Von einem, der Auszog

Für „Offenes Geheimnis“ hat es den iranischen Regisseur Asghar Farhadi nach Spanien verschlagen. Dennoch bleiben die Themen und Motive, die sich durch alle seine Filme ziehen, auch in der Fremde präsent. Ein Gespräch über Zweifel, Zeit und Zugehörigkeit.

 

Einen Film in einem Land zu drehen, das man nicht kennt, ist schon schwer genug. Ihn obendrein in einer Sprache zu filmen, die man nicht spricht, kommt dagegen beinahe einem kreativen Selbstmord gleich. Möchte man meinen. Nicht jedoch für Asghar Farhadi, den zweifach Oscar-prämierten Regisseur (A Separation, The Salesman) aus dem Iran, der für sein jüngstes Werk genau diese Herausforderung angenommen hat. Der Schauplatz, die Darsteller und die Geschichte sind gänzlich spanischer Natur, basierend auf einem Drehbuch, das Farhadi eigens aus dem Iranischen übersetzen ließ, um am Set in der Originalsprache zu drehen.

Offenes Geheimnis (Originaltitel: Todos lo saben) erzählt von der Spanierin Laura (Penélope Cruz), die eingangs in ihre Heimat zurückkehrt, um der Hochzeit ihrer kleinen Schwester beizuwohnen. Begleitet wird sie von ihren beiden Kindern, weil ihr Mann Alejandro (Ricardo Darín) angeblich zu Hause in Argentinien geschäftlich zu sehr eingespannt ist. Dafür hat man jedoch durchaus Verständnis in dem verschlafenen Städtchen nicht weit von Madrid, denn schließlich ist Lauras Familie und der dazugehörige Freundes- und Bekanntenkreis so groß, dass es auch ohne ihn ein rauschendes Fest zu werden verspricht. Bis das Undenkbare geschieht: Am Abend der Feier wird Lauras 16-jährige Tochter Irene (Carla Campra) entführt. Und da die Kidnapper bei Einschalten der Polizei mit dem Schlimmsten drohen, wird aus dem ausgelassenen Familientreffen bald  ein verzweifeltes Kampf gegen die Zeit. In ihrer tiefen Verzweiflung hofft Laura auf die Unterstützung von Paco (Javier Bardem), ihrer einstigen großen Jugendliebe. Der ist zwar mittlerweile selbst verheiratet und hat zudem ein gutgehendes Weingut, an dem sein Herz hängt. Dennoch unterstützt er die vom Schock wie gelähmte Mutter bei der Suche nach Irene, bis Alejandro eintrifft und bald darauf die gesamte Familie aus Angst und Kummer um das Mädchen auseinanderzubrechen droht. Immer ärger werden die Anschuldigungen, immer düsterer die Verstrickungen, bis am Ende keiner mehr weiß, wem noch zu trauen ist.

 

Herr Farhadi, ich kann mir vorstellen, dass es Menschen auf der ganzen Welt gibt, die gerne mit Ihnen zusammenarbeiten würden. Was hat Sie ausgerechnet nach Spanien verschlagen?

Der Auslöser für den Film ist unmittelbar mit Spanien verbunden. Es ging um etwas, das ich dort gesehen habe, und von dem Moment an war die Geschichte für mich automatisch in einen spanischen Kontext eingebunden. Ich hätte nie daran gedacht, die Handlung zu verlagern oder woanders zu drehen. Vielleicht liegt es zum Teil auch daran, dass ich bereits als Kind eine sehr idealistische Vorstellung von dem Land hatte. Ich habe Spanien immer als einen extrem farbenfrohen, mannigfaltigen Ort im Kopf gehabt. Wahrscheinlich nicht zuletzt auch als eine Art Wunsch oder Idealvorstellung davon, wie mein Heimatland vielleicht auch einmal aussehen könnte. In Spanien herrscht ein bemerkenswertes Gleichgewicht zwischen Tradition und Moderne, von dem man im Iran heute nur träumen kann.

 

Hatten Sie anfangs Bedenken, ob und wie sich dieses Gleichgewicht sowie ein authentisches spanisches Lebensgefühl auf der Leinwand umsetzen lassen würden?

Es war die größte Herausforderung, die sich mir bei der Arbeit an diesem Film stellte. Dass es eben nicht so aussieht, als wäre hier ein Fremder, ein Außenseiter am Werk gewesen. Vor allem in den Augen der spanischen Zuschauer, die natürlich eine ganz klare Vorstellung davon haben, was spanisch ist und was nicht. Und nicht nur ich, nicht nur die Schauspieler hatten damit zu kämpfen. Die komplette Crew war darum bemüht, das richtige Gefühl, die richtige Balance zu finden – es weder zu übertreiben in der Angst, den Ton nicht ganz zu treffen, aber andererseits auch nicht in abgeschmackte Klischees zu verfallen, sondern etwas zu kreieren, das bis in kleinste Details authentisch herüberkommt. Aber wie gesagt, wenn uns das gelungen ist, dann ist es nicht mein Verdienst, sondern derer, mit denen ich zusammengearbeitet habe.

 

In Ihrem Film geht um alte und neue Lieben, aufbrechende Familienstrukturen, Besitzansprüche, Geheimnisse und fatale Verstrickungen. Das Ganze gleicht bisweilen einer griechischen Tragödie.

Ja, ich interessiere mich sehr für die Erzählungen der alten Griechen. Zwar kann man sie heute nicht mehr so direkt wiedergeben wie damals, aber etwas von ihrem Wesen und ihrer Wirkkraft hat ganz klar noch immer seine Berechtigung in den Geschichten, die wir heute erzählen. Mit anderen Worten: Vielleicht muss der Held heute nicht mehr unbedingt gleich mit seinem Leben bezahlen, aber er muss dafür auf andere Weise büßen. Zudem gibt es im Film nicht nur eine Person, die in die Tragödie stolpert, wie es in einer klassischen griechischen Tragödie üblich ist. Hier ist es gleich eine ganze Gruppe von Menschen, die allesamt herhalten müssen. Jeder einzelne von ihnen hat sein Opfer zu bringen.

 

Das vollständige Interview lesen Sie in unserer Printausgabe.



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Offenes Geheimnis / Todos lo saben


Drama/Thriller, Spanien, Frankreich, Italien 2018
Regie, Drehbuch Asghar Farhadi
Kamera José Luis Alcaine
Schnitt Hayedeh Safiyari
Musik Javier Limón
Production Design María
Clara Notari
Kostüm Sonia Grande
Mit Javier Bardem, Penélope Cruz, Ricardo Darín, Bárbara Lennie, Eduard Fernández, Inma Cuesta, Carla Campra, Elvira Mínguez, Ramón Barea
Verleih Thimfilm, 132 Minuten
Kinostart 28. September

 

 



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