ray | WIENER FESTWOCHEN – McCarthy im Gespräch

Hollywood und Disney sind unsere Leichen im Keller

Bei den Wiener Festwochen präsentiert der Künstler Paul McCarthy seine eigenwillige Sicht auf die Mythen der US-Populärkultur und auf John Fords Western-Klassiker „Stagecoach“.

 

Dass Paul McCarthy stets für Überraschungen und Provokationen gut ist, hat mit dem scharfen Blick zu tun, den der gefeierte US-Künstler seit vielen Jahren auf die Liebkinder der Populärkultur wirft. Egal ob Performances, Installationen oder Skulpturen: McCarthy ist einer der einflussreichsten Künstler seiner Generation. Im Rahmen der Wiener Festwochen präsentiert er gemeinsam mit Sohn Damon seine Version von John Fords Stagecoach. Wie im Western-Klassiker machen sich auch in Coach Stage Stage Coach (CSSC) und Donald And Daisy Duck Adventure (DADDA) sechs Passagiere in einer Postkutsche auf den Weg – und landen treffsicher im Unbewussten des Zuschauers.


„Stagecoach“ ist einer der bedeutendsten Western und mithin ein Klassiker der Filmgeschichte. Warum hat Sie ausgerechnet dieser Film inspiriert? Haben Sie eine persönliche Beziehung zu Fords Arbeiten?

Es gibt sogar einige Gründe. Zunächst einmal funktioniert
Stagecoach aufgrund seiner signifikanten Verschmelzung von Hollywood und Amerika als Teil einer Propagandamaschine. Fords Film ist für mich aber auch als visuelles Zeichen interessant, um über Amerika und seine Unterhaltungsindustrie nachzudenken. Der zweite Grund ist die Kutsche selbst, in der sechs Charaktere – drei auf jeder Seite, die einander anblicken – unterwegs sind; in einer kleinen Schachtel quer durch Amerika. In CSSC fährt die Postkutsche hauptsächlich in einem großen Kreis durch die High Desert außerhalb von Los Angeles. In DADDA steht sie in einem Studio vor einer Hintergrundfläche, da verwenden wir die Green-Screen-Technik.

 

Das heißt, es gibt kein Monument Valley in „CSSC“?

Nein.


Das Szenario einer Handvoll Figuren in einer Kutsche hat sich in der Literatur- und der Filmgeschichte schon zuvor als fruchtbar erwiesen, ich denke da etwa an Guy de Maupassants „Boule de suif“ oder an dessen filmische Adap
tion durch Mikhail Romm. Worin besteht die Faszination, ein paar Leute in einen engen Raum zu stecken?

Intensität, Intimität und Interaktion. Dass die Figuren gezwungen sind, sich mit den anderen auseinanderzusetzen, selbst wenn sie einander nichts zu sagen haben. In unserem Stück sind es überzeichnete Charaktere, aber mit offensichtlichem Realitätsanspruch. Es ist ein Rollenspiel, bei dem wir nach etwas ganz Bestimmtem suchen. Es ist eine andere Idee von Vollständigkeit und Stimmigkeit als im traditionellen Kino, die wir verfolgen: Es geht nicht um Perfektion.

 

Wie oft haben Sie „Stagecoach“ als Vorbereitung auf Ihren Film gesehen? Haben Sie eigentlich eine Lieblingfigur?

Ich habe den Film ein- oder zweimal gesehen, aber noch bevor er für mich zum Thema für dieses Projekt geworden ist. Als ich dann darüber nachgedacht habe, ihn als Idee für CSSC aufzugreifen, habe ich ihn mir nochmals angeschaut, oder vielleicht war es zweimal. Aber Ford zu studieren war ja nicht mein Ausgangspunkt. Die Charaktere in Stagecoach und dessen Erzählung sind reine Klischees, die sind ohnehin schon in meinem Kopf. Mich interessierte am ehesten die unterdrückte Liebesgeschichte zwischen John Wayne und Claire Trevor. Wenn Waynes Figur bemerkt, dass er heiß ist auf sie, dann biegt sich im Wind sein Hut nach oben! Aber diese repressive Liebesgeschichte spielt für uns eigentlich keine Rolle, obwohl – ich habe eine Skulptur von John Wayne mit gebogenem Hut angefertigt.

 

Was hat es mit dieser unterdrückten Sexualität im Western auf sich?

Im Wesentlichen ist der Western ein populäres, kontrolliertes Genre. Man kann sagen, dass er sich mit falschen Werten solidarisch erklärt, die ziemlich scheinheilig sind. Er stimmt mit dem Programm überein.


Das vollständige Interview lesen Sie in unserer Printausgabe.



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„ray“ präsentiert „CSSC/DADDA“ am 12. Juni um 19 Uhr im Wiener Gartenbaukino in Anwesenheit von Paul McCarthy.
www.festwochen.at

 



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