllenhaal an der Seite von Oscar-Preisträgerin Susan Sarandon und Stars wie Dennis Quaid als charismatischer junger Typ.

Den vollständigen Text lesen Sie in unserer Printausgabe.



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STRONGER


Drama, USA 2017
Regie
David Gordon Green
Drehbuch John Pollono
nach „Stronger“ von Jeff Bauman, Bret Witter Kamera Sean Bobbitt
Schnitt Dylan Tichenor
Musik Michael Brook
Mit Jake Gyllenhaal, Tatina Maslany, Miranda Richardson, Clancy Brown
Verleih Constantin, 119 Minuten
Kinostart 20. April

 

 



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