Todesspiel

„Der Hauptmann“ von Robert Schwentke legt die verhängnisvollen Mechanismen eines mörderischen Systems offen.

 

Die Angst steht Willi Herold im wahrsten Sinn des Wortes ins dreckverschmierte Gesicht geschrieben. In den letzen Wochen des Zweiten Weltkriegs hat der einfache Gefreite genug vom sinnlosen Sterben und setzt sich von seiner Truppe ab. Auf der Flucht vor den gefürchteten Feldjägern der Wehrmacht, die mit Deserteuren kurzen Prozess zu machen pflegen, rettet er sich in letzter Minute in ein kleines Erdloch in einer Böschung. Wie er sich in seinem Versteck verkriecht, nur wenige Meter von seinen Häschern entfernt, erscheint der Gefreite Herold wie das Sinnbild der gequälten, leidenden Kreatur, die befürchten muss, dass man ihr nicht einmal mehr das nackte Leben lässt. Doch innerhalb kürzester Zeit wird Willi Herold eine unfassbare Wandlung vollziehen – aus dem um sein Leben zitternden Häufchen Elend wird einer jener mörderischen Helfershelfer und Pflichterfüller, die maßgeblich für die Barbarei, die der Nationalsozialismus über die Welt brachte, mitverantwortlich zeichneten. Und alles, was Willi Herold dazu braucht, ist zunächst nur ein Stück Stoff …

 

Köpenickade

Robert Schwentke zeigt mit Der Hauptmann eine Episode aus der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs, die sich – so unglaublich das angesichts der sich dabei abspielenden Ereignisse auch erscheinen mag – tatsächlich zugetragen hat. Nachdem Herold (Max Hubacher) seine Verfolger abschütteln kann, stößt er auf ein verlassenes Militärfahrzeug. In diesem findet er eine zurückgelassene Hauptmannsuniform. Schnell erkennt Herold seine Chance, er legt die Uniform an, weil er hofft, als (vermeintlicher) Offizier, leichter etwaige Kontrollen passieren zu können und so die kurze Zeit bis zum sich deutlich abzeichnenden Kriegsende doch irgendwie überstehen zu können. Schneller als ihm lieb ist, muss Herold jedoch in seine neue Rolle finden, als unerwartet ein versprengter Soldat namens Freytag (Milan Peschel) auftaucht, der – wohl auch, um nur ja nicht in den Verdacht zu kommen, ebenfalls fahnenflüchtig zu sein – sich bereitwillig dem Hauptmann unterstellt. Willi Herold sieht sich also gezwungen, seine Maskerade durchzuziehen, und er wird so gut in diese Rolle hineinwachsen, dass aus dem Spiel schnell mörderischer Ernst wird.

In dem Gasthaus eines nahe gelegenen Dorfes quartieren sich die beiden ein. Um sich gleich einmal Respekt zu verschaffen, erfindet Herold eine Geschichte, die angesichts seiner Situation geradezu aberwitzig erscheint. Er müsse eine ganz spezielle Mission erfüllen, in deren Rahmen er mit aller Schärfe gegen Deserteure vorzugehen habe. Das sei auch im Interesse der Zivilbevölkerung, die ja, wie der besonders schneidig auftretende Hauptmann postuliert, von Plünderungen durch Fahnenflüchtige betroffen sei. Womit offensichtlich ein Nerv getroffen ist, denn noch in derselben Nacht fangen die Dorfbewohner einen Deserteur und fordern ziemlich unverblümt die angekündigten rigiden Maßnahmen ein. Jetzt darf Willi Herold nicht aus der Rolle fallen, denn würde damit seine Tarnung auffliegen, wäre sein Schicksal besiegelt. Kurzerhand schießt er dem Gefangenen in den Kopf, eiskalt und ohne Zögern.

Nun gibt es für Herold kein Zurück mehr. Er sammelt weitere versprengte Soldaten auf, die, ähnlich wie Freytag, jeden Verdacht zerstreuen wollen und sich dem Hauptmann anschließen. Der hat mittlerweile seine neue Position perfekt verinnerlicht, nennt seine zusammengewürfelte Truppe, mit der er sich durch die Wirrnisse der letzten Kriegswochen schlägt, „Sonderkommando Herold“ und passiert mit seiner forschen Dreistigkeit jede weitere Kontrolle. Aufkeimende Zweifel zerstreut er endgültig mit dem Satz, er habe Befehl „von ganz oben, direkt vom Führer“. Spätestens da wird Herold seine Rolle auch von höherrangigen Chargen bereitwillig geglaubt, man unterstützt ihn sogar in der Erfüllung seines „Auftrags“. Doch damit nimmt der verhängnisvolle Mechanismus aus Befehl und Gehorsam, jener Ungeist, der all die unfassbaren Verbrechen des „Dritten Reichs“ ermöglichte, mit gnadenloser Unerbittlichkeit seinen Lauf. Als Herold mit seiner Truppe Einzug in ein Strafgefangenenlager hält, wo sich hauptsächlich Deserteure und politische Häftlinge befinden, mutiert die Köpenickade endgültig zum grausigen Machtrausch samt Gewaltexzess.

 

Den vollständigen Text lesen Sie in unserer Printausgabe.



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Der Hauptmann


Drama, Deutschland/Frankreich/Polen 2017
Regie, Drehbuch Robert Schwentke
Kamera Florian Ballhaus
Schnitt Michael Czarnecki
Musik Martin Todsharow
Production
Design Harald Turzer
Kostüm Magda Rutkiewicz-Luterek
Mit Max Hubacher, Milan Peschel, Frederick Lau, Bernd Hölscher, Waldemar Kobus, Alexander Fehling, Samuel Finzi, Wolfram Koch, Britta Hammelstein
Verleih Filmladen, 119 Minuten
Kinostart 8. Juni

 



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